Hitze in Libanon: Da hilft nur schwarzer Humor
Die Sommerhitze überstehen Libanes*innen in teuren Strandresorts und mit umweltschädlichen Klimaanlagen. Die Regierung hat keine bessere Lösung als Erdgas aus Israel.
Foto: Abdul Kader Al Bay/Zuma Press/imago
I mmer im Hochsommer fliegen sie durchs offene Fenster, legen sich auf die Duschwanne, ins Waschbecken, auf die Bettdecke und die Kopfkissenbezüge: kleine schwarze Partikel, die sich von heißem Wasser und Seife nicht beeindrucken lassen. Wenn die Ventilatoren der Klimaanlagen der Nachbarn an den Häuserwänden rotieren und die Kompressoren auf Hochtouren arbeiten, schleudern Stromgeneratoren die Partikel in alle Richtungen.
Das Rödeln der Kästen mischt sich unter die übrigen Geräusche von der Straße. Sommer in Beirut, das sind tanzende Feinstaubpartikel und lautes Röhren von Motoren. Dazu 70 Prozent Luftfeuchtigkeit und Temperaturen über 30 Grad.
Hitzschlag
Über 40 Grad in Deutschland – was früher unvorstellbar war, ist heute real. Die Zahl der Hitzetoten steigt, die Wasserpegel der großen Flüsse sinken. Und wir merken, wie schlecht vorbereitet unser Land auf den Klimawandel ist. Doch der betrifft ja alle Länder. Wie gehen die Menschen anderswo mit den steigenden Temperaturen um? Und wo können wir von ihnen lernen? Eine Sommerserie der taz. Bisher erschienen:
Schwarzer Humor im Libanon
Hundstage in Südkorea
Wie eine Wüstenstadt in den USA die Hitze bekämpft
Japans kreative Hitze-Gadgets
Randmeldungen in Italien.
Angst vor den Bränden in Kroatien
In Irland sind schon 25 Grad Hitze
Flucht ans Meer in der Türkei.
Lernerfolge in Skandivien
Hitzestau in Österreich
Volle Saunen in Uganda
Wasserknappheit in den Niederlanden
Sommerhitze in der Ukraine
[Link auf Beitrag 8629168]Rekordhitze in Nordafrika
Wer es sich leisten kann, sucht Abkühlung am Strand. Die rund 240 Kilometer Küste sind weitgehend privatisiert. Am einzig öffentlichen Strand in der ganzen Hauptstadt fließt das Abwasser in einem großen Rohr gleich neben dem Sandstrand ins Meer. Da lässt man das Baden lieber bleiben.
Auch wenn sich der Mittelmeerraum alarmierend schneller erwärmt als der weltweite Durchschnitt, sind die Temperaturen nicht erst seit der Klimakrise so hoch.
Trotzdem hat der Staat keine Lösungen parat, außer: private Generatoren, die Schweröl für Klimaanlagen verbrennen und Feinstaub freisetzen, der den Körper vergiftet. Bisher haben die Politiker davon profitiert: Die Generatorenmafia ist eng mit der Politik verbandelt. Politiker aller Parteien verdienen mit den Dieselgeneratoren mächtig Geld. Libanons Strombehörde war eine Goldgrube für korrupte Politiker und ihr Klientel. Geld floss hinein – und direkt in private Taschen.
Gas aus Israel – statt umweltschädliches Heizöl
Doch nun soll das anders werden, hat Libanons Regierung beschlossen. Bei seiner Antrittsrede im Januar 2025 hat Präsident Jospeh Aoun versprochen, der Korruption einen Riegel vorzuschieben. Energieminister Joe Saddi kündigte Mitte August an, das staatliche Elektrizitätswerk würde bald mit Erdgas versorgt – einem billigeren und weniger umweltschädlichen Kraftstoff als Diesel und Heizöl. „Die Verträge sind fast fertig“, so der Minister.
Die Idee: eine 1.200 Kilometer lange Pipeline aus den Anfängen der 2000er Jahre wieder flottzumachen. Die Arab Gas Pipeline soll ermöglichen, dass Jordanien, Syrien und Libanon gemeinsam Erdgas auf dem Markt kaufen.
Die Krux: Das Gas soll nicht nur aus Katar, sondern auch aus Ägypten kommen. Ägypten jedoch hat keine eigenen Gasvorkommen. Im Dezember 2025 hatte Kairo einen Gasdeal im Wert von rund 30 Milliarden Euro mit Israel geschlossen. Also dem Land, das derzeit rund 60 Dörfer im Südlibanon besetzt und über 30 davon dem Erdboden gleichgemacht hat. Für die Libanes*innen heißt das: Ihre Regierung möchte Gas aus Israel kaufen. Ein absolutes No-Go.
Kein Vertrauen in die Politik
Entsprechend alarmiert ist aber kaum jemand. Bisher ist der Teil der Pipeline, der Syrien mit Jordanien verbindet, noch nicht wiederhergestellt. Dass das Projekt tatsächlich realisiert wird, daran glaubt niemand. Seit ihrer Kindheit hören die Libanes*innen, dass die Politiker das Stromproblem lösen.
Entsprechend sind die Kommentare unter einem Medienpost über die Pipeline: „Seit den 1980ern hören wir die immergleichen Szenarios von anderen Regierungen, das Resultat sind 3 Stunden Strom am Tag.“ „Exzellente Möglichkeit für Politiker, noch mehr Geld zu stehlen.“ „Nichts, was wir nicht schon tausendmal gehört hätten.“
„Ein Vorschlag: Wie wäre es, wenn die Politiker für das Projekt ihre Niere verkaufen?“, fragt ein Libanese entsprechend. Nach Protesten vor der Strombehörde und dem Parlament im Jahr 2019, der folgenden Wirtschaftskrise, der Beiruter Hafenexplosion 2020 und den israelischen Angriffen seit 2023 bleibt vielen nur noch schwarzer Humor.
Denn das ist offenbar die einzige Lösung, um nicht nur die Hitze, sondern auch alle anderen Krisen im Land irgendwie auszuhalten.
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