doppelblind: Warum der Nordatlantik eine Hitzewelle nicht vergisst
Worum geht’s?
Weißt du noch, was du im Sommer 2003 getan hast? ForscherInnen haben herausgefunden, dass der Nordatlantik sich noch sehr genau an dieses Jahr erinnert. Damals gab es eine besonders starke Hitzewelle. Solche Extremwetterereignisse kommen als Folge der Kimakrise immer häufiger vor.
Eine Gruppe von WissenschaftlerInnen hat nun erforscht, wie einzelne solcher Ereignisse das Leben im Meer so fundamental verändern, dass die Auswirkungen auch Jahrzehnte später noch in marinen Lebensräumen zu beobachten sind.
Die Studie
Das Team des Thünen-Instituts für Seefischerei in Bremerhaven hat dazu eine Studie im Fachjournal Science Advances veröffentlicht. Das Ergebnis: Die besonders starke Hitzewelle 2003 hat im Nordatlantik abrupte und weitreichende Veränderungen des Ökosystems ausgelöst. „Das Ausmaß ist so massiv, dass sie bis heute nachwirken“, sagt der Hauptautor der Metastudie, Karl Michael Werner. Fischarten wie Makrele und Dorsch wanderten aufgrund der Hitzewelle nach Norden in kühlere Gewässer. Buckelwale kommen nun wieder in Regionen vor, in denen sie über 150 Jahre nicht gesehen wurden.
Diese Entwicklungen führt das Team auf die Hitzewelle 2003 zurück. Um ihre Konsequenzen genau zu erfassen, untersuchten die ForscherInnen über 70 wissenschaftliche Arbeiten zum Thema. Aus den Erkenntnissen der verschiedenen Arbeiten leitete das Team des Thünen-Instituts dann seine eigenen Ergebnisse ab.
Im Nordatlantik ordneten sich nach der Hitzewelle die Beziehungen von Arten untereinander und die Nahrungskreisläufe neu. Kabeljau oder Makrele beispielsweise fänden nun weiter nördlich Nahrung, sagt der Studienautor Werner. Die silbrig schimmernde Lodde laicht dagegen jetzt in Regionen, in denen sie schlechter gedeiht. Sie ist eine zentrale Art, von der sich viele andere Meeresbewohner ernähren. Der Forscher sagt: „Die Hitzewellen haben die Ökosysteme destabilisiert und ihre Vorgänge unvorhersehbarer gemacht.“
Was bringt’s?
Die Veränderungen im Ökosystem stellen die Fischerei vor Herausforderungen. Unter anderem wird es für sie schwieriger, Fanggründe auszuloten. Vor allem zeigt die Studie des Thünen-Instituts aber, wie unvorhersehbar die Veränderungen sind, die der menschengemachte Klimawandel erzeugt. Er setzt Kettenreaktionen in Gang, deren Folgen auch die Forschung kaum abschätzen kann.
Neue wissenschaftliche Studien stellen wir jede Woche an dieser Stelle vor – und erklären, welchen Fortschritt sie bringen. Sie wollen die Studie im Internet finden? Jede hat einen Code, hier lautet er: doi.org/10.1126/sciadv.adt7125
Damit liegt in der Studie auch eine Warnung. Sie lautet: Eine Gesellschaft kann sich kaum an Folgen anpassen, die nur schwer berechenbar sind. Deshalb gilt in der Klimakrise weiterhin: Lieber Emissionen vermeiden als sich später anpassen.
Anlass zur Freude gibt immerhin die Rückkehr der Buckelwale. Sie sind jetzt wieder vor Südostgrönland zu Hause. Tim Feldmann
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