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Die Vor- und Nachteile des Doppelpacks

Der weltweite Markt für Kaffee ist hart umkämpft. Das ohnehin schon asymmetrische Machtverhältnis verschiebt sich zugunsten der Röster und Händler. Der faire Handel unterstützt die Produzenten. Der konsequenteste Lösungsansatz hat aber auch einen Haken

Gender-Pay-Gap? Beim jetzigen Tempo in 217 Jahren geschlossen

Von Stefan Klein

Der Kaffeemarkt in Deutschland boomt. Vor allem den Kaffeepads verdanken die Röster und Einzelhändler Steigerungen ihrer Wertschöpfung auf 3,63 Milliarden – während die Einnahmen der Erzeugerländer von 1994 bis 2017 um 10 Prozent gesunken sind. 2017 entfielen auf die acht größten Konzerne 75 Prozent des Umsatzes.

Bei den Bäuerinnen in den Herkunftsländern kommt vom Kaffeeboom jedoch wenig an. Sie erhalten vom Endverkaufspreis des portionierten Kaffees zum Beispiel in Peru 2,7 Prozent, in Kolumbien 4,8 Prozent. Bei gemahlenen Kaffees sind es wenigstens 11,6 bis 24,1 Prozent. Das Realeinkommen der Kaffeebäuerinnen hat sich seit den achtziger Jahren halbiert. Darum setzt sich der Verein Transfair seit 1992 für gerechtere Bezahlung der Kaffeebäuerinnen ein. Die Organisation zertifiziert Bauern mit dem Fairtrade-Siegel. Dies garantiert, neben einer Prämie für soziale Projekte, eine bestimmte maximale Abnahmemenge zu einem unabhängig vom Markt festgelegten Mindestpreis.

Doch dies kann zu einer absurden Entwicklung führen. Angenommen, ein Bauer hat zwei Säcke Kaffee unterschiedlicher Qualität zu verkaufen, von dem ihm Fairtrade einen zum garantierten Mindestpreis von 1,40 Dollar pro amerikanischem Pound (453,6 Gramm) abnimmt. Er kann nun die gute Qualität auf den lokalen Markt bringen, wo sich dafür mehr erzielen lässt, und die schlechte Qualität an Fairtrade geben. Er könnte sogar auf die Idee kommen, seine Erzeugerkosten auf die gute Qualität zu konzentrieren, und einen ohne hohen Aufwand angepflanzten minderwertigen Kaffee extra für Fairtrade anzubauen. Entdeckung muss er kaum fürchten: Nach dem Erst-Audit vor Ort gibt es in den nächsten drei Jahren nur noch zwei weitere, zudem angekündigte Audits. Und nur bei Beschwerden kommt es zu unangemeldeten Audits – doch wer sollte sich beschweren?

In den letzten fünf Jahren wurden im Durchschnitt 46 Kaffeekooperativen pro Jahr de-zertifiziert, teilt Transfair auf Anfrage mit. Dabei müsse es sich nicht zwangsläufig um eine Dezertifizierung aufgrund von Verstößen handeln. Auch der freiwillige Wunsch sowie die Nichtzahlung von Gebühren könnten Gründe sein.

„Die verstärkte Konzentration auf die nachgelagerten Akteure der Lieferkette zeigt sich in einem zunehmend asymmetrischen Machtverhältnis zugunsten der Röster und Händler. Sie schwächt die Position der Produ­zent*innen, die Bedingungen für den Verkauf ihres Kaffees auszuhandeln, und führt zu ihrer zunehmenden Prekarisierung.“ Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die der Commerce Équitable France, ein Zusammenschluss von 30 Organisationen und Unternehmen, die sich für faires Wirtschaftshandeln einsetzen, 2018 mit weiteren Fairtrade-Akteuren in Auftrag gegeben hatte. Die deutsche Fassung wurde im Januar 2019 vom Forum Fairer Handel und Transfair unter dem Titel „Kaffee – eine Erfolgsgeschichte verdeckt die Krise“ veröffentlicht.

Als größtes Problem der Kaffeebäuerinnen werden darin die Folgen des Klimawandels herausgestellt: „Da die Kaffeepflanze ganz bestimmte klimatische Bedingungen benötigt, ist der Kaffeeanbau – vor allem der Anbau von Arabica – vom Klimawandel bereits stark betroffen: 2011 trat der Kaffeerost in Kolumbien auf, ein Jahr später auch in Mittelamerika (nahezu 55 Prozent der gesamten Kaffeeanbaufläche waren betroffen), 2014 herrschte extreme Trockenheit in Brasilien.“ Hinzu komme „die Ausbreitung resistenter Schädlinge. Der allgemeine Temperaturanstieg und starke Regenfälle in Folge des Klimawandels machen die Ernten schwer vorhersehbar.“

Und für die Zukunft prognostiziert die Studie Schlimmes: So dürften „extreme Klimaereignisse häufiger auftreten“, Bedingungen, die Pflanzenkrankheiten und Schädlinge in den Kaffeeanbaugebieten begünstigen. „Diese Veränderungen könnten bis 2050 zu einer Senkung der Erträge um 20 Prozent und einer Verringerung der Kaffeequalität weltweit führen.“ Hinzu kommt, dass durch den Klimawandel auf der Hälfte der heutigen Flächen in der Äquatorialzone kein Anbau mehr möglich sein wird. Als Reaktion auf diese Lage empfiehlt die Studie das zusätzliche Bio-Zertifikat für fair gehandeltem Kaffee. Nur so könnten die Belastungen, die der Kaffeeanbau für die Anbauländer mitbringt, gemindert werden.

Bei der Kaffeeproduktion zeigt sich, dass für jeden Dollar, der etwa in Kolumbien mit dem Kaffeeexport verdient wird, 41 Cent an gesellschaftlichen Kosten entstehen. Dies sind Folgekosten, etwa: zu geringe Steuern, um die öffentlichen Kosten für die Infrastruktur des Kaffeeanbaus zu decken; Verschmutzung der Anbaugebiete durch Chemikalien und Pestizide; Schäden im Zuge des Klimawandels durch CO2-Emissionen.

Die Großproduzenten haben mit ihrem eigenen Siegel UTZ zwar verbesserte Bedingungen geschaffen. Sie verwenden allerdings mehr als doppelt soviel Düngemittel und Pestizide wie die unter dem Fairtrade-Siegel produzierenden Bäuerinnen. So reduzieren sich bei Fairtrade-zertifiziertem Kaffee die gesellschaftlichen Kosten auf 37 Cent, bei der UTZ-Zertifizierung auf 28 Cent und bei der zweifachen Fairtrade-Bio-Zertifizierung auf 17 Cent. Bei gleichzeitiger Fairtrade- und Bio-Zertifizierung verringern sich diese Kosten um über die Hälfte.

Die Autoren kommen zu dem Ergebnis: „In allen Fallbeispielen sorgt die zweifache fair- und bio-Zertifizierung für die stärkste Reduzierung der Auswirkungen gemessen an den entsprechenden gesellschaftlichen Kosten.“ Aber: „Doppelte Zertifizierung würde zu viele Produzenten ausschließen“, sagt Hannah Radke von Transfair. Diese Argumente sollten kritisch geprüft werden. Immerhin sind laut Studie bereits 78 Prozent des fair gehandelten Kaffees in Deutschland zusätzlich mit einem Bio-Siegel ausgestattet.