Proteste im Iran: Weil es nicht mehr auszuhalten ist
Der neue Widerstand gegen die Islamische Republik ist kleiner als frühere Protestwellen. Es sind die Angstlosen, die sich auf die Straße trauen.
W enn man in diesen Tagen mit Menschen im Iran spricht, scheint eine Frage viele von ihnen zu verbinden: Was denn noch? Sie fragen: Was sollen wir noch unter diesem Regime erleiden? Auf der einen Seite Gewalt und Unterdrückung, auf der anderen Seite wirtschaftliche Not und Armut. Wenn jetzt schon die Bazaris protestieren, die Händler:innen des Landes, die das Herzstück der iranischen Wirtschaft bilden, dann lässt sich die Antwort erahnen: Mehr ertragen wir nicht.
Zwar sind bei den Protesten und Streiks, die am 28. Dezember begannen, nicht Zehntausende auf den Straßen. Zu sehr steckt vielen Menschen noch die Gewalt in den Knochen, die das iranische Regime bei den Frau-Leben-Freiheit-Protesten gegen die Menschen ausgeübt hat: Hunderte Menschen wurden auf den Straßen getötet, darunter viele Kinder und Jugendliche. Zehntausende wurden festgenommen, gefoltert, vergewaltigt. Hunderte von Hinrichtungen folgten auf die Proteste – als Warnung: Wagt es nicht, wieder auf die Straßen zu gehen.
Und sie tun es doch. Weil es nicht mehr geht. Angefangen haben dieses Mal die Bazaris, die traditionell zurückhaltend sind, wenn es um Streiks und Proteste geht. Sie neigen eher dazu, konservativ zu agieren. Aber mit dem bodenlosen Fall der Währung und der starken Inflation wird auch ihnen die Lebensgrundlage genommen. Überall im Land gehen seitdem Menschen auf die Straßen, Studierende, Bazaris, die Arbeiterschaft.
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Das Regime ist nach dem Fall seiner Verbündeten in Syrien, Libanon und Gaza geschwächt wie nie. Nachdem die Elite um Revolutionsführer Ali Chamenei beobachten konnte, wie einer ihrer letzten Freunde, Nicolás Maduro, von den USA entführt wurde, muss auch sie zittern. Sie traut es Donald Trump zu, seine Drohung wahr zu machen, auch im Iran einzugreifen.
Bei den Protesten sind bisher mehr als 35 Menschen getötet worden, Hunderte verhaftet. Man kann nur hoffen, dass es die letzten Opfer dieses Irrtums der Geschichte sind, der Islamischen Republik Iran.
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