die ortsbegehung: Universitäres Probewohnen
Wohnungskrise? Der Platz ist schon da, er muss nur erst bewohnbar gemacht werden. In der Technischen Universität Berlin zeigen Studierende modellhaft, wie es gehen kann
Aus Berlin Nathan Pulver
Das Mathematikgebäude der Technischen Universität Berlin ist fast leer, als die Abendsonne noch die obersten Etagen des imposanten Bauwerks bescheint. Die langen Gänge führen zu defekten Aufzügen und verschlossenen Türen. Nur im 7. Stock lässt sich eine Tür öffnen, an der ein Zettel mit der Aufschrift „Ausstellung“ hängt.
Aus den dahinterliegenden Zimmern erklingt geselliges Treiben. Geschirrklirren ist zu hören. Eine Gruppe von Studierenden sitzt hier und isst an einem langen Holztisch gemeinsam Nudeln. Sie zeigen damit: Mit kaum mehr als ein paar Trennwänden und Vorhängen lassen sich derzeit unbenutzte Trakte des Mathegebäudes – das Haus erlitt 2023 einen schwerwiegenden Wasserschaden – zu gemeinschaftlichen Wohnräumen umfunktionieren.
Drei Zimmer, die während des Semesters Seminarräume sind, nutzt das Team als Ausstellungsfläche für ihre selbstorganisierte Initiative „Campus as Commons“. Das Projekt will kollektive Wohnformen entwickeln, mit denen sich „leerstehende Flächen im ungenutzten Mathematikgebäude in temporären Wohnraum verwandeln lassen“, erzählt Püren Bahçivan. Die Studentin und Co-Leiterin der Initiative führt die Besucher:innen an diesem Abend mit Jonathan Hoff und Jesco Lippke durch die Ausstellungsräume. Gemeinsam hatten die drei Komilliton:innen vergangenen Herbst ein Studienprojekt im Rahmen eines „Urban Design“-Masters gestartet. Inzwischen hat sich das Projekt zur selbstverwalteten studentischen Initiative entwickelt, das von einem 11-köpfigen Team der Fachrichtungen Architektur, Stadtplanung und Urban Design an der TU Berlin getragen wird.
Prototypen für das ganze Haus
Eingezogene Holzwände bilden Wohnparzellen, in deren Nischen sich durch Vorhänge abtrennbare Betten befinden. Schreibtische stehen vor den deckenhohen Glasfenstern mit Blick über die Stadt. Die Installation gibt eine klare Vorstellung davon, wie hier gemeinschaftlich gelebt werden könnte. Die verwendeten Wohnmodule stellen 1:1-Protoypen eines Nutzungsmodells dar, das sich auf alle leerstehenden Räume des Gebäudes erweitern ließe: bis zu 350 Student:innen könnten dabei eine Unterkunft finden. Ein Reaktion auch auf die extrem angespannte Wohnungslage in Berlin.
Nachhaltigkeit war das Prinzip bei dem Modellbau. Die verwendeten Materialien wurden wiederverwertet, erläutert Püren Bahçivan. Einige bunt bemalte Holzwände hatten zuvor ein Leben als Theaterkulissen. „Alles ist auf einen einfachen Auf- und Abbau hin entworfen“, betont sie. Temporäre Einrichtungen seien zwar einfacher und schneller zu planen, doch neben den Provisorien entwickelte die Gruppe auch permanente Lösungsvorschläge für die Gebäudenutzung.
Ob die aber realistisch sind? „Ja und nein“, heißt es. Wohnraum wäre leicht zu bereitstellen – wenn hier gewohnt werden dürfte. Das Areal, auf dem sich das Mathematikgebäude befindet, ist im städtischen Zonenplan aber als Gemeinbedarfsfläche eingetragen, die keine wohnliche Nutzung vorsieht. Die Regulierungen für eine Umzonung seien kompliziert, das Nadelöhr stelle die Bauverwaltung dar, erklärt Jesco Lippke. Aber das Team sieht unterschiedliche Möglichkeiten, mindestens längerfristige Provisorien bewilligen zu lassen. Dafür sind die Studierenden im Austausch mit dem TU-Präsidium und planen, mit dem Konzept auch direkt auf den Berliner Senat zuzugehen.
Mit ihrer Initiative verbindet die Gruppe Forderungen. Bemängelt wird, dass weder die Universitäten noch der Senat die prekäre Wohnsituationen für Studierende anerkennen. Für sie ist klar: „Die Berliner Universitäten müssen mehr Verantwortung für die Wohnraumversorgung ihrer Studierenden übernehmen.“ Auch der Senat müsse dringend beginnen, eine andere Wohnpolitik zu fördern, mit größerer Berücksichtigung von sozialen Kriterien, sagen die angehenden Stadtplaner:innen.
Viel Bürofläche steht leer
Die Besonderheit
Das ikonische Mathematikgebäude der TU Berlin ist schon für sich allein eine Sehenswürdigkeit. Als Institutsgebäude wurde es in den 1970ern unter Bezugnahme auf brutalistische Bausprache und nachhaltige Solararchitektur errichtet.
Das Zielpublikum
Alle, die unter dem Wohnungsmarkt in Berlin leiden und sich fragen, welche praktischen Lösungen es dagegen gäbe. Und Architekturinteressierte.
Hindernisse auf dem Weg
Es ist ein Leichtes, sich in den langen, labyrinthischen Gängen des Mathematikgebäudes zu verirren. Tipp: Mit Brosamen kommt man auch wieder und vielleicht dann sogar satt aus dem Gebäude heraus.
2 Millionen Quadratmeter Bürofläche stehen nach Angaben der Gruppe allein in Berlin leer, ein „enormes Potenzial“: Rund 50.000 Studierende könnten hier rein rechnerisch untergebracht werden. Mit der Umnutzung leerstehender Gebäude ließe sich auch viel ressourcenschonender Wohnraum schaffen als mit teurem Neubau.
Im April droht den Projekträumen ein Ende, da das Institut sie zum Start des neuen Semesters womöglich wieder zum Unterricht verwendet. Die Installation ließe sich aber auch weiternutzen und als Forschungshub für Campus-Transformation in das universitäre Angebot integrieren, sagt Jonathan Hoff.
Mittlerweile ist es vor den Glasfronten des TU-Gebäudes dunkel geworden. Übernachten ist den Studierenden hier zwar gegenwärtig nicht erlaubt, aber aufhalten können sie sich rund um die Uhr, erklärt Püren Bahçivan. Und fügt schmunzelnd an: Nur einmal, als der Sicherheitsdienst die Student:innen in Pyjamas fand, mussten die das Gebäude verlassen.
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