Podcast „Die Querulant_:/*Innen“: Warum „mitgemeint“ zu wenig ist

Die Querulantinnen sprechen über Gendersternchen, den Sinn von geschlechtergerechter Sprache und ihre Tücken und Lücken.

Papierloch mit Gendersternchen

Nach Schrägstrich, Klammer und Binnen-I begann der Siegeszug des Gendersternchens Foto: Sascha Steinach/imago

BERLIN taz | Am Anfang waren Schrägstrich und Klammer. Dann kam das Binnen-I. Dann lange Zeit nichts. Und schließlich begann der Siegeszug des Gendersternchens. So ungefähr ließe sich die Geschichte der geschlechtergerechten Sprache erzählen. Mittendrin das generische Femininum, das gerade erst in einem Gesetzentwurf zum Sanierungs- und Insolvenzrecht von Bundesjustizministerium auftauchte. Wozu das symbolische Sprachscribble?

In der zweiten Episode des neuen taz Podcasts „Die Querulant_:/*Innen“ beschäftigen wir uns mit dem Gendersternchen im Konkreten und geschlechtergerechter Sprache im Allgemeinen. Wie das Binnen-I in den Achtzigern in die taz kam, weiß taz-Mitgründerin Ute Scheub zu berichten: über Umwege. Der freie Autor Christoph Busch benutzte ab Anfang der Achtziger statt des Schrägstrichs das Binnen-I, dann benutzte es die Schweizer Wochenzeitung WOZ und dann ab Mitte der Achtziger auch die taz.

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Ute Scheub konstatiert aber auch: „Nach 40 Jahren Journalismus schlage ich mich immer noch mit einem Problem rum: Man weiß es oft nicht.“ Wenn etwa in einer Agenturnachricht von der Entscheidung eines ausländischen Gerichts geschrieben wird – sind das dann RichterInnen oder nur Richter? Deswegen sei Gendern immer eine Zusatzarbeit, die Recherche erfordere. „Alle Lösungen sind eine Krücke beim Gehen in die gleichberechtigte Sprache,“ hält Scheub ihr Dilemma fest.

Ähnliche Zweifel an der Ausführung hat auch Annett Gröschner. Die Autorin und Journalistin war in der Frauenbewegung der DDR aktiv und gründete Anfang der Neunziger die feministische Zeitschrift „Ypsilon“ mit. Während die Westfrauen eher schon mit dem Binnen-I arbeiteten, lehnten die Ostfrauen das Gendern der Sprache eher ab – ein Teil des Streites beider Bewegungen in den Neunzigern.

Gröschner erklärt: „Damals waren ganz andere Sachen wichtig. Zum Beispiel: Behalte ich meinen Beruf?“ Und diesen Beruf beschrieben die Frauen selbstbewusst männlich, also etwa „Ingenieur“. Gröschner selbst benutzte durchaus das Binnen-I, mittlerweile auch das Gendersternchen, wo es sich anbietet, denn: „Dieses Mitgemeint reicht nicht aus, um Frauen sichtbar zu machen. Ich glaube, eine Sprache, die Frauen sichtbarer macht, macht Frauen auch in der Gesellschaft sichtbarer.“

Warum es so viel Widerstand gegen diesen Wunsch nach Sichtbarkeit gibt, haben wir den Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch gefragt. Er meint, anders zu sprechen, etwa um Sexismus, Rassismus oder Ableismus, die Ungleichbehandlung wegen einer körperlichen oder psychischen Beeinträchtigung, in der Sprache zu vermeiden, widerspreche der Gewohnheit. „Unsere Sprachgewohnheiten werden in unserer Kindheit und Jugend geprägt. Dann kommt uns das, was wir gelernt haben, normal vor,“ sagt er im Podcast.

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Wer inklusiv sprechen und schreiben möchte, müsse zunächst anerkennen, dass sie*er das vorher nicht getan hat, sagt Stefanowitsch. „Das Erkennen von sprachlichen Mustern, das Aufbrechen und Suchen nach Alternativen ist ein entscheidender Schritt, um unsere Gedanken zu öffnen für ein neues Handeln, ein Nachdenken und ein miteinander Kommunizieren.“

Der neue taz Podcast „Die Querulant_:/*Innen“ über Identität und Linke läuft in sechs Episoden seit dem 1. November. In der ersten Folge sprachen wir über Cancel Culture und Identitätspolitik mit dem freien Autor, Unternehmensberater und Musiker Stephan Anpalagan und Hengameh Yaghoobifarah, taz-Kolumnist*in, Redakteur*in des Missy Magazine und Mitherausgeber*in des Buches „Eure Heimat ist unser Albtraum“.

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