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UN-Vermittlung im KäsestreitWie Halloumi dem Frieden auf Zypern helfen soll

Der grillfeste Käse ist Zyperns zweitwichtigstes Exportgut – und könnte die geteilte Insel zusammenbringen. Doch dafür ist Diplomatie gefragt.

Wenn der Konflikt beigelegt ist, können beide Seiten womöglich sogar friedlich miteinander gebratenen Halloumi schmausen Foto: Deniz Esin/Depositphotos/imago

Aus Nikosia

Klaus Hillenbrand

Er kommt meist in einer Salzlake daher, die ihn mindestens für ein Jahr haltbar macht. Er zerläuft beim Braten oder Grillen nicht, sondern lässt sich anbräunen wie ein Stück Fleisch. Er quietscht beim Verzehr zwischen den Zähnen. Und er schmeckt intensiv. Die Rede ist von Halloumi-Käse, der das bekannteste Exportprodukt Zyperns ist und dem aktuell höchstes diplomatisches Gewicht beigemessen wird: Er ist zu einem Fall für die Vereinten Nationen geworden. Bei Gesprächen über eine Annäherung zwischen der griechisch dominierten Republik Zypern und dem türkischen Nordzypern könnte Halloumi zum Gamechanger werden.

Die weißen Fladen aus einer Mischung von Kuh-, Ziegen und Schafsmilch sind weltweit schwer gefragt. In der ersten Hälfte dieses Jahres belief sich der Wert exportierten Halloumis auf 200,1 Millionen Euro. Damit avancierte der Käse zum zweitwichtigsten Exportprodukt Zyperns. Vor fünf Jahren machte die Menge des ins Ausland versandten Halloumis schon 40 Millionen Kilogramm aus.

Nordzyperns kürzlich neu gewählter Präsident Tufan Erhurman will, dass dieser Käse den Weg zu engeren Beziehungen ebnet. Bei einem ersten Gipfeltreffen zwischen ihm und Zyperns Präsidenten Nikos Christodoulides vereinbarten beide Seiten unter Vermittlung der UN-Gesandten Maria Ángela Holguin Mitte Dezember, eine Lösung im bizarren Halloumi-Streit zu suchen, bevor es zu wirklichen Verhandlungen kommen kann. Bis Ende Januar soll der Käse-Konflikt gelöst werden, heißt es.

Erhurman beharrt darauf, dass auch Halloumi aus dem Norden – der international nicht anerkannten Türkischen Republik Nordzypern – auf den Käsemarkt gebracht werden darf. Eigentlich ist das längst geregelt. 2021 vereinbarte die Europäische Kommission nicht nur, dass Halloumi eine regional geschützte Marke darstellt, die unter diesem Namen nur aus Zypern kommen darf. Darüber hinaus erlaubte die EU, dass zyperntürkischer Halloumi über die inner-zypriotische Demarkationslinie („green line“ genannt) in den Süden verbracht werden kann, um von dort exportiert zu werden. Voraussetzung dafür ist, dass bei der Herstellung alle EU-Gesundheitsnormen beachtet werden.

Fall fürs Völkerrecht

Völkerrechtlich betrachtet ist die Halloumi-Angelegenheit kompliziert. Nordzypern, das 1974 nach einem Putsch griechischer Offiziere von türkischen Truppen erobert wurde, gilt international weiterhin als Teil der Republik Zypern und damit der EU. Nur können dort angesichts der türkischen Besatzung die entsprechenden Regularien nicht angewendet werden. Um dennoch den innerzypriotischen Handel zu erleichtern, hat Europa eine „Green line“-Verordnung erlassen, die beispielsweise bestimmt, dass Menschen bei einem Übertritt genau eine Packung Zigaretten mit sich führen dürfen. Vor allem geht es aber um den Warenverkehr. Mit dem Regelwerk will die EU nach eigener Aussage eine Wiedervereinigung Zyperns fördern.

Seit Januar 2025 besitzen vier zyperntürkische Halloumi-Hersteller und 24 Milchviehbetriebe die geforderten EU-Lizenzen für den Export der regional geschützten Marke, bestätigte eine Sprecherin des Landwirtschaftsministeriums in der Republik Zypern der taz. Schon da erklärte die zyperntürkische Industrie- und Handelskammer, dass der internationale Handel nun „so schnell wie möglich“ beginnen müsse. Nur hat es bisher aber kein Käse über die grüne Linie in den Süden Nikosias geschafft.

Diplomatisch und ökonomisch brisant

Woran das im Detail liegt, mochte die zyperntürkische Seite gegenüber der taz nicht offenlegen. Das Landwirtschaftsministerium der Republik Zypern erklärte, „derzeit entsprechen die Hygienevorschriften für die Tiere und Sicherheitsstandards nicht den relevanten EU-Regularien, um einen Transport über die Pufferzone zu ermöglichen“. Die Kunst der Diplomatie besteht in den nächsten Wochen also darin, die Entsorgung von Kuhfladen und weiteren Verdaungsprodukten des Milchviehs im türkischen Norden der Insel auf Brüsseler Standard zu heben.

Bis Ende Januar soll der Käse-Konflikt gelöst werden, heißt es

Eine Halloumi-Vereinbarung zwischen beiden Seiten wäre eine von vier vertrauensbildenden Maßnahmen, die dem Einstieg in konkrete Verhandlungen über die Zukunft der geteilten Insel vorgeschaltet werden sollen. Es geht dabei um eine Ausweitung von Checkpoints zwischen Nord und Süd, eine Wasserleitung und eine für beide Seiten hilfreiche Solarfarm.

Und tatsächlich geht es auch um Geld, denn das wirtschaftlich schwache Nordzypern mit nur rund 400.000 Einwohnern könnte durch den Halloumi-Export vom internationalen Boom der Käsesorte profitieren.

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