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Theaterstück „Bucket List“ in GöttingenWie umgehen mit dem Massaker vom 7. Oktober?

Mit „Bucket List“ reagierte die Dramatikerin Yael Ronen auf das Massaker vom 7. Oktober. In Göttingen wird daraus ein wuselig inszeniertes Musical.

Musicalisierung als Reiz und Problem: „Bucket List“ am Deutschen Theater Göttingen Foto: Thomas Müller

Göttingen taz | Muss man das wissen? Gerade als ein jüdisch-israelisches Team seinerzeit die Proben zu einer Stückentwicklung an der Berliner Schaubühne begonnen hatte, schlachteten am 7./8. Oktober 2023 islamistische Hamas-Anhänger mehr als 1.200 israelische Zivilist:innen, vergewaltigten und verschleppten Tausende.

„Bucket List“ sollte Yael Ronens in Arbeit befindliches Theaterstück betitelt sein: eine Auseinandersetzung mit den Listen, die Menschen anlegen mit dem, was sie bis zu ihrem Tod noch alles erlebt haben wollen.

Das Thema entglitt, der Titel blieb: In Berlin wurde „Bucket List“ zu einem verzweifelten Versuch, einen Umgang mit dem nach 1945 beispiellosen antisemitischen Terror zu finden. Anderthalb Jahre später wagt das Deutsche Theater Göttingen eine Neuinszenierung – ohne groß auf die Vorgeschichte einzugehen.

Regisseur Aureliusz Śmigiel und Choreograf Valentí Rocamora i Torà versuchen ganz allgemein einen Abend über Menschen mit Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) auf die Bühne zu bringen.

Die Musicalisierung ist der Reiz des Abends – und sein Problem

Dabei geht es nicht nur um die psychischen Folgen von militärischen Auseinandersetzungen, Folter, Flucht, Naturkatastrophen, Terror und Gewalt, sondern irgendwie um uns alle: Vom boomenden PTBS-Markt ist nun die Rede, von den Umsatz-Milliarden für Antidepressiva, Therapien, spezialisierten Kliniken.

Zunächst stimmen die vier Schau­spie­le­r:in­nen ein Kriegslied an: „Down to the bottom of a bleeding field / where flashes cut the sound of speed / Replacing fear with fear / Inflicting every soul and every thing / War sings.“ Dazu steht ein Kämpfer (Leonard Wilhelm) an der Rampe und weiß nicht so recht: „Am Samstagmorgen wachte ich unter den Trümmern meiner vergangenen Realität auf.“

Von klaffender Leere geht die Rede, von Stille im Kopf. Aber der Mann ist nicht tot, sondern hat sich entschieden, die Traumatisierung auszugrenzen, ja, von seiner Erinnerungsfestplatte löschen zu lassen.

Möglich macht die Realitätsflucht das Science-Fiction-Unternehmen „Zeitgeist“: Es füllt die Lücken mit der Vergangenheit anderer Menschen auf. Aber der Gedächtnisversehrte bekommt die Erinnerungsfetzen nicht zusammen. Ist das, was ihm ins Bewusstsein ploppt, fantasievolle Ergänzung, reine Erfindung, implantiert oder wirklich?

Das Stück

„Bucket List“ am Deutschen Theater Göttingen. Weitere Termine: 4., 7. + 17. 4; 21. 5; 3. 6,

Seiner Fragmente-Puzzle-Version begegnet auf der Bühne der dabei vorgestellte Robert; dass dazu drei Tän­ze­r:in­nen (Tirza Ben Zvi, Germán Hipolito Farías und Paweł Malicki) „Liebe“, „Kind“ sowie „Rausch“ verkörpern und entsprechend in die Szenen toben, fügt den narrativen Schnipseln meist nur illustrative Bewegung hinzu. Dialogisch ist die Aufführung eher rudimentär entwickelt, es wird ein Lied nach dem anderen zelebriert, von Shlomi Shaban mal in Tango, mal in Blues, mal in Softrock gewandet.

Die Musicalisierung ist der Reiz des Abends – und sein Problem: Sie bietet einen Klang- als herrlich offenen Assoziationsraum. Aber nur, wer die deutsch übertitelten Songtexte mitliest, dem vermitteln sich auch Inhalte – in verschlüsselnder Singer-Songwriter-Poesie.

„Bucket List“ bietet also tolle Musik und triggerwillige Lyrics in einer wuseligen Inszenierung – die überraschend endet: Plötzlich ist das Bühnenpersonal entspannt, hält Händchen, lässt den Saal illuminieren, klettert durchs Parkett und nimmt neben Zu­schaue­r:in­nen oder auf ihren Schößen Platz. Lächelt liebevoll. Und singt: „You never stop imagining“.

Aller seelischen Verletzungen und globalen Krisen zum Trotz wird an die Vorstellungskraft appelliert. Unkonkret. Schutzlos. Aber so freundlich und sanft, dass das Finale einer Umarmung des Publikums gleichkommt. Sehnsuchtskitzel einer noch auszubrütenden Hoffnung. Heftig zustimmender Applaus.

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