trans Aktivistin startet Petition: Sie möchte selbst bestimmen

Emma Kohler ist 17 Jahre alt und trans. Mit einer Petition für ein neues Selbstbestimmungsgesetz übt sie Druck auf die Politik vor den Wahlen aus.

Porträt der trans Aktivistin Emma Köhler

Vielseitig politisch unterwegs: Die 17-jährige Emma Kohler Foto: Alessandra Röder

TRAUNSTEIN taz | Emma Kohlers neues Leben beginnt mit einer Whatsapp-Nachricht. Den Text hat sie Wochen zuvor formuliert, an einem Dienstag in den Sommerferien 2020 traut sie sich endlich. Um 13.04 Uhr schickt sie die Nachricht an alle Mitschüler:innen, deren Nummer sie hat. „Ich will mich nicht (mehr) verstellen müssen“, steht darin. In 30 Zeilen erklärt sie, dass sie ein Mädchen ist und nie ein Junge sein wird. Es ist ihr Coming-out als trans Jugendliche.

Den Rest der Ferien verdrängt sie die Gedanken an den ersten Schultag in der 11. Klasse. In der letzten Nacht wälzt sie sich im Bett herum. Doch von den Mit­schü­le­r:in­nen kommt kein einziger negativer Kommentar. Auch die Leh­re­r:in­nen nennen sie nun bei ihrem selbst gewählten Namen, Emma Kohler. „Ich habe die Entscheidung getroffen, sichtbar zu sein“, sagt sie.

Emma Kohler ist eine zierliche Jugendliche, rotgefärbte halblange Haare, bunte Chucks und T-Shirt. Früher wollte sie Physikerin werden, heute ist sie in vier Klimaorganisationen aktiv, betreibt einen politischen Podcast und engagiert sich bei der Grünen Jugend. Wer sich mit ihr unterhält, kann leicht vergessen, dass sie erst 17 Jahre alt ist. Sie formuliert ihre Standpunkte stets, als würde sie selbst gerade an einer Bundestagsdebatte teilnehmen.

Mehrmals in der Woche radelt sie von ihrem Zuhause aus acht Kilometer in das Regionalbüro der Grünen im oberbayerischen Traunstein. Die Bahn hält in ihrem 300 Einwohner großen Dorf nicht an. Seit sie mal Post von einem wütenden Klimaleugner bekommen hat, behält sie den Namen ihres Dorfes lieber für sich.

Auch Greta Thunberg folgt ihr auf Twitter

Im Internet aber beginnt die Schülerin über LGBTQ-Rechte und ihre eigenen Erfahrungen zu twittern. In ihrem Account beschreibt sie sich als „trans“, „Klimaaktivistin“ und „in 68 Ländern illegal“. Seitdem erhält sie täglich hasserfüllte Nachrichten. Sie wird als Transe, Schwuchtel, psychisch krank bezeichnet, einige stellen intime Fragen zu ihrem Körper.

Aber Kohler hat sich ein Netzwerk aufgebaut. Mehr als 10.000 Menschen folgen ihr auf Twitter, darunter die Klimaaktivistin Greta Thunberg oder der Grünen-Bundestagsabgeordnete Konstantin von Notz. Mit jedem Tag wird sie bekannter im Netz. Wenn sie die verbalen Angriffe öffentlich macht, zeigen sich viele solidarisch. „Ich möchte etwas verändern“, sagt sie.

Mitte Mai startet Kohler aus diesem Grund auch eine Petition auf der Plattform change.org gegen das sogenannte „Transsexuellengesetz“ – wenige Tage, bevor eine Mehrheit im Bundestag ein neues Selbstbestimmungsrecht für trans Personen ablehnt.

Das Bundesverfassungsgericht hat mehrere Teile des „Transsexuellengesetzes“ von 1981 außer Kraft gesetzt, weil sie gegen die Menschenrechte verstießen. Doch bis heute müssen trans Personen für die Änderung ihres Namens- und Personenstands zwei psychologische Gutachten vor Gericht vorlegen. Viele berichten, dass ihnen entwürdigende Fragen gestellt wurden, etwa zu ihren sexuellen Vorlieben. Zudem kostet das Verfahren mehrere tausend Euro. FDP und Grüne wollten zuletzt mit einer jeweils eigenen Gesetzesänderung erreichen, dass die Anträge künftig ohne Gutachten beim Standesamt gestellt werden können. Vorgesehen war diese Möglichkeit für Jugendliche ab 14 Jahren.

Über die rechtlichen Regelungen für trans Jugendliche wird dabei besonders emotional diskutiert. Es geht um die Frage, inwieweit Minderjährige über ihre Geschlechtsidentität selbst entscheiden können.

Kontroverse Debatte im Bundestag

Im Bundestag betonte die CDU-Abgeordnete Bettina Wiesmann kurz vor der Stimmabgabe, das Kindeswohl müsse berücksichtigt werden. „Das muss auch in Fragen einer geschlechtlichen Transition gelten und dafür ist eine Beratungslösung verbunden mit einer gerichtlichen Feststellung für Minderjährige ein kluger Weg“, sagte sie. Die Gesetzesentwürfe würden weit über das Ziel hinausgehen. Ihr Parteikollege Marc Henrichmann behauptete, dass sich die Zahl der insbesondere jungen Frauen und Mädchen, die in den letzten zehn Jahren eine Beratung in Anspruch genommen haben, laut Medizinern verfünzigfacht hätte. „Der Staat hat eine Schutzfunktion“, sagte er. Und fügte polemisch hinzu: Kinder dürften nicht Opfer „dieser Ideologie“ werden.

Der genderpolitische Sprecher der FDP, Jens Brandenburg, entgegnete, es gebe kaum ein anderes Gesetz, das die persönliche Lebenssituation von transgeschlechtlichen Jugendlichen und ihren Familien so stark beeinflusse und beeinträchtige.

Emma Kohler gehört zu den jungen Menschen, über die in solchen Diskussionen gesprochen wird. Nach der Abstimmung twitterte sie: „Ein schlechter Tag für die Menschenrechte.“ Es habe sie entsetzt, wie wenig das eigentliche Thema, die Personenstands­änderung, thematisiert wurde. „Stattdessen wurde über Hormone geredet, obwohl es darum in dem neuen Selbstbestimmungsrecht gar nicht geht.“ Die Debatte sei schlimm gewesen – und völlig am Thema vorbei geführt worden.

Mehr als 46.000 Menschen unterstützen Petition

Trotzdem will sie nicht aufgeben. Die Schülerin hofft, dass sich die Mehrheiten nach der Bundestagswahl im September ändern. Ihre Petition läuft währenddessen weiter, um den Druck bis zu den Koalitionsverhandlungen zu steigern. Mehr als 46.000 Menschen haben bereits unterzeichnet, 50.000 sind das vorläufige Ziel.

Kohler selbst konnte sich ihre Gefühle lange nicht eingestehen. In der 7. Klasse verschlechtern sich ihre Noten rapide. Sie habe eigentlich schon immer gespürt, dass sie ein Mädchen ist und es sei ihr zunehmend schwerer gefallen, das zu verdrängen. Drei Jahre später landet sie auf einer Jugendfahrt zufällig mit einem trans Jungen in einem Zimmer. Endlich kann sie sich öffnen. Die beiden reden stundenlang. „Es ist extrem furchteinflößend, dazu zu stehen, wer man ist, aber es führt kein Weg daran vorbei“, sagt sie. Wer diesen Schritt wage, sei auch bereit, seinen Geschlechtseintrag zu ändern.

Ethikrat veröffentlichte Empfehlung

Der Deutsche Ethikrat erklärte 2020 in seiner Empfehlung zu trans Identität bei Kindern und Jugendlichen: „Das allgemeine Persönlichkeitsrecht umfasst auch das Recht, ein Leben entsprechend der eigenen, subjektiv empfundenen geschlechtlichen Identität zu führen und in dieser Identität anerkannt zu werden.“

Nur in Bezug auf therapeutische Maßnahmen bei jungen Menschen argumentiert der Ethikrat weniger eindeutig: „Eine Spannung entsteht dadurch, dass sich einerseits Reflexions- und Entscheidungsfähigkeit im Heranwachsenden erst entwickeln und andererseits die in der Pubertät stattfindende körperliche Entwicklung Zeitdruck schafft. In dieser Situation können sowohl die in Betracht gezogenen Behandlungsmöglichkeiten als auch deren Unterlassung schwerwiegende und teils irreversible Folgen haben.“ Der Geschlechtseintrag und eine mögliche Operation sind jedoch voneinander unabhängig. Die Bedingungen für eine Operation sind nicht im Transsexuellengesetz geregelt, sondern durch verschiedene Richtlinien und Urteile festgelegt.

Für Kohler ist es untragbar, dass trans Jugendliche nicht selbstbestimmt über ihre Identität und ihren eigenen Körper entscheiden dürfen. „Ich denke, wir sind auf gesellschaftlicher Ebene schon weiter als auf rechtlicher“, sagt sie.

Sonntags trifft sich Kohler oft in dem Grünen-Büro in Traunstein mit ihrem guten Freund Luca. Die beiden diskutieren dann über Politik und notieren sich neue Ideen für Tweets auf Collegeblöcken. Mit Ak­ti­vis­t*in­nen aus ganz Deutschland sitzt Kohler in stundenlangen Videokonferenzen. Wenn sie eine wichtige Rede hält, hängt sie ihre Regenbogenflagge mit den trans*­Far­ben Hellblau, Rosa, Weiß in den Hintergrund.

Die Fahne hat sie im Internet bestellt. „So etwas gibt es in Traunstein nicht“, sagt sie. Die Stadt wirbt auf ihrer Website mit der Nähe zu den Chiemgauer Alpen, „Brauchtumsvereinen“ und Papst Benedikt XVI. Der emeritierte Pontifex ist in Traunstein aufgewachsen. Für Kohler ein Grund wegzuziehen. „Ich bleibe doch nicht an einem Ort, dessen erfolgreichster Exportschlager ein konservativer Papst ist“, sagt sie.

Sie möchte irgendwo hingehen, wo Entscheidungen getroffen werden. Nach Berlin oder Brüssel vielleicht. Denn Kohler will selbst in die Politik. „Ich wünschte, das wäre nicht nötig, aber ich kann Dinge, die schieflaufen, extrem schlecht akzeptieren“, sagt sie.

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