Hausbesuch Kunst soll nicht elitär, sondern für alle da sein, findet Sabine Feldwieser. Die Psychologin hat den Verein „Die Wortfinder“ gegründet und gibt Bücher von Menschen mit geistiger Behinderung heraus

„Wer weiß, wann wohl was wär?“

Sabine Feldwieser in ihrem Archiv der gefundenen Wörter

Von Luciana Ferrando
(Text) und Veit Mette (Fotos)

Zu Besuch bei Sabine Feldwieser in Bielefeld. Die Psychologin hat den Verein „Die Wortfinder“ gegründet.

Draußen: Wochenmarkt am Siegfriedplatz um die Mittagszeit, 30 Grad, ein Siesta-Gefühl unter blauem Himmel. Die Cafés um die Markthalle sind voll, doch nur die Schüler der Realschule in der Bossestraße sind laut. Es ist der erste Schultag nach den Sommerferien. Am Ende der Straße, der Bürgerpark. Tannenbäume und Trauerweiden, dreistöckige Häuser mit Vorgärten, in denen Blumen blühen. Feldwieser zeigt auf ein Eichhörnchen. Sie sieht es jeden Morgen vom Fenster aus.

Drinnen: „Halleluja mein Sofa“ steht über dem Sofa, „Kleinod“, „Nasenfahrrad“ und „Augenstern“ als Kühlschrankmagnete, „Supermama“ hängt als Schokoladenherz an einer Wand. Überall sind Sätze, Wörter und Anregungen sowie weiße Rosen. Holzkisten und Schubladen statt Schränke, ein Fischglas ohne Fische, eine Hollywoodschaukel als Scherenschnitt, „weil ich keinen Platz für eine echte habe“.

Nicht heimisch, zu Hause: 1992 zog Sabine Feldwieser als junge Akademikerin von der schwäbischen Alb weg, weil sie in Bielefeld eine gut bezahlte, befristete Arbeit bekam. Sie unterrichtete Psychologie und wollte nur ein Jahr in der Stadt bleiben. Sie fand die Landschaft platt, die Menschen „distanziert, ganz anders als die Schwaben“. Zwei Jahre später kam Moritz, ihr Sohn, zur Welt, und die Rückkehr wurde immer wieder verschoben. Nach der Kita, nach der Schule, nach dem Abi – bis Feldwieser merkte, dass sie sich selbst immer mehr verwurzelte. Der Sohn zog aus, sie blieb. „Mein Arbeitsleben, mein Bekanntenkreis sind hier.“ Nach 24 Jahren fühle sie sich „nicht heimisch, aber zu Hause“.

Das Körperliche

Politisch: „Die Heimat ist das Fremde geworden und umgekehrt“, sagt Feldwieser. „Da unten“ sind ihre Mutter, ihre Freundin fürs Leben, ihre Kindheitserinnerungen. Wenn nach einem Besuch die Landschaft hinter ihr bleibt, spüre sie Traurigkeit, Sehnsucht. Nicht um solche Gefühle zu vermeiden, werden ihre Heimreisen seltener: Sie habe einfach keine Zeit, arbeite viel zu viel, und doch habe sie noch nie etwas tun müssen, das ihr nicht gefällt. „Ich liebe, was ich mache, und liebe es, dadurch etwas verändern zu können.“ Das sei ihre Art, politisch aktiv zu sein.

Was sie macht: Im Verein Die Wortfinder entwickelt Feldwieser mit KünstlerInnen mit geistiger Behinderung Kunst- und Literaturprojekte. „Ich will beweisen, dass sie auch etwas zu sagen haben.“ Alles fing an vor 20 Jahren, als sie als Hospitantin in einer Institution für Menschen mit Behinderung sah, dass nur Menschen mit Down-Syndrom an Workshops teilnahmen. „Warum?“, fragte sie, und begann Kunstseminare und Malunterricht für Menschen mit schweren geistigen Behinderungen anzubieten. Ihre Initiative lief gut. Feldwieser organisierte Ausstellungen und Wettbewerbe, verlegte Bücher mit den Werken ihrer SchülerInnen. Sie findet, Kunst soll nicht elitär, sondern für alle da sein.

Wörter finden: In ihren Kursen können viele der TeilnehmerInnen nicht sprechen, deshalb bekam sie irgendwann „Hunger nach Sprache“ und überlegte, wie sie satt werden könnte. Andererseits waren auch Leute dabei, die nicht malten, sondern redeten. „Ein Mann sagte ständig: ‚Wer weiß, wann wohl was wär, welche wahre Zeit.‘ Das fand ich genial und kam auf die Idee, mit Kreativem Schreiben zu arbeiten.“ Sechs Jahre alt ist der Verein Die Wortfinder, acht Bücher wurden veröffentlicht.

Das Geistige

Kein Tag ohne Kuchen: Im Verein ist sie die einzige Mitarbeiterin. „Es ist etwas einsam, und ich bin müde. Wenn ich 30 wäre, würde ich ein Kleinunternehmen gründen. Aber ich bin 55, und ich dachte immer, je älter ich werde, desto weniger werde ich zu tun haben.“ Sie dagegen habe immer mehr zu erledigen. „Ich vergesse, auf meine Gesundheit zu achten. Rückenprobleme, Erschöpfung.“ Eine Kaffeepause macht ihre Arbeitstage leichter. Jeden Tag trinkt sie einen Latte Macchiato und isst Kuchen. „Ein Tag ohne Kuchen, was ist das für ein Tag?“

Große Fragen: „Wie kommen die Gedanken in den Kopf?“ „Wie könnte sich sterben anfühlen?“ „Tut Altwerden weh?“. Diese und andere Fragen werden in Feldwiesers neuer Bücherreihe von Menschen mit geistiger Behinderung gestellt, beantwortet und illustriert. Einige dieser Fragen habe sie sich auch selbst gestellt. Etwa die über den Tod. Nach dem Studium machte sie eine Ausbildung als Sterbebegleiterin, damit das Thema für sie kein Tabu bleibt. „Ich konnte keine toten Körper sehen, selbst keine toten Tiere.“ Den Übergang zu begleiten, mache es greifbarer, helfe, Tod zu begreifen. „Man weiß es, aber man weiß es nicht.“ Die Fernsehstars von früher sterben („mag banal klingen“), die Generation ihrer Eltern verschwindet, und ihr wird klar: Ihre Zeit wird auch immer knapper. „Ich muss gut überlegen, was ich noch machen möchte. Vielleicht ins Schwabenland zurückkehren, vielleicht Wandern in fernen Ländern.“ Hätte sie mehr Zeit, würde sie sich „hundert Prozent“ für die Natur einsetzen, „mein Herz schlägt dafür“.

Ein Bild: Es gibt ein Foto von ihr: Sie achtjährig im weißen Kleid, einen Blumenstrauß, fast so groß wie sie, in der Hand. Neben ihr ein Esel, dahinter Landidylle. „Das wäre mein Leben“, sagt sie. „Ein Bild vom Glück.“ Blumen zu pflücken – das liebt sie am meisten (weil es in der Stadt nicht so einfach geht, gibt sie viel Geld im Blumenladen aus). Auch Beeren, Pflaumen und Äpfel zu pflücken, mache sie glücklich. „Spazieren gehen und direkt von den Bäumen essen, das ist ein Hauch von Freiheit.“