Nach Stromausfall in Berlin: Mehr Kabelbrücken und Powerbanks
Nach dem Stromausfall in Berlin verschärft sich die Debatte, wie die Versorgung sicherer werden kann. Fragen und Antworten zum Thema Resilienz.
Die Stromwirtschaft betont stets ihre „n-1-Sicherheit“. Damit ist gemeint, dass sie beim Ausfall einer Komponente – zum Beispiel einer Stromleitung oder eines Umspannwerks – die Versorgung weiterhin in vollem Umfang aufrechterhalten kann. Hat die Stromwirtschaft in Berlin das Prinzip missachtet?
Das ist eine Frage der Sichtweise. Der Netzbetreiber Stromnetz Berlin interpretiert das n-1-Prinzip in seinem Netz als erfüllt. Allerdings komme dieses „leider an seine Grenzen“, wenn fünf Kabel gleichzeitig beschädigt werden, sagt Firmensprecher Henrik Beuster.
Doch diese Betrachtungsweise erweist sich als nicht zielführend, wenn – wie es hier der Fall war – alle fünf Hochspannungskabel über dieselbe Kabelbrücke führen. „Das ist keine echte Redundanz“, sagt Manuel Atug, Gründer der Arbeitsgruppe Kritische Infrastrukturen (AG Kritis), „hier wurde das n-1-Prinzip unzureichend adressiert.“ Erforderlich sei vielmehr eine sogenannte Georedundanz. Das heißt: Infrastrukturen, die sich gegenseitig beim Ausfall einer Komponente ersetzen sollen, müssten auch eine räumliche Distanz aufweisen.
„Im Fall von Berlin hätte man überhaupt mehrfache Kabelanbindungen und diese dann zwingend über räumlich getrennte Brücken führen müssen“, sagt Atug. Dass die Berliner Landespolitik stattdessen nun über mehr Kameraüberwachung spreche statt über die grundsätzlichen Defizite der Infrastruktur, zeige ihre politische Hilflosigkeit. Berlin vernachlässige die Redundanz der Infrastruktur „fast überall“.
Der Verlauf der Kabeltrassen lässt sich auf öffentlich zugänglichen Karten einsehen. Ist dieser offene Umgang mit Infrastrukturdaten ein Problem?
Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) hat genau das nach dem Anschlag auf das Berliner Stromnetz thematisiert. Regelungen, die Strom- und Gasnetzbetreiber verpflichten, ihre Infrastruktur für jedermann „quasi auf dem Silbertablett“ präsentieren zu müssen, stünden im Widerspruch zum Ziel, kritische Infrastruktur physisch zu schützen. Webangebote, die „systematisch Leistungsdaten oder Geolokationen kritischer Anlagen bereitstellen“, müssten reduziert werden, so der BDEW.
Sicherheitsexperte Atug widerspricht: Transparenz sei wichtig. Durch die genaue Kenntnis von Stromtrassen würden im Gegenteil Zerstörungen von Kabeln durch Unfälle, etwa bei Tiefbauarbeiten, verhindert. Der BDEW-Vorstoß sei nur ökonomisch begründet, weil Transparenz für die Unternehmen Aufwand bedeute. Er lenke zudem vom eigentlichen Problem ab: „Unfälle und Naturereignisse wie im Ahrtal interessieren sich nicht für online verfügbare Daten – unabhängig von der Transparenz brauchen wir zwingend die Redundanz und ein funktionales Krisenmanagement“, sagt Atug.
Wie können auch Privathaushalte einen Beitrag zur Resilienz in Sachen Stromversorgung leisten?
Photovoltaikanlagen mit Speichern können eine große Hilfe sein, denn sie lassen sich so auslegen, dass sie beim Netzausfall die Ersatzstromversorgung des Hauses übernehmen können. Heute sind die meisten Anlagen dazu noch nicht in der Lage, denn die verbauten Wechselrichter brauchen in der weit überwiegenden Mehrzahl noch die taktgebende Netzspannung für den Betrieb. Daher liefern heute die meisten Anlagen keinen Strom mehr fürs Hausnetz, wenn das Netz ausfällt.
Die gute Nachricht: Der sogenannte Inselbetrieb wird beim Bau neuer PV-Anlagen von Kunden immer öfter gewünscht. Jeder, der auf diese Weise bei einem Netzausfall zumindest etwas Strom verfügbar hat, entlastet die Helfer und kann zugleich selbst zum Helfer werden.
Was können Verbraucher jenseits einer eigenen Solaranlage tun?
Auch wer keine Solaranlage auf dem Dach hat, kann sich das Leben im Fall eines Stromausfalls durch einfache Vorsorge zumindest etwas erleichtern. Zum Beispiel muss ein leerer Handyakku beim Netzausfall wirklich nicht sein – wer eine geladene Powerbank in Reserve hat, hat eine Sorge weniger. „In einer Demokratie hat jeder auch eine Eigenverantwortung“, sagt Atug und rät, in einer ruhigen Minute einen unaufgeregten Blick in die Notfallbroschüre des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) zu werfen. Diese listet auf, was man zur eigenen Versorgungssicherheit stets zu Hause greifbar haben sollte.
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