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Anders als Massentourismus setzt „Tiny Tourism“ auf obskure Entdeckungen beim Reisen. In Berlin ist das längst üblich. Und tiny Orte deshalb gar nicht mehr so leicht auffindbar
Foto: Schöning/imago
Von Uli Hannemann
Eine Freundin hatte uns ein – so hätte zumindest die Lesart interessierter und angenehmer Menschen gelautet – wunderbares Geburtstagsgeschenk gemacht: Sie würde für uns eine Führung an einem nicht alltäglichen und dennoch relevanten Berliner Ort ausarbeiten und uns auf der Tour noch ein selbst vorbereitetes Picknick servieren.
Mehrere Besichtigungsvorschläge standen zur Wahl. Unsere Entscheidung fiel auf die „Freie Scholle“ in Waidmannslust, eine von Gustav Lilienthal Ende des 19. Jahrhunderts gegründete und später von Bruno Taut um den „Schollenhof“ erweiterte Arbeitersiedlung im Grünen.
Unser miesepetriges Gemaule à la „der Köder soll dem Fisch schmecken und nicht dem Angler“ prägten die Tage bis zum Event. Mussten wir da hin? An den Arsch von Berlin? Ignorant begannen wir, unsere liebe Freundin zu hassen und zu verfluchen. Warum tat sie uns das an? Wir hätten in der Zeit viel lieber auf dem Sofa mit unseren Handys gedaddelt.
Um es kurz zu machen: Es wurde dann doch sehr schön. Erst zu Hause zurück ist uns klar, dass wir hier im Grunde auf dem neuesten Trend reiten: „Tiny Tourism“, der kleinteilige Tourismus, der statt auf die großen instagramtauglichen Sehenswürdigkeiten auf kleine Entdeckungen setzt, Begegnungen mit Einheimischen, unspektakuläre und umso authentischere Momente. Und tatsächlich haben wir dort auch mit Anwohnern gesprochen. Auf der Straße. Einfach so.
Das Prinzip ist aus der Not geboren. Wo sich schreiende Massen durch Venedig und Barcelona wälzen, Karawanen von Bergsteigern auf ihren totgefrorenen Kameraden geduldig am Mount Everest anstehen wie in der Schlange vorm Berghain, Reisebusse in österreichischen Alpendörfern den Kühen die Milch im Euter sauer werden lassen, ist Overtourism von Vernichtungskrieg kaum noch zu unterscheiden.
Da haben sich dann wohl ein paar kluge Köpfe gedacht, dass es eventuell auch eine Nummer kleiner geht. Die Grundregel des Tiny Tourism ist simpel: Lass alles bleiben, was sich so anfühlt, als könnte es ein Tourist machen wollen. Nerv nicht so, bleib unauffällig; geh dahin, wo sonst niemand ist, da störst du weniger; kaufe in Läden, wo sonst keiner kauft, dort ist man dir dankbar und das Zeug muss ja auch weg.
Natürlich legt das Wort „Tourismus“ nahe, dass man woanders ist, in einem anderen Land, zumindest in einer anderen Stadt. Aber auch die eigene kann man so ganz neu kennenlernen, wie unser Beispiel zeigt.
Das macht doch gleich Lust auf mehr: zu Aldi gehen und gucken, was es da gibt – wir sind ja sonst eher so die Rewe-People. Oder zum Rattenspotting im nächstbesten Hinterhof unter die Mülltonnen gucken: Eieiei, was quiekt denn da? Sich bei „Tonerdumping“ beraten lassen, Hakenfelde besichtigen, die Rettungsstelle des Urban-Krankenhauses bei Nacht erleben, mit der S25 – hey! – einfach mal bis zur ominösen Endstation „Teltow-Stadt“ fahren und gucken, wie es dort aussieht. Manchmal steckt das Abenteuer in einer unscheinbaren Jogginghose von C&A.
Allerdings war Berlin tendenziell schon immer ein Ort, an dem viele Touristen auf der Suche nach den kleinen Momenten sind, nicht zuletzt in Ermangelung der ganz großen Sehenswürdigkeiten: Es gibt hier keinen Markusplatz, nur eine schäbige Kopie des Eiffelturms, und die Ruine des Pamukkale im Görlitzer Park kann gegen das Forum Romanum ebenfalls nicht anstinken. Das touristische Ziel Berlin funktioniert ohnehin nach dem Grundsatz: „Gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen.“
Also haben vor allem junge und prekärere Besucher seit jeher ihrem eigenen Tiny Tourism gefrönt. Spanier im „Brinks“ am Hermannplatz, Amerikaner in den „Lenau-Stuben“, Franzosen im „Weser-Eck“ – alles Orte, die man früher ausschließlich den Einheimischen vorbehalten wähnte.
Auch draußen sitzen sie überall herum und cornern, um die Spätis herum, in den Parks, auf den Brücken, wo sie sich unter dem laienhaften Lautenklang barfüßiger Spielleute derart sensationshungrig dem Sonnenuntergang entgegentrinken, als ginge bei ihnen zu Hause die Sonne immer nur auf. Im Sommer lungern sie auf jedem Grünstreifen und jeder Verkehrsinsel herum, auf der noch wenigstens drei Grashalme stehen. Nur, sobald das alle machen, wird aus tiny dann doch ganz schnell wieder ein allgemeiner Hype.
Außerdem sind sie da am liebsten unter sich. In den besagten Neuköllner Pinten bleiben derweil die alten Stammgäste fort. Authentisch ist am Ende eben doch etwas anderes. Aber man kann nicht alles haben.
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