Hitze in Kolumbien: Feuer, Erdbeben und kaum staatliche Hilfe in Kolumbien
Das schwere Erdbeben im August hat andere Lagen fast verdrängt: die Waldbrände. Dank „Superniño“ ist es extrem heiß und trocken.
Foto: Esteban Vega La-Rotta/afp
E s sind Bilder wie aus der Hölle. Tiere verbrennen, das Vieh hat keine Weide mehr, kein sauberes Wasser. Familien haben ihr Zuhause verloren. Limetten, Mango, Avocado, Kakao und Kochbananen sind Asche. Den Bauernfamilien droht eine Hungersnot nach dem Inferno. Es wird Jahre dauern, bis die Bäume nachwachsen und wieder Früchte tragen werden. Wie durch ein Wunder wurden bislang keine Toten gemeldet. Und das Feuer frisst sich weiter.
Die Szenerie spielte sich vor rund zwei Wochen ab. Damals wüteten die Brände im Departamento Tolima mit am heftigsten. Bitter ist, dass ausgerechnet diese Region auch Schaden durch das Erdbeben Anfang August genommen hat. Gouverneurin Adriana Matiz rief, als es brannte, Armee und Luftwaffe um Hilfe. Staatliche Feuerbekämpfer*innen blieben lange rar. Mittlerweile sind allein in Tolima etwa 50.000 Hektar den Flammen zum Opfer gefallen, 28.000 Menschen sind betroffen.
Über 40 Grad in Deutschland – was früher unvorstellbar war, ist heute real. Die Zahl der Hitzetoten steigt, die Wasserpegel der großen Flüsse sinken. Und wir merken, wie schlecht vorbereitet unser Land auf den Klimawandel ist. Doch der betrifft ja alle Länder. Wie gehen die Menschen anderswo mit den steigenden Temperaturen um? Und wo können wir von ihnen lernen? Eine Sommerserie der taz. Bisher erschienen:
Schwarzer Humor im Libanon
Hundstage in Südkorea
Wie eine Wüstenstadt in den USA die Hitze bekämpft
Japans kreative Hitze-Gadgets
Randmeldungen in Italien.
Angst vor den Bränden in Kroatien
In Irland sind schon 25 Grad Hitze
Flucht ans Meer in der Türkei.
Lernerfolge in Skandivien
Hitzestau in Österreich
Volle Saunen in Uganda
Wasserknappheit in den Niederlanden
Sommerhitze in der Ukraine
[Link auf Beitrag 8629168]Rekordhitze in Nordafrika
Freiwillige Dorffeuerwehren und Bauernfamilien kämpfen großteils allein gegen die Flammen, die neben ihren landwirtschaftlichen Flächen den tropischen Trockenwald verschlingen, ein hochgefährdetes Ökosystem. Soziale Organisationen wie das Gletscherschutz-Kollektiv Cumbres Blancas und die Vereinigung der Bergführer Tolima, die enge Beziehungen zu den Bauern pflegen und Umweltbildung betreiben, kämpfen seit Wochen an ihrer Seite.
Nach Erdbeben Notfall ausgerufen
Als am 10. August dann auch noch die Erde mit einer Stärke von 7,4 bebte, rief das Departamento Tolima den Notfall aus, weil die Waldbrände außer Kontrolle geraten waren. Wie die Nachrichtenagentur Baudó berichtet, hatten diese schon am 16. Juni begonnen. Bauern erwähnten erste Brände im Mai. Doch die lokalen Regierungen unternahmen nichts. 11 der 19 aktiven Waldbrände sind in Tolima. Es brennt aber auch in Nariño, Valle del Cauca, Cundinamarca, Caldas und Antioquia sowie in den Bergen über der Hochhauskulisse der zweitgrößten Stadt Medellín.
Es ist eine Katastrophe, die sich seit Monaten angekündigt hatte. Das kolumbianische Institut für Hydrologie, Meteorologie und Umweltstudien (Ideam) warnte seit März davor, dass ein „Superniño“ kommen würde, eine Extremform des El-Niño-Phänomens, das in Kolumbien extreme Hitze und Trockenheit bringt. Doch die linke Regierung von Gustavo Petro hatte nicht ausreichend in Prävention investiert. Die damalige Umweltministerin Irene Vélez stellte zwar ein Maßnahmenpaket vor. Umgesetzt wurde es aber nicht, wo es heute brennt.
Eduardo Vélez, Fachmann für integriertes Katastrophenrisikomanagement mit Erfahrung unter anderem bei der UN, fordert einen Aktionsplan mit eigenem Budget für die Multikrise, die Superniño bringt: eigene Geldtöpfe jeweils für Dürre, Brände, Gesundheit und Energie – statt wie bisher eine Reihe von Notdekreten, die alle um denselben Geldtopf konkurrierten. In Kolumbien herrsche eine „Kultur der Reaktion“. Das Budget und der Wille zur Prävention seien zu knapp.
„Wir bewegen uns erst, wenn es Tote gibt“
Die meisten Waldbrände gehen auf Menschen zurück, heißt es bei der Nationalen Stelle für Katastrophenrisikomanagement: Nachlässigkeit, bäuerliche Praktiken, die bei Extremtrockenheit außer Kontrolle geraten, womöglich Brandstiftung.
Präsident Abelardo de la Espriella rief beim Ortsbesuch in Tolimas Hauptstadt Ibagué den Notstand aus, um Hilfsgelder schneller zu mobilisieren. Er sprach von „kriminellen Händen“, die hinter den Bränden steckten. „Sie nutzen das Feuer, um die Landschaft zu zerstören, unsere Bauern zu schikanieren, Ernten und Tiere zu vernichten und Angst in der Bevölkerung zu schüren.“ Gouverneurin Adriana Matiz verdächtigte Farc-Dissidenten, die Feuer gelegt zu haben. Benzin und Brandbeschleuniger seien jedenfalls gefunden worden.
Doch es könnten auch andere Interessen dahinterstecken, warnen Senator Kevin Gómez Paz und der Abgeordnete Renzo García, beide vom linken Pacto Histórico: Auf weiten Teilen der Brandgebiete oder in angrenzenden Gebieten seien Bergbauschürfrechte angefragt oder vergeben.
Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
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