Fotoausstellung über Missbrauch: Unverschämte Bilder
In der Domstadt Osnabrück ist das Thema Missbrauch sehr präsent. Die Fotoausstellung „Shame“ trifft genau ins Schwarze.
Menschen sehen uns an. Alte, junge. Frauen, Männer. Ihre Blicke sind Mahnung, Anklage. Fragende Blicke sind darunter, verzweifelte, kämpferische, zerquälte, skeptische, herausfordernde. Einige sind gespenstisch leer. Es ist schwer, diese Blicke auszuhalten.
Die 50 eindringlich großformatigen Schwarz-Weiß-Porträts der Serie „Shame – European Stories“ des italienischen Fotografen und Journalisten Simone Padovani, entstanden 2022 von Norwegen bis Rumänien, zeigen Opfer sexualisierter Gewalt. Zu sehen sind sie in Osnabrück, im Kunstraum Hase29.
Das liegt nahe, denn die Domstadt ist einer der vielen Tatorte. Der katholische Missbrauchsskandal hatte hier 2023 zu einem Bischofsrücktritt geführt: In einem Zwischenbericht hatte die Kommission zur Untersuchung der Taten des Klerus auch dem bis dahin als aufklärungswillig wahrgenommenen Franz-Josef Bode Versäumnisse nachgewiesen. Der räumte daraufhin seinen Stuhl.
Vergangenen Sommer war dann die schauspielerische Bearbeitung des Skandals gescheitert, weil der Theaterintendant die geplante Aufführung absagte. Dieser Hintergrund verleiht der jetzigen Schau zusätzliche Dringlichkeit.
Schwer erträgliche Texte
Texte gruppieren sich zu den Bildern, erzählen Lebens- und Überlebensgeschichten von Schweigen und Trauma, von Aufklärungshoffnung und Aufbegehren. Auch sie sind kaum erträglich. Aber sie öffnen Augen. Sie zeigen: Scham lässt sich ablegen, Gerechtigkeit einfordern, und: Sexualisierte Gewalt gibt es in allen Milieus.
Unter den Tätern sind Jesuitenpatres und Waisenhausdirektoren, Fußballtrainer und Pfadfinderlagerpädagogen. Missbrauch haben die Opfer mal in der Familie erfahren, mal in der militärischen Ausbildung.
„Es war Frühling“, gibt Agnes, 72, preis. „Ich war 9 Jahre, als der Priester mich in sein Haus befahl und vergewaltigte. Das Leben zerbrach – zersplitterte – lautlos.“
Francesco, 51
„Ich war acht, neun, zehn und elf Jahre alt, als ein Großonkel von mir, ein Missionar, mich vergewaltigte“, erzählt Arnaud, 41. „Er verkaufte es mir als eine Entdeckung meines Körpers, später als eine Form der sexuellen Bildung. Was folgte, war eine fast zehn Jahre währende, teilweise traumatische Amnesie.“
Francesco, 51, sagt: „Ich war 13 Jahre alt. Meine Mutter war sehr gläubig. Sie schickte mich in die Kirche, und eines Tages vergewaltigte mich der Priester. Das war 1981. Das ging so über Jahre.“
Die Fotos sind klug inszeniert, schlicht. Gleiches Format, gleicher Bildaufbau, gleicher Hintergrund in symbolistischem Schwarz, keine Accessoires. Wir sind viele, signalisiert das, wir sind Teil einer Gruppe, wir sind stark, selbstbewusst. Alle Bilder hängen auf derselben Höhe. Sie wirken wie eine Phalanx des Widerstands. Padovani will Langzeitfolgen des Missbrauchs zeigen. Das gelingt ihm auf beklemmende Art.
Elisabeth Lumme, Vorsitzende des Kunstraums Hase29, begründet die Präsentation von „Shame“ nicht zuletzt mit der lokalen Verdrängungshaltung. Sie hatte einen Kunstfreiheit fordernden offenen Brief an Osnabrücks Oberbürgermeisterin Katharina Pötter mitinitiiert, als der Theaterintendant Ulrich Mokrusch im Sommer das Stück „Ödipus Exzellenz“ vom Spielplan nahm, noch vor der Premiere, angeblich aus Rücksicht auf die Kirche.
Ursprünglich hätte das Stück die Schauspielsaison eröffnen sollen. Es wollte auch die Düsternis thematisieren, die der Forschungsbericht „Betroffene – Beschuldigte – Kirchenleitung. Sexualisierte Gewalt an Minderjährigen sowie schutz- und hilfebedürftigen Erwachsenen durch Kleriker im Bistum Osnabrück seit 1945“ der Universität Osnabrück 2024 offengelegt hatte.
Kontrapunkt zur gesellschaftlichen Reaktion
„Für Betroffene sexualisierter Gewalt war das ein Déjà-vu“, kommentiert Lumme die Absage. „Einmal mehr wurden sie zu Betroffenen des Wegsehens, des Schweigens. Eine Katatrophe!“ Padovani fülle diese Lücke, so Lumme zur taz. „Was damals nicht erzählt werden konnte, wird jetzt erzählt.“
17. 1. bis 14. 2., Kunstraum Hase29, Osnabrück
Co-Kurator von „Shame“ ist Karl Haucke. Er ist selbst unter den Porträtierten und Mitgründer des Beratungsvereins Umsteuern! Robin Sisterhood e. V. Der Verein betreut „Shame“ im Auftrag der Justice Initiative der schweizerischen Guido Fluri Stiftung in Deutschland. Haucke kennt viele der Abgebildeten und nennt die Schau bitter einen „Kontrapunkt zur gesamtgesellschaftlichen Reaktion“, denn: „So was will ja keiner sehen, keiner hören!“ Auch an „Ödipus Exzellenz“ war er beteiligt, in „Shame“ führt er nun Rundgänge.
Was das Bistum Osnabrück aus „Shame“ lernt, wird sich zeigen. Sein Diözesanmuseum übernimmt die 50 Fotos und stellt in Aussicht, sie in kleinen Gruppen durchs Bistum wandern zu lassen. Hoffnung macht, dass 2023 die Universität Osnabrück am Sitz des Museums, im Forum am Dom, die Text-Foto-Ausstellung „Betroffene zeigen Gesicht“ zeigen konnte. Anklagende Blicke ist man im Bistum also bereits gewohnt.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!