großraumdisco: Charity und die deutschen Tugenden
Die Hamburger Handelskammer lädt zum Ukraine Business Forum ein. Es geht um Investmentsicherheit, aber auch um Tränen und Tugend
Es sind vor allem Männer, die gekommen sind, um zu erfahren, ob es sich lohnt, in der Ukraine zu investieren. Männer in gut geschnittenen blauen Anzügen und dazwischen ein paar Frauen, von denen viele Ukrainisch sprechen. Es ist ein Treffen in der Hamburger Handelskammer, was bedeutet, das Teppiche die Schritte dämpfen und die Kellner, die mit Tabletts umhergehen, weiße Hemden und schwarze Schürzen tragen.
Die Handelskammer hat zwei Ukrainegesichter, ein karitatives und ein ökonomisches. Mit dem karitativen verbreitet sie Spendenaufrufe und organisiert Treffen zwischen ukrainischen Arbeitssuchenden und hamburgischen Unternehmen. Das ökonomische setzt sie an diesem Dienstag auf, deswegen heißt das Treffen Ukraine Business Forum; das ukrainische Generalkonsulat in Hamburg ist Mitveranstalterin.
Aber manchmal, zwischendrin, begegnen sich das ökonomische und das karitative ganz kurz, und das sind nicht die uninteressantesten Momente an diesem Vormittag. Was man weiter beobachten kann: dass die deutschen Tugenden, an denen man sich in der Vergangenheit festgehalten hat, auch hier schwanken.
Der Botschafter
Der ukrainische Botschafter, Oleksii Makeiev, spricht ein Grußwort. Er spricht es auf Englisch – obwohl sein Deutsch perfekt sein soll –, weil heute den ganzen Tag Englisch gesprochen wird. Deswegen fällt das eine Wort, das er auf Deutsch sagt, so auf: „Arbeitsfähigkeit“.
Hinter ihm auf die Wand ist ein Slogan projiziert. „Wie wollen wir künftig leben?“, steht dort. Das sei eine gute Frage, sagt Makeiev, und dann sagt er in den wohltemperierten Saal hinein, dass es in letzter Zeit Zweifel gebe an Deutschlands Fähigkeit, Hochgeschwindigkeit beizubehalten. Man habe immer an die deutsche „Arbeitsfähigkeit“ geglaubt, sagt Makeiev und erntet Lachen. „Bitte enttäuschen Sie uns nicht.“ Er möchte deutsche Tugenden mit den ukrainischen Innovationen, gerade im militärischen Bereich, verbinden. Und dann am Ende noch ein Hinweis, dass es hier nicht um Charity geht: „Die Ukraine fragt nicht nur um Hilfe, sie bringt etwas Neues.“
Der Stahlhersteller
Auf dem Podium, auf dem es um praktische Erfahrungen deutscher Firmen in der Ukraine geht, sitzt der Geschäftsführer eines norddeutschen Familienunternehmens aus dem Stahlhandel. Sein Anzug ist nicht ganz so slim wie der der meisten anderen, und seine Meinungen sind ein bisschen kühner.
Er erzählt von einem Stahlwerk in Nicopol, mit dem sie schon lange zusammenarbeiteten und dessen Besitzer mit Kriegsausbruch aus der Schweiz zurückkehrten, weil sie ihre Mitarbeitenden nicht alleinlassen wollten. Sie lieferten pünktlich, sagt der Stahlhändler, pünktlicher als die Werke aus anderen Ländern, obwohl das russische Besatzungsgebiet direkt am Fluss daneben beginne.
Nachdem er gesprochen hat, steht eine junge Frau aus dem Publikum auf. „Ich komme aus Nicopol“, sagt sie und beginnt zu weinen. „Entschuldigung“, sagt sie.
Ein Kritiker
Es gibt nicht viele Fragen, und bei den wenigen geht es vor allem um Sicherheit und Ungerechtigkeit. Ein Mann, der sich als Anwalt vorstellt, steht auf. Er entschuldigt sich, dass er nach dem bewegenden Moment der Frau aus Nicopol nun mit einer pragmatischen Frage komme.
Die Frage ist eher eine Klage: Wie könne es sein, dass bei vielen Ausschreibungen in der Ukraine nicht Firmen aus Deutschland, das dem Land so viel Geld gebe, zum Zuge kämen. Ein Podiumsteilnehmer gibt ihm recht: Neulich sei es eine Firma aus den USA gewesen, die zu allem Überfluss in China produziere – also einem Land, das der Ukraine aktiv schade. Da müsse die Politik etwas tun.
Die Hamburger Handelskammer galt lange als eine der gewichtigsten Stimmen in der Stadt, vielleicht sogar mit einem geheimen Tunnel direkt ins Rathaus … Doch selbst in der Handelskammer gab es eine Palastrevolution der mittleren und kleineren Unternehmen gegen die ganz großen an der Spitze.
Es meldet sich der Stahlhändler: Er stimme dem zu, sagt er. Aber in 90 Prozent der Fälle sei es in Deutschland genau das Gleiche.
Das Buffet
Das Buffet wird unter dem Titel „Networking Lunch“ serviert. Es stehen dort die Anzugträger, aber auch ein Mann, der eher ein bisschen nachlässig daherkommt und bloß seinen Namen auf dem Anstecker trägt, keine Firma, kein CEO. Vielleicht ist das bei der Anmeldung durchgerutscht, vielleicht ist die Handelskammer großzügig da, wo es nicht mal gesehen wird.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen