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gesten der macht

Viel Liebe für das Unperfekte in der Gegenwart

Dass Menschen fehlbar sind und der Körper Grenzen hat, das ist in einer leistungsoptimierten Gesellschaft wahrlich kein vertuschtes Thema. Doch selten wurde uns diese Fehlbarkeit derart bitter vorgeführt wie in dieser Woche. Bei einem Halbmarathon in Peking schaffte ein Roboter in nur 50 Minuten und 26 Sekunden die Strecke von 21 Kilometern, deutlich schneller als der menschliche Weltrekord. Klar, die Gewinnermaschine muss nicht atmen, nicht trinken, hat keine Schmerzen, sondern läuft und läuft und läuft – bis der Saft aus ist oder eben bis ins Ziel. Dem Menschen geht die Puste aus, er schafft es im besten Fall mit mehr Eleganz und natürlich mehr Sportsgeist über die Ziellinie als die Konstruktion aus Blech, Draht und KI.

Der Marathon der Maschine wäre wohl ein Kuriosum geblieben – eine Nachricht, die ein mulmiges Gefühl über die menschliche Ersetzbarkeit hinterlässt, aber als Phänomen aus dem weit entfernten China gewertet werden kann. Ein Zukunftsszenario also. Doch diese Zukunft ist wohl längst Gegenwart. Glaubt man Alex Karp, Autor des Buches „The Technological Republic“ und CEO von Palantir Technologies. Via X postete Karp 22 Thesen, eine Art Kurz- und Zusammenfassung seines Buchs. In seiner Welt geht es um Konkurrenz, um Gegner, um Gewinner und Verlierer. Das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz kommt, denn das Atomzeitalter neigt sich dem Ende, heißt es dort. Es geht um Wachstum und Sicherheit, um Überwachung und Gesellschaften, in denen nichts unbemerkt bleibt. Das ganze garniert mit MAGA-Buzzwords gegen Pluralismus, gegen Soft Power, gegen demokratische staatliche Strukturen. Manche sehen darin auch ein Manifest für den Technofaschismus.

Die Thesen sind doch eher ein entlarvendes Statement eines Unternehmens, das sich die Fehlbarkeit der Menschheit zunutze macht und in Gewinn umwandelt. Natürlich ideologiegetrieben und am Rande der Illegalität. Daran ist nichts zu beschönigen.

Etliche US-Behörden nutzen trotzdem Software-Angebote von Palantir, etwa in Waffensystemen. Oder um Straftäter zu finden, oder um die Bevölkerung zu durchleuchten. Auch in Deutschland, in Baden-Württemberg etwa, kommt die umstrittene Technologie zum Einsatz. Das Geschäftsmodell ist Kontrolle dort, wo der Mensch scheitert.

Übrigens: Palantir, das sind die sehenden Steine in Tolkiens „Der Herr der Ringe“. Die Feinde der freien Völker Mittelerdes benutzen diese Steine, um zu kommunizieren und um andere auszuspähen.

Tanja Tricarico

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