leibesübung*innen: Unter Druck besonders wehrhaft
Janina Minge geht als unumstrittene Abwehrchefin in die WM-Qualifikation gegen Österreich. Längst genießt sie das volle Vertrauen des Bundestrainers
VonFrank Hellmann
Mitunter ist der Blick zurück ganz lohnend. Etwa in den Sommer 2023, als sich die deutschen Fußballerinnen für die WM in Australien und Neuseeland ein Quartier im ziemlich trostlosen Örtchen Wyong nahmen, das sich im Nachhinein als Stimmungstöter für eine Titelmission entpuppte. Bei der Ankunft im DFB-Quartier inmitten einer Golfanlage trat Janina Minge damals über einen roten Teppich nach draußen, strahlte über beide Backen und erzählte von ihrer besonderen Rolle.
Im Dress des SC Freiburg wirkte sie noch heilfroh, als Ersatzspielerin überhaupt mitreisen zu dürfen, auch wenn sie offiziell nicht im Kader stand. Aus dem Standby-Modus musste die Allrounderin ohne jeden Einsatz miterleben, wie sich das Team von Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg in der Vorrunde bis auf die Knochen blamierte.
Wie sich die Zeiten geändert haben: Erst unter Interimslösung Horst Hrubesch, längst auch unter Nachfolger Christian Wück ist die 26-Jährige zur unverzichtbaren Persönlichkeit gereift. Und natürlich ist sie für die zwei Spiele in der WM-Qualifikation gegen Österreich in Nürnberg (Dienstag 18.15 Uhr/ZDF) und in Ried (Samstag 18 Uhr/sportschau.de) gesetzt. Minge erwartet zwei „sehr harte Spiele“ und spürt „Derby-Vibes auf Nationalmannschaftsebene“, denn: „Wir kennen viele österreichische Spielerinnen aus der Bundesliga. Die geben 200 Prozent, um uns zu ärgern.“
Vor der EM 2025 stieg die Abwehrchefin gleich noch zur stellvertretenden Kapitänin auf. Als sich Giulia Gwinn zum Auftakt gegen Polen in St. Gallen am Knie verletzte, trug sie übers Turnier wie selbstverständlich die Binde in den Regenbogenfarben. Der Bundestrainer schätzt vor allem, dass Minge sich nirgendwo einschüchtern lässt. „Sie imponiert mir mit ihrem Umgang mit Druck und füllt die Rolle auf und neben dem Platz aus.“
Ansagen der Vorangeherin
Tatsächlich verkörpert sie einen beispielhaften Beschützerinstinkt für die Gemeinschaft. „Ich war irgendwie schon immer eine Spielerin, die gerne vorangegangen ist“, sagte Minge einmal. Sie scheue sich auch nicht davor, „anderen etwas zu sagen oder beim Trainerteam mal Dinge anzusprechen“. Für sie ist ihre Leaderqualität recht simpel erklärt: „Je mehr Vertrauen man hat, desto besser kann man seine Leistung abrufen. Ich bin unfassbar dankbar, wie es sich zuletzt entwickelt hat. Aber ich habe vor drei Jahren keinen anderen Fußball gespielt als heute.“
Deutlicher hätte sie nicht sagen können, dass sie sich schon früher mehr Wertschätzung gewünscht hätte. Wer erlebte, wie sich Deutschlands Nummer sechs beim mythenbehafteten EM-Viertelfinaldrama gegen Frankreich vergangenen Sommer in Unterzahl in die Zweikämpfe warf, der erkannte eine besondere Opferbereitschaft. Dass es der VfL Wolfsburg jüngst im Champions-League-Viertelfinale gegen die Übermacht von Olympique Lyon mit zwei wahren Abwehrschlachten bis in die Verlängerung schaffte, war auch ihrer Wehrhaftigkeit zuzuschreiben.
Hinzu kommt ihre Vielseitigkeit, die ihr jüngst sogar einen Noteinsatz zwischen den Pfosten bescherte. Weil im Bundesligaspiel bei Union Berlin (3:3) die VfL-Stammkeeperin Stina Johannes mit Roter Karte vom Platz musste und das Wechselkontingent erschöpft war, sprang sie als Torhüterin ein.
Sie habe danach nicht nur unfassbar viele Nachrichten bekommen, sondern auch „eigene Torwarthandschuhe und mein eigenes Torwarttrikot“, erzählte die 30-fache Nationalspielerin nun in Herzogenaurach und fügte mit einem Augenzwinkern an: „Jetzt kann ich wirklich von mir behaupten, ich habe schon jede Position gespielt, das können auch nicht so viele von sich sagen. Von daher: Ich bin bereit, wenn es dazu kommt.“
Nur mit einer Standby-Rolle soll ihr für die WM 2027 in Brasilien bitte niemand mehr kommen. Frank Hellmann
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