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Zwischen Hoffen,Bangenund Wut

Seit Trumps Annexionsfantasien ist die grönländische Diaspora in Dänemark in heller Aufregung. Könnte die aktuelle Lage auch eine Chance auf Aussöhnung mit der dänischen Gesellschaft sein?

Kopenhagen am 17. Januar: Gemeinsamer Protest vor der US-Botschaft Foto: Hilary Swift/NYT/redux/laif

Aus Kopenhagen Judith Poppe

An einem Donnerstagnachmittag im Hinterhof des Grönländischen Hauses im Zentrum von Kopenhagen treffen sich einige Dutzend Grönländer und Dänen und gehen ein Wagnis ein: Sie stellen sich den bitteren Spuren des Kolonialismus. Sie versuchen, sich damit zu versöhnen. Zusammenzurücken.

Es ist der Tag, an dem US-Präsident Donald Trump beim Weltwirtschaftsforum in Davos landet. Die ganze Welt wartet auf seine Ansprache und seine nächsten Äußerungen zum Streit um Grönland. Was sich zur gleichen Zeit viele Tausend Kilometer entfernt in Kopenhagen abspielt, dürfte ihm wohl nicht gefallen.

Gaz Zaa Lung beugt sich über eine kleine steinerne Schale, in der Öl schwimmt. Am vorderen Rand der Schale presst sie Moos zusammen, träufelt mit einem Holzstäbchen Öl darauf und zündet es an. Das brennende Moos leuchtet hell auf. Als Kinder, erzählt sie, mussten sie ganz still sein, wenn ihre Großmutter diese Lampe anzündete. Empfindlich reagierte die selbst auf kleine Luftzüge. Zaa Lung kommt aus Nordgrönland, aus Qaanaaq. Sie gehört zur Gruppe der Inughuit, der kleinsten Gruppe der indigenen Inuit. „Für den Frieden“, sagt Zaa Lung, während sich das Feuer auf dem Moos ausbreitet. Dann holt sie eine Trommel hervor und singt ein Lied, so wie ihre Urgroßmutter es immer getan hat. Es geht um die Sehnsucht nach der Familie, die weit weg ist, um den Versuch, mit dem Klang der Trommel die Distanz zu überbrücken und in der Ferne gehört zu werden.

Grönländische Traditionen und der grönländische Alltag haben in der dänischen Gesellschaft nicht viel Platz. Dabei leben dort fast 20.000 Grön­län­der:in­nen, was fast einem Drittel der gesamten Bevölkerung Grönlands entspricht. Doch im Radio und Fernsehen gibt es so gut wie keine grönländischen Sendungen, keine Feiertage. Erst vor einigen Jahren begann Dänemark, am Nationalfeiertag Grönlands, am 21. Juni, die Fahne der Insel zu hissen.

Das Grönländische Haus in Kopenhagen will das ändern. Es ist ein Kultur- und Bildungszentrum, aber auch ein Ort des Austauschs für die vielen Grön­län­de­r:in­nen in Dänemark. Im vergangenen Herbst hat es einen Kurs für Grönländer und Dänen aufgelegt. „Naapitta“ nennt es sich auf Grönländisch („Lasst uns zusammenkommen“). Seitdem machen grönländische und dänische Teil­neh­me­r:in­nen genau das: Sie treffen sich zu Gesprächsrunden, Vorträgen und Workshops, um zu lernen, besser über Rassismus und Diskriminierung gegenüber Grön­län­de­r:in­nen sprechen zu können. Finanziert wird das Forum vom dänischen Inte­grationsministerium. Die meisten Treffen finden hinter verschlossenen Türen statt, aber einige sind öffentlich wie das an diesem Donnerstag.

Das Verhältnis zwischen Dänemark und Grönland ist kompliziert, die Kolonialgeschichte für viele Grön­län­de­r:in­nen schmerzhaft. Diese ungelösten Konflikte versucht Trump für seine eigenen geopolitischen Interessen zu nutzen. Mal will er die Insel kaufen, mal schließt er militärische Mittel nicht aus. Und er versucht einen Keil zwischen Grönland und Dänemark zu treiben. Dänemark könne die Insel nicht verteidigen, sagt er immer wieder. Doch kann sein Teile-und-herrsche-Plan aufgehen, oder erreicht Trump genau das Gegenteil von dem, was er vorhat?

Vieles deutet darauf hin, dass die Grön­län­de­r:in­nen und Dä­n:in­nen zusammenrücken. Gerade jetzt ist die Notwendigkeit da, mehr denn je. Denn unter den Grön­län­de­r:in­nen geht die Angst um – auch unter denen, die in Dänemark leben. Anja Hynne Nielsen ist eine von ihnen. Sie schläft seit zwei Wochen schlecht, seitdem Trump seine Drohungen verschärft hat. Aufgewühlt sieht sie Zaa Lung dabei zu, wie sie das Öl auf das Moos tropft.

Anja Hynne Nielsens Mutter ist Dänin, ihr Vater Grönländer. In ihre Ohrlöcher hat sie für das Treffen Ohrringe mit weißen Anhängern gehängt, angefertigt aus dem Schwanz eines Polarfuchses: traditioneller Schmuck aus Grönland. In ihrem Herzen ist dort ihr Zuhause – und um dieses Zuhause fürchtet sie. Unentwegt liest sie auf ihrem Handy die neuesten Nachrichten, ständig auf Breaking News gefasst, ­darauf, dass Trump militärisch angreift.

Kann Versöhnung gelingen, wenn die Wunden der Geschichte noch offen sind?

Sie ist nicht die Einzige. An diesem Nachmittag im Grönländischen Haus erzählen viele von ihrer Angst. In Grönland selbst bereiten sich die Menschen auf das Schlimmste vor. Am Tag zuvor rief der grönländische Premier Jens Frederik Nielsen dazu auf, sich auf eine mögliche Invasion vorzubereiten. Sie sei unwahrscheinlich, aber nicht auszuschließen, sagte er. Es werde bald öffentliche Leitlinien geben, die Haushalte sollten dann Lebensmittelvorräte für mindestens fünf Tage anlegen. Der Konsum von Beruhigungstabletten ist angestiegen.

Falls ihre Heimat in seine, Trumps, Hände fällt, da ist Anja Hynne Nielsen sich sicher, wird er das Land zerstören, die Natur, die sie so sehr liebt. Vor allem die in Arsuk – „der geliebte Ort“, heißt das übersetzt. Dort hat sie den größten Teil ihrer Kindheit gelebt, ganz im Süden von Grönland. Nielsen erinnert sich an die Fjorde, an deren Ufern sie spielte. Im Sommer saß sie mit ihren Freun­d*in­nen am Wasser und angelte, den Blick auf die Berge und Flüsse gerichtet, die sich ihren Weg ins Tal bahnten. Als Schulkind zog sie mit ihrer Familie nach Dänemark, später wieder zurück nach Grönland. Doch dann kam ihr Sohn zur Welt. Er hatte Epilepsie und kam mit einer Zerebralparese zur Welt. In Grönland konnte sie nicht die medizinische Unterstützung für ihn organisieren, die er brauchte. Also ging sie 2024 mit ihm zurück nach Dänemark. Bis vor Kurzem beschrieb sie ihre Identität mit den Worten: „Ich bin halbe-halbe.“ Doch jetzt, da so vieles in Bewegung geraten ist, verändert sich auch ihr Blick auf sich selbst: „Ich bin beides“, wolle sie von nun an sagen. „Wir wären so reich, wenn wir aus beiden Welten das Beste nehmen würden.“ Dann fängt sie an zu weinen.

„Die Diskriminierung greift tief, sie prägt Grönländerinnen in Dänemark bis heute“, sagt Nielsen. „Hau ab!“, riefen Kinder ihr in der Schule nach. „Geh zurück nach Grönland!“ „Lebt ihr eigentlich in Iglus?“, wurde sie immer wieder gefragt.

Einige Zerwürfnisse im Verhältnis zwischen Dänemark und Grönland erlangten internationale Aufmerksamkeit. So etwa der Skandal mit den Spiralen. Nielsen selbst war nicht betroffen, aber sie kennt viele Grönländerinnen, denen in den 1960er und 1970er Jahren zwangsweise Spiralen eingesetzt wurden. Dänemark wollte damit das Bevölkerungswachstum begrenzen. Weniger bekannt, aber nicht minder folgenreich ist das sogenannte Geburtsortkriterium. Demzufolge erhielten dänische Beamte, die in Grönland stationiert wurden, dänische Gehälter. Ihre Kol­le­g:in­nen vor Ort wurden nach grönländischen Standards bezahlt – auch Nielsens Vater.

Anja Hynne NielsenFoto: Judith Poppe

Jahrzehntelang war Grönland in Dänemark unterrepräsentiert, sagt Martine Lind Krebs. Sie ist Dänin, aber in Grönland aufgewachsen. In einem gerade erschienenen Buch über ein Grönlanddenkmal in Kopenhagen setzt sich die Anthropologin und Journalistin mit der dänischen Kolonialgeschichte auseinander. Wenn in den Medien über Grönland berichtet wurde, erzählt Krebs, ging es meistens um Tourismus oder um soziale Probleme: Alkoholismus, Missbrauch. Die Vorurteile halten sich bis heute. Eines der größten Pro­ble­me in ihren Augen: das Unwissen der Dä­n*in­nen über Grönland. In den Schulen werde kaum etwas da­rü­ber gelehrt. Die meisten Dänen wüssten nicht, dass Grönlands Hauptstadt Nuuk heißt und dass die Insel und ihre Bevölkerung bis 1953 eine Kolonie Dänemarks war.

All das – die Kolonialgeschichte, die Skandale, die Diskriminierung und Ignoranz – hat die Unabhängigkeitsbestrebungen der Grönländer verstärkt. Seit 1979 verfügt Grönland über eine weitreichende Selbstverwaltung, die 2009 mit dem Selbstverwaltungsgesetz deutlich ausgebaut wurde. Seither kontrolliert das Land die meisten innenpolitischen Belange selbst. Für Außen- und Sicherheitspolitik bleibt jedoch weiterhin Kopenhagen zuständig. Ein Punkt, der in Grönland immer wieder die Frage nach der Unabhängigkeit auslöst. Auf Hochtouren lief die Diskussion vor einem Jahr, vor und nach den grönländischen Parlamentswahlen. Einig war sich die Mehrheit der Bevölkerung darin, dass sie sich langfristig Unabhängigkeit wünschen. Uneins sind sie sich jedoch darüber, wann das möglich sein wird. Zu klein ist die Bevölkerung von knapp 60.000 Menschen, um eine unabhängige Wirtschaft am Laufen halten zu können. Zu dick ist die Eisschicht, zu unerschlossen das Land, um die Ressourcen heben zu können, von denen das Land gigantisch viel besitzt: Gold, Öl – und vor allem seltene Erden, an denen auch der US-Präsident Trump interessiert sein dürfte.

Mit Trumps Drohungen werden die Forderungen nach Unabhängigkeit leiser. Der Blick richtet sich zunehmend nach Dänemark, und damit bewegt sich auch etwas im grönländisch-dänischen Verhältnis. „Immer mehr meiner grönländischen Freun­d*in­nen sagen offen, dass sie den Rassismus nicht mehr hinnehmen können“, erzählt Krebs. Ihre Forderung: Die Dä­n:in­nen müssen sich ihrer Geschichte stellen.

Auf dänischer Seite stoßen sie damit zunehmend auf offene Ohren – man könnte fast schon sagen: dank Trump. Kaum eine Buchhandlung in Kopenhagen, die kein Themenschaufenster zu Grönland präsentiert, die weiß-rote grönländische Fahne stets dazudrapiert. Ausgestellt sind Romane grönländischer Autor*innen, daneben Bücher über Wanderrouten, aber auch Titel wie „So You Want to Own Greenland? Lessons from the Vikings to Trump“.

Wir wären so reich, wenn wir aus beiden Welten das Beste nehmen würden

Anja Hynne Nielsen

Auch die Demonstrationen, die Mitte Januar in Kopenhagen und in Grönlands Hauptstadt Nuuk gleichzeitig stattfanden, zeigen einen Wandel an. „Ich hatte Angst, dass kaum jemand kommt – doch dann das!“, sagt Julie Rademacher. Sie hat die Proteste mitorganisiert. In einer Büroetage im Zentrum von Kopenhagen hat sie einen Raum mit Uagut angemietet, einer Organisation, die die Rechte und kulturelle Identität der Grön­län­de­r:in­nen in Dänemark stärken will. Seit der Demo ist Rademacher eine sehr gefragte Person im Land. Ihre Augen leuchten, wenn sie von den Tausenden Menschen spricht, die sich auf dem Rådhusplads am vergangenen Wochenende versammelten, grönländische und dänische Fahnen schwenkten und „Kalaallit Nunaat!“ riefen – „Grönland!“ auf Grönländisch.

Sie entschuldigt sich, dass sie nur ein paar Minuten sprechen kann. Gleich hat sie das nächste Interview. Rademacher muss es im Taxi führen, auf dem Weg zum Radiosender. Doch eines will sie noch sagen und greift nach der grönländischen Fahne, die sie jetzt ständig dabeihat: „Grönland ist das erste Land auf Trumps Agenda. Aber wir müssen uns alle fragen: Wer ist als Nächstes dran? Wir müssen Trump stoppen – ihn und diesen Wahnsinn. Wir müssen die Demokratie verteidigen.“

Foto: Kristian Tuxen Ladegaard Berg/Kristian Tuxen Ladegaard Berg/picture alliance

Um sich und die Demokratie zu verteidigen, gehen in diesen Tagen auch viele Grön­län­de­r:in­nen auf die Dän:in­nen zu. Fast allen ist klar: Jetzt ist nicht die Zeit, um über Unabhängigkeit zu sprechen. Grönlands Premier Nielsen hat das Mitte Januar noch einmal sehr deutlich gemacht. Würden die Grön­län­de­r:in­nen vor die Wahl gestellt, sagte er, würden sie sich für Dänemark und gegen die USA entscheiden.

Doch kann Versöhnung gelingen, wenn die Wunden der Geschichte noch offen sind?

Ein Gefühl des Unbehagens bleibt. Etwas liegt in der Luft, das noch nicht geklärt ist. Eine grönländische So­zial­pädagogin spricht es auf der Veranstaltung im Grönländischen Haus aus: „Ich frage mich schon, ob die Dänen, die auf der Demonstration waren, da waren, um das Beste für Grönland zu fordern – oder um zu bestärken, dass Grönland zu Dänemark gehört.“

Foto: Hilary Swift/nyt/redux/laif

Dann sickern die Nachrichten durch. Trump sagt, er werde von militärischen Mitteln absehen. Nielsen atmet tief durch, zum vielleicht ersten Mal seit zwei Wochen. „Ich bin erleichtert. Für den Moment.“ Aber sie traut Trump nicht. Und sie sieht auch: Trump bleibt dabei, Grönland besitzen zu wollen. „Wir stehen nicht zum Verkauf, niemals. Wir Inuit haben der Welt so viel zu geben. Im Gegensatz zu diesem furchtbaren Menschen ohne Werte.“

Zugleich ist diese Zeit für Nielsen auch eine Chance: auf einen Dialog zwischen Grön­län­de­r:in­nen und Dän:innen, auf ein gleichberechtigtes Begegnen. Auf lange Sicht ist die Unabhängigkeit Grönlands ihr Ziel, aber jetzt ist auch für sie nicht der Moment dazu. Noch nicht. Jetzt müssten sie zusammenstehen, Grönländer und Dänen, meint sie. Und das bedeute auch: den Dialog über die Wunden des Kolonialismus zu führen. „Egal, wie es mit Grönland und Trump weitergeht“, sagt Nielsen, „wir sind an einem Punkt angelangt, hinter den wir nicht mehr zurückfallen werden. Das hoffe ich zumindest. Der Dialog ist eröffnet. Vielleicht können Wunden heilen.“

Ihre weißen Ohrringe schwingen, als sie zurückgeht zur Runde, in der Dä­n:in­nen und Grön­län­de­r:in­nen darüber sprechen, wie ihre Zukunft aussehen soll.

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