hitzschlag:
Österreich bricht Hitzerekorde, doch beim Klimaschutz herrscht Stillstand. Bürgerliche Parteien blockieren. Auch FPÖ-Forderungen sind wenig glaubhaft
Foto: Elisabeth Mandl/reuters
Aus Wien Florian Bayer
Auch Österreich ächzt unter den Hundstagen. Am heißesten ist es wieder mal im Osten, wo das Thermometer auf 37 Grad und mehr anzeigt. Vor allem in der Hauptstadt Wien steht die Hitze, und auch die Nächte bringen kaum mehr Abkühlung. Wer kann, ist in den Urlaub geflüchtet – wo es aber oft kaum kühler ist.
Zeitungswebsites haben wieder ihre Hitze-Liveticker hochgefahren, Negativschlagzeilen gibt es schließlich zur Genüge: „Großglockner-Gletscher droht zu zerreißen“, „Wasserkraftwerke produzieren wegen Trockenheit weniger Strom“, „Selbst die Donau kühlt nicht mehr ab“. Mehrere kleine Waldbrände werden gemeldet, andernorts sorgen Sturzfluten und Schlammlawinen, Muren genannt, für Probleme.
Wenn ausgerechnet die rechtsradikale FPÖ mehr Klimaschutz einfordert, brennt wirklich der Hut. „Statt immer neuer Betonprojekte braucht Wien mehr Entsiegelung, großkronige Bäume, Schattenflächen und Begrünung“, sagt Maximilian Krauss, Fraktionsvorsitzender der Wiener FPÖ. Bemerkenswerter Sinneswandel, tönte Krauss doch noch 2023: „Klimahysterische Politik geht an der Lebensrealität der Wiener vorbei“. Damals postete FPÖ-Stadtpolitiker Dominik Nepp zudem ein Piktogramm eines „Klimaklebers“, der von einem Beistehenden angepinkelt wird. „Zeit für ein neues Verkehrszeichen?“, lautete Nepps Beitext, dazu ein Zwinkersmiley.
Wo die Kritik stimmt: Klimaschutzverdächtig macht sich das Rote Wien nicht. Seit jeher ist die SPÖ Autofahrerpartei, will sie es sich doch mit ihrer größten Wählergruppe, den Pensionisten, nicht verscherzen. Jeder Parkplatz wird verteidigt, an neuen Autobahn-Zubringern rigoros festgehalten. Auch die Erhöhung der Parkscheine, so genannter Parkpickerls von 10 auf 13 Euro pro Monat ist verschmerzbar – damit bleibt das Verstellen des öffentlichen Raums immer noch deutlich günstiger als die stark verteuerte Wiener Öffi-Jahreskarte.
Frühere Versäumnisse rächen sich nun: Mehrere Innenbezirke haben seit jeher kaum Grünflächen, praktisch jeder Quadratmeter ist versiegelt. Vor wenigen Jahren gebaute, prestigeträchtige Stadtteile werden für Millionen wieder aufgerissen und nachbegrünt, weil man auf den Klimawandel „noch nicht so geachtet“ habe.
Zentrale Radwege, oft chaotisch geführt und knapp dimensioniert, sind überfüllt. Neue entstehen vor allem am Stadtrand, oft nur als Radspur in Einbahnstraßen, die sich gut in der Jahresstatistik machen. Den Anteil an PKW-Fahrten drückt man so nicht, wie die Statistik gnadenlos zeigt. Die vielen Öffi-Baustellen helfen da nicht, auch nicht die ausgedünnten Intervalle. Ebenso wenig, dass der U-Bahn-Ausbau aus Spargründen künstlich verlangsamt wurde.
Als Hitze-Sofortmaßnahmen fiel der Stadt vor allem ein, ihre Freibäder abends länger offenzuhalten und mehr Wassersprüher aufzustellen, die jedoch vor allem kosmetisch wirken. Autofreie Innenstädte, flächendeckend Tempo 30 oder eine Neuverteilung des Straßenraums gibt es anderswo, nicht im gemütlichen Wien.
Nicht besser ist die Kanzlerpartei ÖVP, die seit Jahren an üppigen Pendlerpauschalen und Diesel-Steuerprivilegien festhält und sich mit allen Kräften gegen das Verbrenner-Aus 2035 gestellt hat. Zudem hat die Bundesregierung den Klimabonus gestrichen, das Klimaticket zweimal teurer gemacht, Heizungstausch- und Sanierungsförderungen gekürzt.
Seit dem Regierungswechsel gibt es nicht einmal mehr ein eigenes Klimaministerium. Erschwerend kommt dazu, dass sich die Österreichischen Bundesbahnen langsam DB-Zuständen annähern. Allein letzte Woche mussten zwei Zuggarnituren auf offener Strecke evakuiert werden.
Glücklich schätzen kann sich, wer noch rechtzeitig ein mobiles Klimagerät ergattert hat. Oder wer aufs Land flüchten kann, wo kühle Badeseen und die Berge warten. Wobei man mittlerweile hoch hinaus muss: Auf den Brunnenkogel im Tiroler Ötztal etwa. Auf 3.437 Metern hatte es um 9.50 Uhr 7,6 Grad, meldet der Standard am 30. Juli. Damit sei es die kühlste Messstation Österreichs. „Blöd nur: So schnell kommt man dort nicht hin.“
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