kinotipp der woche: Aus Ruinen emporgehoben

Die DEFA-Stiftung feiert das 75-jährige Jubiläum der Gründung der DEFA mit Filmpräsentationen in zahlreichen Mediatheken.

Filmszene: zwei Mädchen auf einer Brücke in "Winter Wdé"

Helke Misselwitz interviewt in „Winter Adé“ Frauen in Ostdeutschland Foto: DEFA-Stiftung / Thomas Plenert

In der Eröffnungsszene von Wolfgang Staudtes „Die Mörder sind unter uns“ hebt sich die Kamera wortwörtlich aus den Trümmern Berlins empor. Auch der Mann im staubigen Mantel und mit dem zerknautschten Hut, der durch die Ruinen geht, hat bessere Tage gesehen. Ratlos blickt er auf das Schild, das „Tanz. Stimmung. Humor“ verheißt.

„Die Mörder sind unter uns“ ist ein Film über zwei verlorene in der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Eine Überlebende aus einem Konzentrationslager (Hildegard Knef) und ein Militärarzt, der versucht hat, schlimmeres zu verhindern (Ernst Wilhelm Borchert), sind umgeben von einer Gesellschaft, die vergessen will. Er war der erste Film der (später) ostdeutschen Produktionsfirma DEFA, begonnen noch bevor die Firma existierte.

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Sie kam zu diesem ersten Meisterwerk des deutschen Nachkriegsfilm dank der Kurzsichtigkeit der westlichen Alliierten. Wolfgang Staudte hatte sein Drehbuch nacheinander den Briten, den Franzosen und den Amerikanern angeboten und keiner wollte den Film machen. Der sowjetische Kulturoffizier, der Staudtes Drehbuch vorgelegt bekommen hatte, sagte hingegen sofort zu.

Und so pendelte Staudte ab Anfang März 1946 aus dem britischen Sektor zu den Dreharbeiten. Heute, 75 Jahre nach diesem ersten Film, feiert die DEFA-Stiftung das 75. Jubiläum der Produktionsfirma mit einer ganzen Reihe von Filmpräsentationen in den Mediatheken und in einer Auswahl im Zeughauskino – vor allem aber im Streamingangebot der öffentlichen Bibliotheken. Das umfangreichste Programm findet sich auf der Seite von filmfriend.de und steht Bibliotheksnutzer_innen in Deutschland, der Schweiz und Österreich zur Verfügung.

Erste Filme unter den Fittichen der Alliierten

„Sie fragen sich sicher,“ so der Schriftsteller Friedrich Wolf im Winter 1945 „wo sollen wir heute mit dem neuen deutschen Film beginnen? Können wir überhaupt irgendwo anknüpfen?“ Wolfs Rede wurde gehalten auf einem Treffen deutscher Filmschaffender. Nicht nur Wolf fragte sich, wie es mit dem deutschen Film weitergehen sollte. 1946 begannen unter der Fittiche der Alliierten erste Filmprojekte.

Im Januar 1946 drängt die Gruppe Filmaktiv, die im sowjetischen Sektor eine neue Filmproduktion vorbereiten sollte, zur Eile: wenn den Plänen nicht bald Taten folgen, könnten wichtige Regisseure und Schauspieler in die Westzonen abgewandert sein. Mitte Mai, nur vier Monate später, feierten 300 Gäste und Vertreter aller vier Besatzungsmächte in Babelsberg die Entstehung der DEFA – Deutsche Filmgesellschaft in Gründung.

Im Programm auf filmfriend.de gibt es neben den Filmen der frühen Jahre Klassiker wie den Zimmermanns-Western „Spur der Steine“ und „Die Legende von Paul und Paula“ oder „Solo Sunny“. Auch eine Auswahl der liebevollen Kinderfilme der DEFA wie „Alfons Zitterbacke“ und „Das Schulgespenst“ gibt es zu entdecken.

Viel zu wenig gewürdigt

Schon in diesen Filmen zeigt sich, dass die Existenz von zwei Filmgeschichten in den beiden deutschen Staaten rückblickend ein Glücksfall ist, der noch immer viel zu wenig gewürdigt wird. Wer auf die Filmgeschichte der deutschen Teilung zurückblickt, findet durch die doppelte Filmproduktion eine Perspektivenvielfalt auf nahezu alle großen sozialen Fragen: Geschlechterrollen, Wohnen als Verteilungsproblem, Mode und den Exotismus in Ost und West.

Spielfilm galt bei der DEFA als Königsdisziplin. Die Produktionsfirma war gegliedert in Studios für Spielfilme, populärwissenschaftliche Filme, Wochenschauen und Dokumentarfilme und Trickfilme, die ihrerseits jeweils in Produktionsgruppen aufgeteilt waren. Ein eigenständiges Studio für Kinderfilme war angedacht, wurde aber nicht umgesetzt.

Die Produktion von Spielfilmen, die teuer in der Herstellung und potentiell am prestigeträchtigsten waren, war die Sparte, in der die Freiräume am stärksten erkämpft werden mussten. Herrmann Zschoches „Karla“, das Porträt einer Lehrerin, die mit den ideologischen Erwartungen hadert, musste drastisch umgearbeitet werden. Um so erfreulicher, dass neben Spielfilmen auch eine große und gut gewählte Auswahl des DEFA-Dokumentarfilms verfügbar ist.

Dokumente des Aufbaus

Während die frühen Dokumentarfilme, oft kurze Dokumente des Aufbaus und der Errungenschaften, eher noch an die im Gros wenig aufregende Kulturfilmproduktion der Zeit bis 1945 erinnerten, erweiterte sich das Spektrum in den 1960er und 1970er Jahren gewaltig.

Die Langzeitdokumentationen von Volker Koepp zu einem Textilbetrieb in Wittstock und von Winfried und Barbara Junge zu den Bewohner_innen des brandenburgischen Dorfes Golzow sind beeindruckende Dokumente des Alltags in der DDR. Beide konnten erfreulicherweise auch nach dem Ende der DDR und der Auflösung der DEFA fortgeführt werden.

Aufmerksamkeit verdient

In den letzten Jahren haben allmählich auch die Filme aus den letzten Jahren der DDR und der DEFA ein wenig von der Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen. Helke Misselwitz interviewt in „Winter Adé“ Frauen in Ostdeutschland.

Volker Koepp dokumentiert in „Feuerland“ rund um eine Eckkneipe den Alltag in Berlin-Mitte, Kurt Tetzlaff zeigt in „Im Durchgang“ fünf Monate aus dem Leben eines Jugendlichen im Umfeld der alternativen Szene der DDR. 1990 dokumentiert Jürgen Böttcher in „Die Mauer“ den Abbau der Mauer um Berlin.

Das Angebot an DEFA-Filmen, das die Bibliotheken zum Jubiläum zusammengestellt haben, ist eine fantastische Gelegenheit, sich immer wieder aufs neue den Filmwelten zu nähern, die Filmemacher in der DDR gestalten konnten. Indirekt ist das Angebot auch ein Zeugnis der hervorragenden Arbeit, die die DEFA-Stiftung leistet. Ende der 1990er Jahre wurde der Stiftung die Pflege des Filmerbes der DEFA übertragen. Das es heute noch so zu sehen ist, ist das Verdienst der Arbeit der Stiftung.

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