: In einem einzigen Jahr
Zwölf Monate ist Donald Trump im Amt – und hat im Eiltempo den Staat umgebaut. Doch im eigenen Lager schwindet der Rückhalt
Von Leon Holly
Von Deutschland und Europa aus betrachtet war das erste Jahr der zweiten Amtszeit von US-Präsident Trump ein Jahr der außenpolitischen Tabubrüche. Trump streicht USAID zusammen, Trump bombardiert Iran, Trump verhandelt einen (Nicht-)Waffenstillstand in Gaza, Trump entführt den Präsidenten Venezuelas, Trump postet seine Grönland-Annexionsgelüste. Es fühlt sich an wie vier Jahre, dabei sind es erst 12 Monate.
Doch was bewegt eigentlich die US-amerikanische Bevölkerung? Wie viel Rückhalt hat Trump? Die Außenpolitik spielt auch in der US-Debatte eine Rolle, doch es sind vor allem der Umbau im Inneren des Landes und die Wirtschaftslage, die die Menschen besorgt.
In seiner zweiten Amtszeit ist Trump besser vorbereitet als noch acht Jahre zuvor. Er regiert mit einem rechtskonservativ besetzten Supreme Court und mit einem Kongress, in dem die Republikaner in beiden Kammern die Mehrheit stellen. Trump hat bereits mehr Executive Orders – Verfügungen per Federstrich – unterzeichnet, als während seiner gesamten ersten Amtszeit. Das erinnert an das Motto von Meta-Gründer Mark Zuckerberg: „Move fast and break things.“ Welchen Scherbenhaufen hat Trump bisher verursacht?
Staatsumbau
Es war ein Tech-Oligarch, der mit dem Kahlschlag der US-Bürokratie beauftragt wurde. Tesla-Gründer und X-Besitzer Elon Musk führte in den ersten Monaten das Department of Government Efficiency, mit dem Ziel, möglichst viele der 2,4 Millionen Bundesbediensteten zu feuern. Fast 300.000 Menschen haben seitdem ihre Posten verloren. Seitdem existiert die Agentur für Entwicklungshilfe USAID nur noch auf dem Papier. Die Regierung hat Milliarden für wissenschaftliche Forschung gestoppt, Programme für Bürgerrechte oder Diversität eingestellt und Einstellungskriterien so verändert, dass sie Loyalität zu Trump einfordern.
Obwohl er und sein Gesundheitsminister Robert F. Kennedy mit dem Slogan „Make America Healthy Again“ antraten, betraf die Entlassungswelle auch die knapp 20.000 Angestellten der FDA, der Behörde für Lebens- und Arzneimittelsicherheit. Frühere Mitarbeiter sagen, dass die Gefahr für Lebensmittelvergiftungen dadurch steigt. So hat die Behörde für Krankheitskontrolle die Zahl der Erreger, nach denen sie in Lebensmitteln stichprobenartig sucht, von acht auf zwei gesenkt.
Aktuell klagen Gewerkschaften für Bundesmitarbeiter gegen das Vorgehen der Regierung. Doch Trumps Leute planen weitere Einschnitte, etwa bei der Gesundheitsversorgung für Veteranen. Es ist kaum vorstellbar, dass sich das einer Mehrheit der Bevölkerung verkaufen lässt. Während das Bildungsministerium Einschnitte von 40 Prozent hinnehmen musste, gab es aber besonders eine Agentur, die einen großen Personalzuwachs verzeichnen konnte: die Abschiebebehörde ICE.
Migration
Von Januar bis November 2025 wuchs die Zahl der Mitarbeiter bei ICE von 20.000 auf 27.000. Neben der Grenzpolizei fungiert ICE als zweite Säule in Trumps migrationsfeindlicher Politik. Ihre Aufgabe ist es, im Inneren der USA Migranten ohne gültige Aufenthaltspapiere aufzuspüren und sie in Abschiebeknästen festzusetzen, von wo aus sie aus den USA ausgeflogen werden sollen. Die Regierung schickt immer wieder Suchtrupps vor allem in liberale US-Städte und macht Jagd auf Migranten. Mindestens siebenmal kam es dabei zu Schießereien, von denen zwei tödlich verliefen. Für viel Aufmerksamkeit sorgte erst am 7. Januar die Tötung von Renée Good durch einen ICE-Beamten in Minneapolis. 2025 starben mindestens 34 Menschen in ICE-Gewahrsam.
Die Verhaftungswelle folgt auf Trumps Versprechen der „größten Abschiebeoperation in der US-Geschichte“. 1 Million Menschen will Trump jedes Jahr abschieben – laut Zahlen des Innenministeriums lag die Zahl Anfang Dezember bei gut 600.000. Mit der migrationsfeindlichen Rhetorik und der Militarisierung der Südgrenze zu Mexiko kommen ferner kaum noch Menschen ins Land, sodass 2025 zum ersten Mal seit 50 Jahren mehr Leute die USA verlassen haben als neu hinzukamen. Doch damit nicht genug: 2026 soll sich das Budget von ICE verdreifachen. Dagegen scheiterte Trump bislang mit seinem Versuch, das Recht auf Staatsbürgerschaft für alle in den USA Geborenen auszusetzen.
Für Trump und seinen Einpeitscher, den Vizestabschef Stephen Miller, ist die Brutalität dieser Politik gewünscht. Die Bevölkerung ist in ihrer Bewertung gespalten, wobei fast alle Demokraten das Vorgehen ablehnen, während Republikaner überwiegend dafür sind. Doch in Umfragen Ende 2025 gaben auch vermehrt konservative und rechte Wähler zu Protokoll, dass ihnen die Abschiebekampagne zu weit gehe. Auch Geschäftsleute wehren sich gegen ICE-Durchsuchungen in ihren Firmen, weil es schlecht für ihr Business ist. Abgesehen von humanitären Bedenken könnte Trump also über seine eigene Politik stolpern, wenn sie beeinträchtigt, was ihm und seiner Wählerschaft wichtig ist: die Wirtschaft.
Ökonomie
Trotz der permanenten Kulturkampfbeschallung lässt sich Trumps deutlicher Sieg bei der Wahl 2024 nicht ohne den Unmut der US-Bürger über die wirtschaftliche Lage erklären. Vor allem durch die Coronapandemie waren die Lebenshaltungskosten während der Biden-Präsidentschaft deutlich gestiegen – und das in einem Land, das seit Jahrzehnten keine Antwort auf Deindustrialisierung, Umverteilung von unten nach oben und stagnierende Reallöhne gefunden hat und in dem ein beachtlicher Teil der Bevölkerung regelmäßig auf Pump lebt. So hatte Trump im Wahlkampf groß angekündigt, er wolle die Teuerung zurückdrehen. Aber gelungen ist ihm das kaum.
Die Inflation ist nach einem ersten leichten Abflauen Ende 2025 wieder auf 3 Prozent angestiegen. Auch Trumps Zölle dürften dazu beitragen. Sie treiben den Preis für Importprodukte in den USA in die Höhe, während sie nicht den Niedergang der US-Industrieproduktion aufhalten. Weil die Republikaner staatliche Subventionen für die Krankenversicherungen gestrichen haben, steigen auch dort für viele die Beitragszahlungen. Das bestehende Wirtschaftswachstum wird zudem zu einem guten Teil durch die Tech-Industrie getrieben, die immer mehr Datenzentren bauen lässt. In der Gesamtbetrachtungen werden dagegen deutlich weniger Jobs geschaffen als notwendig.
Trump lobt sich natürlich trotzdem und sieht im Gemecker über die hohen Preise ein fieses Ablenkungsmanöver der Demokraten. Aber kauft seine Wählerschaft ihm das ab? Eine Gallup-Umfrage legt einen anderen Schluss nahe. Darin bezeichneten nur 21 Prozent der Befragten den Zustand der Wirtschaft als „exzellent“ oder „gut“. 40 Prozent der Trump-Wähler sagen, die Lebenshaltungskosten in ihrer Gegend seien so schlecht wie nie. Und nur 36 Prozent der US-Bürger sind zufrieden mit ihrem Präsidenten.
Selbst während Trumps erster Amtszeit lag der Wert zur gleichen Zeit noch höher. Bei den Midterm-Wahlen ein knappes Jahr später verloren die Republikaner damals 40 Sitze im Repräsentantenhaus. Bei den Wahlen in diesem Herbst könnten sich selbst die uninspirierten Demokraten Hoffnung machen, zumindest das Haus zurückzuerobern. Angesichts von schlechten Umfragen und vieler skandalgeplagter Regierungsmitglieder sind sogar die Republikaner im Kongress etwas von ihrem blinden Gehorsam gegenüber Trump abgewichen. Dort stimmten fast alle ihre Abgeordneten für die Freigabe der Epstein-Files und stellten sich gegen den Wunsch des Präsidenten. Die frühere Trump-Vertraute und Verschwörungsideologin Marjorie Taylor Greene hat sich mittlerweile von ihm losgesagt und positioniert sich von außen als Streiterin der reinen MAGA-Lehre. Auch wenn die aktuelle Regierung in der Krise ist, heißt das nicht, dass die Gefahr von rechts schwächer wird – im Gegenteil. Der Trumpismus ohne Trump kann noch hässlicher werden als das Original.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen