taz-Sommerserie „Sommer vorm Balkon“: Geschichte am See

Der Bogensee ist landschaftlich schön, mit markanter Geschichte: Hier findet sich eine Goebbels-Villa und die ehemalige FDJ-Jugendhochschule der DDR.

Verlassener DDR-Bau in Bogensee bei Berlin

Stalinallee im Wald: ehemalige FDJ-Jugendhochschule Bogensee Foto: Christian Thiel

Es ist nicht leicht, an das Ufer des Sees zu gelangen. Mitten im Wald gelegen ist der Bogensee, etwa 15 Kilometer nördlich vom Berliner Stadtrand entfernt, einer der saubersten und verwunschensten Seen in Brandenburg, mit weißen Seerosen in großer Zahl. Doch um einen der beiden Badestrände zu erreichen, muss man sich über Trampelpfade einen Weg bahnen. Biber haben hier viele Bäume gefällt, die auf dem Weg Hindernisse bilden. Einen Uferwanderweg um den 300 Meter langen und maximal 180 Meter breiten See gibt es nicht. An etlichen Stellen ist das Ufer geprägt von Mooren, naturnahen Verlandungsbereichen und Erlenbruchwäldern, die als wertvolle empfindliche Biotope unter Naturschutz stehen. Eigentlich.

Doch entsprechende Hinweisschilder fehlen. Das räumt auch die Berliner Senatsverwaltung für Umwelt auf Anfrage der taz ein. „Die Beschilderung entspricht nicht mehr den aktuellen gesetzlichen Regelungen“, sagt Sprecherin Dorothee Winden. Sie soll ergänzt und ersetzt werden. Das Areal rund um den Bogensee liegt zwar geografisch im Land Brandenburg, gehört aber den Berliner Forsten. Berlin hatte es 1914 günstig von einem verarmten Adeligen gekauft.

Wer am Wochenende zum Bogensee kommt, wird sehr wahrscheinlich ein paar einsame Angler sehen, die hier auf den großen Fang warten. Der See ist fischreich. Und er könnte Foto- und Filmamateure treffen, die aber nicht wegen des Sees hier sind, sondern wegen der Lost Places mit der ehemaligen Villa von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels und der FDJ-Jugendhochschule aus DDR-Zeiten wenige hundert Meter daneben.

Kommt man hingegen wochentags, dann ist die Wahrscheinlichkeit, am Ufer eine Ringelnatter oder Blindschleiche zu sehen, um einiges höher als die, auf andere Badegäste zu stoßen. Der Bogensee ist zwar wegen des sauberen Wassers ein perfektes Badegewässer, aber er steht in keinem Reiseführer, und auch Wegweiser sind fast nicht vorhanden.

Hinter Schilf der Bogensee bei Berlin

Auch ohne Architektur interessant, der Bogensee Foto: Christian Thiel

Zwischen 1936 und 1945 gehörte der See Joseph Goebbels. Der war nicht nur Propagandaminister, sondern auch Gauleiter von Berlin, sodass ihm die Stadt das Anwesen auf Lebenszeit geschenkt hatte.

Umgebung: Die Region rund um den Bogensee ist reich an Erinnerungsorten sowohl des Dritten Reiches als auch der DDR, so dass sie sich als Ort für politische Bildung geradezu anbieten würde. In Wandlitz befindet sich die Waldsiedlung, in der einst die Mitglieder des Politbüros wohnten. Sie wurde zu einer Reha-Klinik umgestaltet. Es werden historische Führungen angeboten. Gut einen Kilometer nördlich vom Bogensee liegt mitten im Wald der Atombunker von Erich Honecker. Auch die Reste des Landsitzes des NS-Führers Hermann Göring sind nicht weit entfernt bei Templin.

Anfahrt: Zum Bogensee fährt man mit dem Auto oder Fahrrad ab Wandlitz die L29 und biegt die Abfahrt Bogensee ab. Mit dem Fahrrad kann man auch ab der Regionalbahnstation Klosterfelde die Straße nach Prenden nehmen und biegt nach knapp der Hälfte der Strecke rechts in einen Waldweg. Da die Waldwege nicht ausgeschildert sind, ist gutes Kartenmaterial dabei sinnvoll. Öffentliche Verkehrsmittel halten nicht am Bogensee.

Für den taz-Fotografen Christian Thiel war der Fotoauftrag Bogensee ein Highlight. „Das ist die Stalinallee im Wald“, sagt er. Damit meint er die neben Goebbels-Villa und See befindliche Jugendhochschule der FDJ, einen gigantischen Bau im besten Zuckerbäckerstil, erbaut nach Entwürfen des Architekten Harald Henselmann, der auch die Stalinallee – die heute Karl-Marx-Allee heißt – entwarf.

Hier lernten einmal 500 Studenten. Sie wohnten in den angrenzenden Internatsgebäuden. Denn hier bildete die DDR ihre künftigen Jugendfunktionäre aus. Aber nicht nur: Rund 70 Prozent der Studierenden kamen in den 1980er Jahren aus dem Ausland und lernten hier ein Jahr lang Marxismus-Leninismus.

Wie die Finnin Kirsi Marie Liimatainen, die vor vier Jahren mit „Comrade, where are you today?“ einen Film über ehemalige Mitstudenten gemacht hatte, die teilweise unter Decknamen studierten. Für den Film war sie nach Bolivien, Chile, den Libanon und nach Südafrika gereist und hatte ehemalige Studienkommilitonen aufgespürt und gefragt, was sie heute machen und wie sie über den Lebensabschnitt an der Jugendhochschule denken.

Die Dolmetscherkabinen, aus denen heraus die Vorlesungen in viele Sprachen übersetzt wurden, stehen noch. Sie gehörten in den 1980er Jahren zu den modernsten, die es in der DDR gab. Dies war der Grund, dass die DDR hier Pressekonferenzen von Staatsgästen abhielt. 1981 stellte sich etwa Bundeskanzler Helmut Schmidt den Fragen internationaler Journalisten, 1982 und 1986 Nicaraguas Präsident Daniel Ortega. Durch die abgeschiedene Lage mitten im Wald ließ sich gut kanalisieren, wer zu den Pressekonferenzen kam.

Berlin ist großartig – auch und gerade im Sommer. Als Berlin-Redaktion wissen wir das natürlich. Und weil Zuhausebleiben in Coronazeiten ohnehin angesagt ist, machen wir da doch gern mal mit. Denn abseits der ausgetrampelten Touristenpfade und abseits der Pfade, die man selbst im Alltag geht, gibt es in dieser Stadt immer noch genug zu entdecken, sodass selbst Ureinwohner beeindruckt sind. Hoffen wir zumindest.

In loser Folge begeben wir uns den Sommer über auf Erkundungen, Stippvisiten und Spaziergänge. Nachlesen, was bereits erschienen ist, kann man unter taz.de/sommer-vorm-Balkon. (akl)

Bis 1999 nutzten dann die Deutsche Bank und der Internationale Bund die Schulgebäude für Sozialarbeit. Seitdem sind sie verwaist. Der Putz bröckelt von den denkmalgeschützten Gebäuden. Die Ornamente sind nur noch zu ahnen. Auf einem Balkon wächst eine Birke. Aus der Regenrinne ragen meterhohe Bäume in den Himmel.

Führungen durch das Areal von Jugendhochschule und Goebbels-Villa gibt es bis heute keine. Die Berliner Immobilienmanagement GmbH BIM, die das Grundstück verwaltet und jährlich eine Viertelmillion Euro in den Erhalt steckt, will das nicht. Das würde Besucher anlocken, sagt Sprecherin Johanna Steinke. Und in Besuchern sieht sie vor allem Leute, die die Gebäude weiter zerstören könnten. Vandalismus und Diebstahl gab es in der Tat. Zudem fürchtet die BIM, dass die Goebbels-Villa, wenn sie bekannter würde, ein Wallfahrtsort für Anhänger des Nationalsozialismus werden könnte.

Aber ließe sie sich nicht auch als Ort der Dokumentation nutzen, wie die Propaganda im Dritten Reich gelenkt wurde? Hier ist der Originalort, denn als Berlin bombardiert wurde, verlagerte Goebbels seinen Dienstsitz an den Bogensee. Hier entschied der Propagandaminister, was in Filmen und Zeitungen gesagt werden durfte und was nicht. Hier diktierte er seine Reden und Leitartikel – und genoss zugleich mitten im Wald die Illusion von Ruhe im Krieg, in einem Arbeitszimmer mit Seeblick – der allerdings heute zugewachsen ist. Empfangszimmer und Kinosaal dagegen sind noch halbwegs erhalten.

Im kommenden Frühjahr soll eine Onlineausstellung einiges an Information bieten. Sie wird gerade am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam erarbeitet. Auch Lösungen, wie man die Ausstellung trotz schlechten Internetempfangs vor Ort sehen kann, sind in Arbeit.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Mit der taz Bewegung bleibst Du auf dem Laufenden über Demos, Diskussionen und Aktionen in Berlin & Brandenburg. Erfahre mehr

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de