Terror in Magdeburg: Eine Stadt wird vergessen
In Magdeburg wird der Prozess gegen den Attentäter des Anschlags auf dem Weihnachtsmarkt fortgesetzt. Doch das Thema scheint die Öffentlichkeit kaum noch zu interessieren.
A m 20. Dezember 2024 fuhr ein damals 50-jähriger Mann mit einem geliehenen BMW über den Weihnachtsmarkt in Magdeburg. Sein Ziel war es, möglichst viele Menschen zu verletzen oder zu töten. Sechs Menschen wurden bei dem Anschlag getötet, über 300 zum Teil schwer verletzt.
Das genaue Motiv für den Anschlag ist weiterhin unklar. Für den Prozess am Landgericht Magdeburg wurde eigens eine neue Halle gebaut. Rund 80 Betroffene hatten sich als Nebenkläger:innen gemeldet. 100 Plätze waren für Presse, 100 für Zuschauende eingerichtet. Es wurde mit einem der größten Prozesse in der Geschichte Sachsen-Anhalts gerechnet. Seit dem 10. November muss der Angeklagte sich vor Gericht für seine Tat verantworten.
Das Erstaunliche: Die Reihen bleiben leer. Die medialen Berichte sind meist kurz oder bleiben ganz aus.
Warum aber fehlt das Interesse an einem Prozess, der einen der größten Terroranschläge in der Geschichte der BRD verhandelt? Und das knapp ein Jahr vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt?
Opfer, Betroffene, Angehörige
Die Generalstaatsanwaltschaft Naumburg wirft dem Angeklagten sechsfachen Mord, versuchten Mord in 338 Fällen und gefährliche Körperverletzung in 309 Fällen vor. Bereits am ersten Prozesstag gab der Angeklagte zu, den Wagen gesteuert zu haben.
Juristisch erscheint das Verfahren also wenig überraschende Erkenntnisse zu Tage fördern zu können. Aufklärung in Bezug auf die Hintergründe der Tat und den Täter sind vielmehr von Ermittlungsausschüssen und der Aufarbeitung seitens anderer Institutionen zu erwarten.
Von großer Wichtigkeit ist der Prozess in Magdeburg vor allem für die Opfer, Betroffenen und Angehörigen. In ihren Aussagen der letzten Wochen wurde deutlich, wie wichtig es ihnen ist, gehört zu werden und Teil der juristischen Aufarbeitung zu sein.
Um so erstaunlicher ist es, dass bereits an den ersten Tagen des Prozesses viele Besucherplätze leer blieben. Seitdem hat das öffentliche Interesse weiter abgenommen.
Tat jenseits der Muster
Der Prozess in Magdeburg mit einem Angeklagten aus Saudi-Arabien, der sich selbst als Islamkritiker versteht und auf einem christlichen Fest Zivilist:innen angegriffen hat, scheint kaum in vorgefasste Muster zu passen. Dies hindert die AfD hingegen keineswegs, Anschlag und Attentäter für ihre Ziele zu instrumentalisieren.
Denn grundlegende Fragen sind nach wie vor nicht geklärt. Nimmt man das Motiv, welches die Bundesanwaltschaft benennt, ernst, dass der Täter aus Frust über deutsche Behörden gehandelt habe, erschließt sich die Tat nicht.
Naheliegender wäre demnach ein Verbrechen, das sich gegen eine behördliche Institution gerichtet hätte. Der Täter entschied sich jedoch, ein öffentliches Fest anzugreifen. Über Einordnung von Täter und Tat herrscht daher weiterhin Unklarheit.
Dies wurde durch das Auftreten des Angeklagten in den ersten Prozesstagen noch verstärkt. Bekannt hingegen ist, dass er laut Deutscher Presse-Agentur aus al-Hofuf im Osten Saudi-Arabiens stammt und seit 2006 in Deutschland lebt. Nach seiner Einreise hielt er sich von 2006 bis 2008 für ein Studium in Hamburg auf. 2016 erhielt er Asyl als politisch Verfolgter. Nach Angaben des Innenministeriums in Sachsen-Anhalt verfügt er über einen unbefristeten Aufenthaltstitel. Zuletzt arbeitete er in der Salus-Klinik in Bernburg im Salzlandkreis als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.
Symbolik islamistischer Anschläge
Seit 2020 war er im Maßregelvollzug für suchtkranke Menschen beschäftigt, zuletzt aber als arbeitsunfähig gemeldet. Bekannt ist ebenfalls, dass er mehrfach versuchte, gegen die Säkulare Flüchtlingshilfe in Köln vorzugehen, im Streit mit dem Zentralrat der Ex-Muslime war und im Internet immer wieder gegen den Islam Stellung bezog.
Gleichzeitig nutzte er die Symbolik islamistischer Anschläge der vergangenen Jahre. Er reiht sich damit ein in die Terroranschläge vom Breitscheidplatz und von Nizza im Jahr 2016.
Bereits wenige Tage nach dem Anschlag sagte der Präsident des Thüringer Verfassungsschutzes, Stephan Kramer: „Selbst wenn sich eine psychische Störung herausstellen sollte, lässt sich an den Beiträgen des mutmaßlichen Täters im Internet eine gewachsene Radikalisierung mit Extremismusbezügen nach rechts in den letzten Jahren feststellen.“ Auf diesen Hintergrund wurde in der taz immer wieder hingewiesen.
Während es aber nach den rassistischen und antisemitischen Anschlägen von Halle und Hanau bundesweit zu großen Solidaritätskundgebungen kam, blieb dies nach dem Anschlag von Magdeburg aus.
Politische Dimension ausgeblendet
Ein Jahr danach ist von dem Wenigen nahezu nichts mehr übrig geblieben. Ähnlich wie nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin wird die politische Dimension dieses Terrors kaum wahrgenommen.
Eine gesellschaftliche Reaktion blieb bisher aus. Über Gründe dafür kann nur spekuliert werden. Ein aus Saudi-Arabien stammender Islamkritiker, der in einer ostdeutschen Stadt scheinbar wahllos Zivilistinnen angreift, scheint nur schwer einzuordnen zu sein.
Dabei wurde auch nach dem Anschlag auf das Olympiazentrum in München der politische Hintergrund der Tat lange abgewehrt. Nur der vehemente Einsatz der Betroffenen führte schließlich dazu, dass auch von offizieller Seite das Tatmotiv des Rechtsradikalismus erkannt wurde.
Während es nach NSU, Halle und Hanau vermeintlich einfacher war, die Betroffenen identitätspolitisch zu einer Gruppe zusammenzufassen, gelingt dies in Magdeburg nicht.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.
Ziel des Anschlags war nicht eine Community, sondern es waren feiernde Menschen bei Glühwein, Bratwurst und gebrannten Mandeln. Bei den rassistischen und antisemitischen Verbrechen der vergangenen Jahre waren es gleichzeitig die Opfer, Betroffenen und Angehörigen, die auch gegen gesellschaftliche Widerstände Momente breiter Solidarität erzeugen und erzwingen konnten.
Während sich die gesellschaftliche Linke schwertut mit der Einordnung des Anschlags, begann die AfD bereits wenige Stunden danach diesen politisch zu instrumentalisieren. Unter Missachtung der Tatsachen versuchte sie eine Deutung zu etablieren, die einzig ihren Zielen diente. Dies setzt sich bis heute fort und konnte kürzlich erneut bei den Protesten gegen ein noch nicht geschriebenes Theaterstück am Theater Magdeburg beobachtet werden.
Anstatt die Opfer und Betroffenen auch mit dieser Auseinandersetzung alleinzulassen, wäre es notwendig, den Prozess weiterhin solidarisch zu begleiten. Am Ende bleibt ein Terroranschlag auf die offene und freie Gesellschaft. Von dort müsste eine Reaktion kommen.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert