Frauen, Streiks und solidarische Männer: Als Frauen ihre Bosse in die Knie zwangen
Streikende Frauen, das ist schon an sich revolutionär genug. Noch revolutionärer, wenn sich die Männer solidarisieren, wie in diesem Beispiel.
Foto: Klaus Rose/imago, Montage: taz
Aus heutiger Sicht wirkt die Forderung der Arbeiter*innen des Pierburg Werks in Neuss nicht besonders radikal. „Eine Mark mehr!“ lautete ihr Slogan im Jahr 1973. Doch ihr Streik war revolutionär. Denn er war einer der ersten in Deutschland, in dem sich männliche Arbeiter mit ihren weiblichen Kolleginnen solidarisierten.
Die Arbeiterschaft beim Automobilzulieferer Pierburg bestand zum großen Teil aus Frauen, viele von ihnen waren Migrantinnen aus Jugoslawien, Italien, Spanien, Griechenland und der Türkei. Bezahlt wurden sie nach der „Leichtlohngruppe 2“. Diese tarifliche Lohngruppe galt in der BRD für Arbeit mit „geringer körperlicher Belastung“. Entlohnt wurden nach ihr fast ausschließlich Frauen – oft für die gleiche Arbeit, wie sie auch Männer leisteten.
Doch am Montag, den 13. August 1973, hatten rund 20 Arbeiterinnen genug. Ab 5.30 Uhr verteilten sie Flugblätter vor dem Werkstor. Nach kurzer Zeit hatten sich 200 bis 300 Streikende zusammengefunden – ganz ohne gewerkschaftliche Unterstützung. Sie forderten mehr Geld und ein Ende der frauenfeindlichen Lohnstruktur.
Die Polizei zerschlug den Streik brutal, ein Polizist beleidigte die Streikenden rassistisch. So beschreibt es Dieter Braeg, der damals Betriebsratsvorsitzender bei Pierburg war, in seinem Buch „Wilder Streik – Das ist Revolution!“.
Arbeitskampf hat sich gelohnt
Trotz der Repression legten die Arbeiter*innen auch in den Folgetagen die Produktion lahm. Aus den 20 Frauen wurden Hunderte Streikende. Männer und Frauen, Migrant*innen und Deutsche. Künstler wie Joseph Beuys unterstützten den Protest, Arbeiter*innen aus Oberhausen, Lippstadt und Gelsenkirchen solidarisierten sich per Telegramm. Am Donnerstag gab es Verhandlungen, Freitag um 6.30 Uhr ein erstes Angebot: 12 Pfennige mehr.
Die Antwort der Streikenden: „Wenn es bei 12 Pfennigen bleibt, werden wir 12 Jahre weiter streiken.“ Um 16 Uhr sagten die Arbeitgeber: 53 bis 65 Pfennige Lohnerhöhung und Abschaffung der Leichtlohngruppe 2. Der Arbeitskampf hatte sich gelohnt. Und die Leichtlohngruppe 2 war auch im Rest der Republik bald Geschichte.
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