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Im Gedächtnis der Republik

Das Haus der Geschichte dokumentiert die deutsche Nachkriegsgeschichte. Im Depot entdeckt unser Autor Kölnisch-Wasser-Automaten, dreckige Gummistiefel, einen Bierdeckel von Friedrich Merz – und lernt die Kunst des Sammelns

Gummistiefel, die bei der Ahrtal-Katastrophe 2021 zum Einsatz kamen

Aus Bonn Klaus Hillenbrand (Text) und Nadine Schwickart (Fotos)

Ein paar grobe Wanderschuhe stehen im Erdgeschoss geschützt hinter Glas. Das Leder ist von hellbraunem, getrocknetem Schlamm überzogen. Die Schnürsenkel fehlen.

Zwei Stockwerke tiefer lagern in einem offenen Stahlregal ein paar schwarze Gummistiefel. Auch an ihnen haftet eine getrocknete Kruste Schlamm.

Ja, gibt es denn in diesem Museum niemanden, der ab und an die Objekte ein wenig sauber macht?

Ganz im Gegenteil! Spezialisten haben sich erfolgreich darum bemüht, die getrocknete Kruste auf den Schuhen so zu stabilisieren, dass diese auch nach Monaten und Jahren nicht abfällt. Sie haben also einen Zustand des Gebrauchs konserviert, weil nur dieser das Schuhwerk zu etwas Besonderem macht. Das geschah mittels eines Ultraschallverneblers, wie Sammlungsdirektor Manfred Wichmann zu berichten weiß.

Das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn bildet die deutsch-deutsche Nachkriegshistorie von 1945 bis zum heutigen Tag ab. Dazu gehören selbstverständlich nicht nur Höhen und Niederungen der Politik, nicht nur technischer Fortschritt wie der vom Bakelit-Telefon zum Handy oder gesellschaftliche Veränderungen von den biederen 1950ern bis zum offen queeren Leben heutzutage. Sondern auch das, was als Katastrophe in die Geschichte eingeht. So wie die Flut im Ahrtal im Juli 2021. Die zwei paar Schuhe sind eine Erinnerung daran. Die Wanderschuhe hat der Feuerwehrmann Rudolf P. Schneider getragen, während er in Kreuzberg an der Ahr im Einsatz war. Die Gummistiefel wiederum stammen von Anton R., der sie bei Aufräumarbeiten in Bad Münstereifel anhatte.

Die Karosserie eines VW-Käfers schwebt unter der Decke

Nun stehen die Schnürschuhe oben in der im Dezember neu eröffneten Dauerausstellung, angestrahlt von Scheinwerfern und umringt von vielen neugierigen Besuchern. Die Gummistiefel dagegen fristen ein Schattendasein im Keller. Nur selten kommt sie dort jemand besuchen, und wenn dies der Fall ist, sind es Mitarbeiter des Museums. Die Gummistiefel wirken ein wenig wie die armen, abgehängten Verwandten der Wanderschuhe zwei Etagen höher. Vergessen und aussortiert die einen, groß herausgekommen die anderen.

Aber das ist natürlich Unsinn und Manfred Wichmann ist gleich darum bemüht, dieses Bild zu korrigieren. Der Sammlungsdirektor, 54 Jahre alt, hat uns in den streng geschützten Keller geführt, wo sich eines der Depots mit Objekten des Museums befindet. Wichmann erklärt, dass die Basis eines jeden Museums seine Sammlung ist. „Wir haben etwa eine Million Objekte. Jedes Jahr kommen etwa fünftausend neue hinzu. Das sind manchmal sehr große Objekte wie Fahrzeuge oder Mauerelemente. Natürlich auch viele kleine wie Zettel oder Anstecker.“

3.850 dieser Objekte haben es in die neue Dauerausstellung geschafft. Etwa 996.150 andere dementsprechend nicht. Doch verloren sind diese Dinge deshalb nicht. Sie warten auf den großen Tag, an dem sie an das Licht der Öffentlichkeit gebracht werden, vielleicht in 20 Jahren, vielleicht in 100. Gewiss werden einige schon zuvor für Ausstellungen an andere Museen verliehen. Manfred Wichmann sagt: „Wir sammeln für Gegenwart und Zukunft. Die Sammlung eines Museums ist das Kernstück. Aufgabe ist es, die historischen Relikte unserer Gegenwart zu bewahren und das für die Zukunft zur Verfügung zu stellen.“

Das waren die Siebziger, Baby

Oben in der Ausstellung sind die Objekte chronologisch und thematisch geordnet. Jedes einzelne Teil hier repräsentiert ein Stückchen Geschichte der Bundesrepublik Deutschland – wobei die DDR hier selbstverständlich zur Geschichte der Bundesrepublik zählt. Man sieht es in der Ausstellung in der oberen Etage. Da schwebt die Karosserie eines VW-Käfers unter der Decke. Das Blech steht für das westdeutsche Wirtschaftswunder. Gleich nebenan thront ein 3,2 Tonnen schweres Standbild Josef Stalins. Der sowjetische Diktator erinnert an die Stahl produzierende Stalinstadt, heute Eisenhüttenstadt.

Unten im Keller spielen solche Überlegungen zur Präsentation keine Rolle. Der vorhandene Raum bestimmt das Dasein, der Platz muss maximal genutzt werden. Deshalb hängen Blechschilder aus Ost- und Westdeutschland wild durcheinander, die einen den Sozialismus preisend, die anderen die nächste Aral-Tankstelle. „Bundesbeauftragter für den Steinkohlebergbau und die Steinkohlbergbaugebiete“ steht auf einem. Den Job gibt es nicht mehr, genau wie deutsche Steinkohle. Ob das Schild irgendwann einmal Menschen darüber aufklären wird, dass früher Kumpel tief unter der Erde schwarze Klumpen aus dem Gestein herausgebrochen haben, die anschließend in Öfen verfeuert wurden?

Weiter geht es durch die breiten Gänge, links und rechts offene Regale, darin Radioapparate und Fernsehgeräte der Frühzeit, Kaugummi- und Kölnisch-Wasser-Automaten, Plattenspieler, Haushaltsmixer, Telefone, dazwischen das Klingelschild eines Hauses aus der „Lindenstraße“, Musiktruhen und Weihnachtsbaumständer. Letztere wurden, ebenso wie die Milchkannen daneben, aus nach Kriegsende überflüssigen Munitionsbeständen gefertigt. Die Weihnachtsbaumständer müssen im Keller verharren. Denn diese Frühform des Dual Use wird in der Ausstellung schon durch aus Eierhandgranaten hergestellte Kerzenständer und ein weißes Kleid aus Fallschirmseide repräsentiert.

Die Zukunft Deutschlands ist nicht sicher. Die der Weihnachts­baumständer schon

Die Kunst des Sammelns für das Haus besteht darin, Dinge zu bergen, bei denen zu vermuten ist, dass diesen später einmal eine gewisse Bedeutung zugemessen wird, erklärt Manfred Wichmann. Als Beispiel nennt er den PC, den Aldi ab 1997 im Angebot hatte – ein preiswertes Gerät, das den Gebrauch von Computern im Alltag vorantrieb. Der Sammlungsdirektor erzählt: „Den hatten wir 2009 von einem Privatmenschen übernommen. Jetzt haben wir ihn in die Dauerausstellung gebracht. Wir haben ihn zur richtigen Zeit gesammelt, als der Nutzer ihn außer Betrieb genommen hatte.“ 16 Jahre lang musste das Gerät im Depot schlummern.

„Depots sind von außen eigentlich stinklangweilig“, sagt Wichmann. Jedes darin gelagerte Objekt habe eine Registriernummer und einen festen Standort. Wenn sich etwas verändert, etwa wegen einer Ausleihe an ein anderes Haus, wird es dokumentiert, so wie die 15.000 Objektbewegungen, zu denen es jährlich kommt. Wenn nun ein Museumsmitarbeiter ein bestimmtes Objekt sucht, dann gehe er nicht etwa in den Keller, erklärt Wichmann, sondern schaue sich im internen digitalen Katalog um. Ohnehin hätten nur wenige Mitarbeiter Zugang zum Depot.

Mit diesem Ford Transit fuhr der Bielefelder Gastarbeiter Sabri Güler früher in die türkische Heimat

Es gebe „sehr viele Angebote von ganz normalen Bundesbürgern“, die etwas für die Sammlung anbieten, sagt Wichmann. „Die Leute freuen sich“, wenn man etwas annehme. Auch eine ehemalige RAF-Terroristin habe dabei geholfen, das Bonner Geschichtsbild zu vervollständigen. Astrid Proll überließ dem Museum unter anderem eine Lederjacke von Andreas Baader. Dubletten würden nicht gesammelt – in den allermeisten Fällen müsse das Museum das Angebot ablehnen, weil ein solches oder ähnliches Objekt in der Sammlung schon vorhanden ist. Eine Garantie dafür, dass die Dinge auch in der Ausstellung gezeigt werden, könne man nicht geben. So hängt Baaders Lederjacke für den Besucher unsichtbar im Depot.

Ein Sammlungskonzept legt fest, worauf sich Wichmann konzentrieren muss. „Es gibt keine thematische Begrenzung, nur eine klare chronologische vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die Gegenwart. Unser Zeitraum, für den wir zuständig sind, erweitert sich jeden Tag. Wir sammeln alles, was im gesellschaftlichen Sinne relevant ist“, erklärt er. Zur Arbeit des Sammelns gehören auch das Erforschen der Geschichte jedes Objekts. Schwieriger als singuläre Ereignisse sei die Dokumentation gesellschaftlicher Prozesse.

Wir sind im Depot an einem Konzertflügel angekommen, der hochkant in der Sammlung lagert. Das Instrument ist schwer mitgenommen. Ein Wasserschaden. Getrockneter brauner Schlamm haftet an der Oberseite. Früher stand der Flügel in der Semper­oper zu Dresden. Bis zur großen Flut im August 2002. Man habe in der Dauerausstellung schon den thematischen Schwerpunkt zur Flut im Ahrtal ausgewählt; zwei Flut-Themen könnten schlecht nebeneinanderstehen, sagt Wichmann entschuldigend. Der Flügel bleibt so bis auf Weiteres im Keller (die Gummistiefel Gerhard Schröders, 2002 Wahlkampfhelfer an des Kanzlers Füßen, besitzt das Museum übrigens nicht).

20.000 Euro hat das Museum 2014 für das Stückchen Papier bezahlt

Zweieinhalb Stockwerke hoch erhebt sich das Bonner Haus der Geschichte. Zweieinhalb Etagen tief reicht auch der Keller mit dem Depot. Mag ein Atomkrieg das Land zerstören, die Bundesrepublik auslöschen und das Museum zertrümmern, das Depot wird auch dies überstehen. Die Keller in dem in den 1980er Jahren geplanten Gebäude halten einen Nuklearschlag stand. Die Zukunft Deutschlands ist nicht gesichert. Die der Weihnachtsbaumständer schon.

Weniger spektakulär sieht es im Papierdepot aus. Hunderte flache weiße Schubladen bergen die in weißen Umschlägen eingelegten Objekte. Es schaut eher nach einem Apothekermagazin denn nach einer Museumssammlung aus. Aber hier findet sich keine Tinktur gegen Ohrenschmerzen, dafür der berühmte Bierdeckel, auf dem der heutige Bundeskanzler Merz im Jahr 2004 seine „vereinfachte Steuerklärung“ skizzierte.

Die Sammlung ist die Basis eines jeden Museums, erklärt Direktor Manfred Wichmann

Wobei Politiker zum natürlichen Geber der Sammlung avancieren, so sie über entsprechende Erinnerungsstücke verfügen. In der Regel sei es so, dass das Museum bei den Politikern nach bestimmten Objekten frage, sagt Wichmann. „Manchmal braucht es sehr viel Geduld. Manchmal muss man sich auch durcharbeiten“, deutet er gewisse Schwierigkeiten an. Zuletzt konnte das Haus T-Shirts von Agnes Strack-Zimmermann (FDP) zum Ukrainekrieg einreihen. „Taurus für die Ukraine“, steht auf einem, darunter ist ein wütender Stier abgebildet. In der Ausstellung findet sich auch Joschka Fischers Jackett, das dieser trug, als ihn 1999 ein roter Farbbeutel als Protest gegen den von der rot-grünen Regierung gestützten Einsatz der Bundeswehr im Kosovokrieg traf. Fischers Turnschuhe hat sich dagegen das deutsche Ledermuseum in Offenbach geschnappt.

Und dann erzählt Manfred Wichmann noch die Geschichte von der One-Love-Binde, jener berühmt gewordenen Kapitänsbinde der deutschen Fußballnationalmannschaft. Manuel Neuer durfte die Binde, die in Regenbogenfarben gehalten und mit einem Herzchen verziert ist, bei der WM in Katar 2022 nicht tragen, weil die Fifa dieses Symbol für Vielfalt und Toleranz verboten hatte. „Man sieht Neuer im Fernsehen und überlegt gleich, dass diese Binde etwas für Museum sein könnte“, sagt Wichmann. „Als wir dann Ministerin Nancy Faeser in den Nachrichten gesehen haben, wie sie die Binde trug, haben wir gleich am nächsten Tag mit dem Innenministerium Kontakt aufgenommen.“ Die Binde muss nicht im Keller darben, sie hängt in der Ausstellung.

Auf andere Dinge wartet das Haus der Geschichte bisher vergeblich. Angela Merkel hat einmal angekündigt, sie würde ihre farbigen Blazer der Altkleidersammlung überantworten. Olaf Scholz konnte sich bisher nicht dazu entschließen, seine berühmte Aktenmappe zu spendieren. Historiker Wichmann sagt dazu, ganz Diplomat: „Menschen sind unterschiedlich. Unsere Politikerinnen und Politiker sind ebenso Menschen.“

Er legt Wert darauf, dass sein Museum eben nicht nur Hinterlassenschaften von Polit-Promis sammelt, sondern auch Erinnerungen von Demonstranten, seien es nun Schilder von Klimaaktivisten oder ganze Baumhäuser aus dem Hambacher Forst. In der Ausstellung finden sich auch selbst gemalte Schilder zum Protest von Zehntausenden gegen die aus dem AfD-Umkreis losgetretene Debatte über die Rückführung von Migranten im Jahr 2023.

Auch eine Puppe aus dem Ahrtal ist in der Ausstellung zu sehen

Die neue Dauerausstellung hat die Einwanderung nach Deutschland von einem Nischenthema zu einem Strang gemacht, der sich durch die ganze Schau zieht. Deshalb hat es der blaue Ford Transit ins Obergeschoss geschafft, einst im Besitz von Sabri Güler, der 1964 als Schweißer aus der Türkei nach Bielefeld gekommen war. Er nutzte den großen Wagen für die Urlaubsreisen seiner Familie in die alte Heimat. Über einen Journalisten wurde das Museum auf das Fahrzeug aufmerksam gemacht. Der Transit schaffte es unlängst aus dem Depot heraus nach oben, dafür musste ein pinkfarbener VW-Bus aus den 1960er Jahren aus der alten Schau weichen, der als Hippie-Bulli viele Fans hatte. Der VW steht heute in einem Außenmagazin des Museums nördlich von Bonn, wo besonders große und sperrige Objekte gelagert werden.

So sieht die Pipeline aus: Ein Versatzstück der Nord Stream 2

Bei der Größe von Objekten gebe es natürliche Grenzen. Schließlich nähmen diese auch großen Raum in der Ausstellung oder im Depot ein, wobei auch das Gewicht beachtet werden müsste, sagt Wichmann. Er erzählt seine persönliche Geschichte vom Ukrainekrieg und der Gaspipeline Nord Stream 2. Die Museumsmacher seien sich bei der Vorbereitung der neuen Dauerausstellung einig gewesen, dass die Pipeline ein ideales Objekt sei, um die „Zeitenwende“ (Olaf Scholz) zu dokumentieren. „Es war für mich die Herausforderung, ein Stück Pipeline zu finden“, sagt er. Zuerst sei er im Europapark Rust fündig geworden, wo eine vergleichbare Röhre liegt. Doch die war 12 Meter lang und wog mit Betonummantelung bei einem Durchmesser von 1,50 Meter satte 25 Tonnen. „Wir haben mit Spezialfirmen gesprochen. Der Aufwand wäre zu groß geworden“, sagt Wichmann. Am Ende wurde er bei dem einstigen Nord-Stream-Miteigentümer Wintershall fündig. „Die hatten in ihrer Konzernzentrale tatsächlich ein kürzeres Originalstück aufgestellt. Genau dieses Stück haben wir als Schenkung bekommen, mussten es aber mit einem Spezialkran aus dem Innenhof herausholen.“

Beim Rundgang durch das Depot haben wir eine Sammlung von Flipper-Geräten erreicht. Ein hölzerner Kasten stammt noch aus Nazizeiten und sei in der DDR weiterbetrieben worden, wo es keine Flipper-Industrie gegeben habe und schon gar nicht wertvolle Devisen für ein Spielgerät zur Verfügung standen, erklärt Wichmann. Das sei aber nicht das einzig Interessante dieser Objekte. Er macht auf ein Gerät namens „Playboy“ aufmerksam, dessen Design leicht bekleidete Frauen und einen Mann zeigt, der zwei Damen an der Hüfte berührt. Das sei doch ideal, um den Sexismus in der deutschen Gesellschaft der 1970er Jahre zu präsentieren.

Man kann Deutschland im Depot in seinen sehr verschiedenen Aggregatzuständen beobachten: An einer Ausziehwand befindet sich ein angerostetes Schild mit der Aufschrift „Landrat“ und einem Hakenkreuz darüber, das streng genommen nicht zum Sammlungsgebiet des Museums zählen dürfte, das sich ja auf Objekte ab 1945 konzentriert. Daneben hängt dann, ein wenig schief, ein DDR-Wappen mit Hammer und Zirkel. Und darunter ein Hinweis „Hier hilft der Marshallplan“ über die Unterstützung des Wiederaufbaus Westdeutschlands durch die Vereinigten Staaten.

Sammlungs­leiter Manfred Wichmann zeigt verschiedene Schilder

Wobei die Übergänge vom einen System auf ein anderes naturgemäß auf besonderes Interesse stoßen. Aber dazu müssen wir aus dem Keller hinaufsteigen in die Dauerausstellung. Ein gerader Weg führt auf einen Tisch zu, darauf liegt ein Stück Papier im DIN-A4-Format, bedeckt mit krakeliger Handschrift. Das schwer leserliche Schriftstück vom 9. November 1989 ist zum Symbol für den Fall der Mauer mitsamt der DDR geworden: der Spickzettel von DDR-Politbüromitglied Günter Schabowski, mit dem dieser ungewollt die Berliner Mauer zum Einsturz brachte. „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich“, nuschelte Schabowski über das neue Reiserecht für DDR-Bürger und löste so ungewollt am selben Abend den Ansturm auf die innerdeutsche Grenze aus.

20.000 Euro hat das Museum 2014 für das Stückchen Papier bezahlt. Der frühere Besitzer legte Wert auf seine Anonymität und wollte nicht genannt werden. Aber im Dezember 2025 hat das Oberverwaltungsgericht Münster entschieden, dass das Haus der Geschichte den Namen des Vorbesitzers nennen muss, auf Antrag eines Bild-Reporters. Das Informationsinteresse der Öffentlichkeit überwöge das Vertraulichkeitsinteresse des Verkäufers, lautete das Urteil. Gefragt, wie es nun weitergehe, antwortet Museumspressesprecherin Katja Schuler, man warte auf die schriftliche Urteilsbegründung. Das Urteil tangiere die Beziehungen zwischen Museum und Objektverkäufern, sagt Wichmann zu diesem Thema. Es zerstöre Vertrauen.

„Nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich“ – Notizzettel, den Günter Schabowski am 9. November 1989 bei sich trug

Verschwiegenheitserklärungen seien in diesem Geschäft gang und gäbe. Der Sammlungsdirektor berichtet aus der Praxis. Da gebe es „Aktivisten aus einem gewaltbereiten Umfeld der Klimaproteste, von denen wir Objekte übernommen haben. Wir haben auch ein Konvolut von einem Opfer, der in einem katholischen Kinderheim missbraucht worden ist.“ Das seien problematische, aber historisch wichtige Objekte, sagt Wichmann. „Wir haben sie übernommen und zugesichert, dass wir es nur in anonymisierter Form zugänglich machen. Die Menschen müssen sich darauf verlassen können. Das ist die grundsätzliche Bedeutung dieses Urteils.“ Nach seinen persönlichen Lieblingsobjekten gefragt, nennt Wichmann drei Dokumente: den Zettel von Fußballtorhüter Jens Lehmann, auf dem er vor dem WM-Viertelfinale 2006 die vermutete Technik der argentinischen Gegenspieler für den Fall eines Elfmeterschießens richtig notierte. Dann den Spickzettel von John F. Kennedy, mit dessen Hilfe der US-Präsident am Berliner Rathaus Schöneberg am 26. Juni 1963 seinen berühmten Satz „Ich bin ein Berliner“ unfallfrei hinbekam. Und schließlich das Papier von Günter Schabowski, das den Weg zur Wiedervereinigung Deutschlands ebnete.

Und dann führt Wichmann die Treppen hinauf ins Erdgeschoss, durch das Foyer und weiter ganz ans Ende der Dauerausstellung. Dort, wo es um die Zukunft geht. Da liegt zwischen Zetteln von Besuchern, die ihre Wünsche formulieren, eine Zeitung. Es ist die taz vom 17. Oktober 2025, die letzte gedruckte unter der Woche.

Und man stellt überrascht fest: Die taz ist reif fürs Museum. Ist das nun gut oder schlecht?

Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, Heussallee, geöffnet täglich außer montags. Eintritt frei.

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