Gespräch über Gender und Sprache: „Eine Frage der Haltung“

Veränderung muss von unten kommen, sagt Lann Hornscheidt. Wichtig sei, von der Idee wegzukommen, es gäbe Sprachregeln.

Fotomontage von Menschen, die sich im Freien begegnen

Das Sprechen, auch bei alltäglichen Begegnungen wie hier, prägt die Wirklichkeit Foto: Rudi Sebastian/plainpicture

taz: Lann Hornscheidt, die bundesdeutsche Gesellschaft streitet seit fast 40 Jahren ums Binnen-I, seit 20 um den Gender-Gap, seit 10 ums Gendersternchen. Machen wir Fortschritte oder drehen wir uns im Kreis?

Lann Hornscheidt: Wir machen Fortschritte! Ganz anders als noch vor wenigen Jahren ist heute gesellschaftlich weitgehend akzeptiert, dass Sprache Wirklichkeit prägt. Es ist geradezu eine Revolution, dass der Duden seit Kurzem benennt, dass „Lehrer“ nicht für „Lehrkraft“ steht, sondern für „männliche Lehrkraft“. Eben erst war geschlechtersensible Sprache Titelthema des Spiegel. Es ist sagenhaft, wo uns diese Debatte innerhalb weniger Jahrzehnte hingeführt hat.

Der Spiegel-Titel war in Anlehnung an den Duden „Dud*in“. Das sollte lustig oder provokant sein, wirkte aber vor allem ewiggestrig. Das ist doch kein Fortschritt.

Der Titel war polemisch, so ist der Spiegel nun mal. Für jede diskriminierungskritische Veränderung, die Strukturen angreift, gilt: Die Hegemonie fühlt sich bedroht. Menschen, die an Altem festhalten wollen, werden unterschiedliche Strategien dagegen auffahren: polemisieren, totschweigen, Argumente diskreditieren. Aber auch das zeigt: Es ist wichtig, Sprache zu verändern.

Es gibt sogar Rückschritte: Vor fast drei Jahren wurde die Personenstandskategorie „divers“ eingeführt. In Jobbeschreibungen heißt es jetzt meistens: Lehrer gesucht (m/w/d). Ist es das, was Sie wollten?

Auf keinen Fall! Auch so was gehört zur Abwehr und zeigt, wie tief Männlichkeit als Norm für Allgemeinmenschliches in uns festsitzt. Gleichzeitig gibt es viele ganz andere Beispiele, auch in der Wirtschaft oder den Medien: Ein so großes Unternehmen wie Audi gendert jetzt. Der RBB überlegt, wie gegendert werden soll. Entscheidend ist: Es gibt eine kontinuierliche öffentliche Diskussion. Das zeigt: Diskriminierende Sprachpraktiken sind nicht mehr selbstverständlich. Wir können nicht ohne Weiteres wie bisher sprechen, sondern müssen uns etwas Neues überlegen.

Sie führen in Ihrem Buch das genderneutrale Pronomen „ens“ ein, außerdem die Endung „ens“, den bestimmten Artikel „dens“ und das Fragepronomen „wens“. Wie haben Sie diese Formen entwickelt?

Ens ist der Mittelteil des Wortes „Mensch“. Ich wollte eine Form, die tatsächlich genderfrei ist. Es gibt viele Situationen im Sprechen, in denen wir die gut brauchen können. Weiter auszudifferenzieren, wie es das Sternchen macht, heißt auch: soziale Kategorien immer weiter tragen. Aber Genderungen an sich sind auch Teil der Diskriminierungsstruktur. Langfristig würde ich hoffen, dass wir aufhören können, die soziale Kategorie Geschlecht zu brauchen.

Nur noch die neutrale Form für alle?

Nein, wir müssten uns stattdessen genau überlegen: Wann geht es um Sexismus, oder, wie ich es nenne, Genderismus? Und wann geht es um etwas Allgemeinmenschliches? Wenn eine Doktorandin aufgrund ihres Geschlechts nicht fachlich ernst genommen wird, sollten wir sie als Doktorandin benennen. Oder, noch besser, sagen: Hier handelt es sich um Sexismus. Aber wenn es um Allgemeinmenschliches geht, wäre es doch ganz wunderbar, wir würden statt „Liebe Bürgerinnen und Bürger“ sagen: „Liebe Bürgens.“ Das wäre einfach, ohne Männlichkeit und Weiblichkeit als die einzigen beiden Genderkategorien und als überhaupt relevant in so einer allgemeinen Ansprache aufzurufen.

Neue Pronomen, Artikel, Endungen, Deklinationen, Falltabellen: Ist das eine neue Sprache, die Ihr Buch beschreibt, eine neue Grammatik?

Ich hoffe, dass es einen Wiedererkennungswert zum Deutschen gibt (lacht). Unser Buch beschreibt Möglichkeiten und Inspirationen, sich eine eigene innere Grammatik des Respekts zuzutrauen. Ja’n Sammla und ich geben keine Regeln vor: Wir machen ein Angebot, die eigene Sprache respektvoll zu verändern. Wir alle haben die Verantwortung dafür, uns Sprache diskriminierungskritisch anzueignen.

Wie sollen die Vorschläge des Buchs in breitere Teile von Gesellschaft gelangen?

Wie jede diskriminierungskritische Sprachveränderung: Über Communities und Menschen – auch Journalistens, die ihre Sprache gewaltfrei gestalten wollen. Das sickert ein in den Literaturbetrieb, in Schulen und Unis, in Gesellschaft. Momentan benennen zum Beispiel viele die Personalpronomen, mit denen sie angesprochen werden möchten, in Online-Vorstellungsrunden oder in der E-Mail-Signatur.

56, ist auf dem Gebiet der Sprach­wissenschaft, Gender Studies und Bildungsarbeit tätig und leitet den Verlage w_orten & meer. Bis 2016 hatte Hornscheidt eine Professur für Gender Studies und Sprachanalyse an der Humboldt-Universität Berlin inne.

Lann Hornscheidt und Ja’n Sammla: „Wie schreibe ich divers? Wie spreche ich gendergerecht? Ein Praxis-Hand-buch zu Gender und Sprache“. Verlag w_orten & meer, 2021, 156 S., 8 Euro

Sprache verändert sich von unten?

Diskriminierungskritische Sprachveränderungen können nicht von oben kommen. Ich halte es für essenziell, dass wir von der Idee wegkommen, es gäbe irgendeine Verordnung oder Regel, die Druck ausübt und die einzig korrekte ist. Momentan wird viel diskutiert, ob eine bestimmte Form verwendet werden muss, ob wir noch so und so sprechen dürfen. Aber es geht nicht um das Wissen, diese Wörter muss ich benutzen oder darf ich nicht mehr benutzen – es geht darum: Will ich das? Sprache ist eine Frage der Haltung. Sie ist ein von allen sowieso immer gestaltetes Instrument der Verständigung und des Ausdrucks. Das Schöne: Wir können es kreativ anwenden, um Diskriminierung zu vermeiden. Wie genau das aussieht, kann jeder Mensch selbst überlegen. An der Stelle gehe ich übrigens konform mit der taz, die ja sagt: Jede Person muss selbst wissen, wie sie gendert.

Das ist die Praxis in der Redaktion. Aber es gibt keine Übereinkunft, möglichst diskriminierungsfrei zu schrei­ben.

Das würde aber den großen Unterschied machen. Von einer Zeitung wie der taz würde ich mir ein klares Eintreten für diskriminierungsfreies Schrei­ben als Grundsatz wünschen. Und das heißt ganz klar: keine männlichen Formen für alle Menschen. Jenseits dessen sollten wir nicht darauf zurückfallen, uns auf genau eine Form festzulegen, nur diese zu benutzen und zu sagen, jetzt ist alles gut. Wir brauchen im Gegenteil eine Offenheit dafür, immer wieder neu hinzuschauen und unsere Wirklichkeit respektvoll zu gestalten. Sprache ist dynamisch.

Die Dynamik kann überfordern: Immer neue Endungen, immer neue Pronomen. Reicht es nicht aus, sich auf eine Form festzulegen?

Wenn sich Menschen überfordert fühlen, ist das oft ein Ausdruck davon, dass sie Angst haben, etwas falsch zu machen. Ich würde mir wünschen, dass die Diskussion dahingeht zu fragen: Wie kann ich respektvoll sein? An der Frage „Wo kommst du her?“ hat sich sehr deutlich gezeigt, dass vielen Privilegierten gar nicht auffällt, wie rassistisch dies als Frage an eine nichtweiße Person ist. Um das wahrzunehmen, muss ich als weiße Person offen sein, meine Normalität als häufig diskriminierend zu reflektieren. Da geht es nicht um richtig oder falsch, sondern um Respekt.

Als Sie vor einigen Jahren noch aus der Uni heraus den Vorschlag der Endung „ex“ gemacht haben – „Profex“ zum Beispiel – haben Sie massive Anfeindungen und Drohungen erlebt. Braucht es einen solchen Schock, wie Sie ihn damals produziert haben, um etwas zu verändern?

Was ich damals vorgeschlagen habe, war nur eine Form für mich selbst. Jede heftige emotionale Reaktion auf Vorschläge wie diesen zeigt, wie wichtig es ist, wie wir sprechen: Sprache ist ein zentrales Handlungsinstrument, das Gruppen herstellt, bewertet und manchmal ausschließt. Es braucht keinen Schock, aber ein verändertes Sprechen ist offenbar ein Aufrütteln dazu, dass wir Menschen wieder als Menschen wahrnehmen könnten, ohne essenzialisierende Identitäten.

Hatte Ihr Rückzug aus der Uni und hin zum Verlag, in dem Sie jetzt das Buch herausgegeben haben, mit den Anfeindungen zu tun?

Nein. Ich habe die Anfeindungen nicht persönlich genommen, die Absendenden kennen mich als Person ja gar nicht. Sondern als Ausdruck dessen, dass die Aufweichung von Geschlechterrollen manche Menschen zutiefst verunsichert. Ich war ein Ventil, diese Verunsicherung zum Ausdruck zu bringen. Ich würde mir eine Gesellschaft wünschen, in der wir lernen, unsere Bedürfnisse und Gefühle in einer adäquateren Form auszudrücken und ins Gespräch zu kommen.

Mit dem Buch greifen Sie wieder offen in die Sprachdebatte ein. Die neuen Vorschläge reichen sehr weit, fürs Deutsche gab es so etwas noch nie. Erwarten Sie ähnliche Anfeindungen?

Ich erwarte so etwas nie. Das ist keine Kommunikation, das ist Gewalt, und auf Gewalt reagiere ich nicht. Ich erwarte im Gegenteil Interesse, Neugier, Inspiration und Versuche, neue Ausdrucksformen zu finden. Ich konzentriere mich auf Konstruktives, Verbindendes. Nur so sind soziale Veränderungen möglich.

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