Wiederaufbau in Syrien: Die Chance nicht vertun
Seit dem Sturz Assads kehren viele Syrer zurück. Tut man nicht alles, um den Wiederaufbau zu stärken, könnte die Hoffnung auf Stabilität ersticken.
N ach mehr als einem Jahrzehnt als Flüchtlinge in Jordanien sind Ibtihal und ihre Familie im Januar in ihr Haus in Dara'ā zurückgekehrt. Die Stadt im Süden Syriens wurde vom Krieg zerstört, dabei hat das Haus erhebliche Schäden an den Wänden, Fenstern und am Wassertank genommen – durch ein Loch im Dach war eine Mörsergranate eingeschlagen.
Es gab keinen Strom und somit auch keine Beleuchtung. Dennoch waren sie überglücklich, wieder zu Hause zu sein. „Als ich ankam, war ich schockiert über den Zustand des ganzen Landes“, sagte Ibtihal. „Aber ich habe großes Vertrauen in Gott, dass Syrien wieder aufgebaut wird.“ Und Stück für Stück bauten sie das Gebäude wieder auf.
ist Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR). Der Historiker stammt aus Mailand und arbeitet seit 1988 mit Unterbrechungen für den UNHCR.
Im selben Monat war in Amman, der Hauptstadt Jordaniens, zu sehen, wie Flüchtlinge ihre Habseligkeiten in Busse luden und sich darauf vorbereiteten, Ibtihal in ihre Heimat zu folgen. Millionen von Syrern, die durch einen 14 Jahre andauernden brutalen Konflikt vertrieben wurden, dachten, dieser Tag würde nie kommen. Diese Momente, in denen Menschen, die zur Flucht aus ihrer Heimat gezwungen worden waren, endlich die Reise zurück antreten können, gehören zu den schönsten Anblicken für jeden, der bei dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) arbeitet.
Die Zahl der Vertriebenen hat ein nie dagewesenes Niveau erreicht. Jetzt gibt es die seltene Gelegenheit, Menschen bei der Rückkehr in ihre Heimat und beim Wiederaufbau zu helfen. Es ist auch eine unerwartete Chance, Frieden und Stabilität in Syrien und in der gesamten Region zu fördern. Aber dieses Zeitfenster wird nicht ewig offen bleiben.
Seit dem Sturz des damaligen Präsidenten Baschar al-Assad Anfang Dezember 2024 sind nach Schätzungen von UNHCR mehr als eine Million Syrer in ihre Heimat zurückgekehrt, wobei sowohl die Rückkehrer aus anderen Ländern als auch aus Syrien selbst zählen. Viele weitere beabsichtigen, diesem Beispiel zu folgen: In einer UNHCR-Umfrage gaben 27 Prozent der Flüchtlinge an, dass sie in den nächsten zwölf Monaten in ihre Heimat zurückkehren wollen. Vor dem Sturz Assads waren es nicht einmal zwei Prozent.
Aber 14 Jahre Chaos und Gewalt hinterlassen Spuren. Das schiere Ausmaß der Zerstörung ist schwer zu vermitteln. Nichts ist unversehrt geblieben – Wohnungen, Schulen, Krankenhäuser, Bürogebäude, Straßen, Kraftwerke, Kläranlagen – so viel liegt in Schutt und Asche. Eine Grundversorgung, einschließlich Wasser, Strom und Müllabfuhr, ist kaum bis nicht vorhanden. Die Menschen fragen sich, wie sie unter diesen Umständen leben und ihren Lebensunterhalt verdienen sollen.
Die jüngsten Gewalttaten im Westen Syriens, bei denen hunderte Zivilisten – vor allem Alewiten – getötet wurden, verstärken diese Sorgen. Viele Menschen mussten aufgrund der Kampfhandlungen aus ihren Häusern fliehen. Die neue syrische Regierung hatte auf die „seltene historische Chance“ hingewiesen, das Land wieder aufzubauen.
Diese Chance wird vertan, wenn ethnische und religiöse Rivalitäten über den Wunsch nach Frieden, Recht und Ordnung sowie Menschenrechten siegen, wie es bei den Ausschreitungen der Fall war. Die Ängste der religiösen Minderheiten, wie etwa der christlichen Gemeinde in Aleppo, vor einem neuen Unterdrückungsregime werden sich nach den Morden nur noch verstärkt haben.
Das Engagement der syrischen Regierung und ihrer vielen Fraktionen für einen dauerhaften Frieden ist von entscheidender Bedeutung. Dennoch hängt die Zukunft des Landes auch von der Stärke und Geschwindigkeit der finanziellen und diplomatischen Unterstützung für Wiederaufbau, Sicherheit, Investitionen und Entwicklung ab. Dies sind die Zutaten für Stabilität, Wohlstand und die dauerhafte Rückkehr von Millionen von Menschen.
Soziale und politische Spaltungen müssen heilen
Die Aussetzung einiger Sanktionen durch die EU ist ein willkommener Anfang, aber es ist noch viel mehr erforderlich. Werden die unmittelbaren humanitären Bedürfnisse sowie die längerfristige Vision vernachlässigt, so können soziale und politische Spaltungen nicht heilen. Extremisten werden mehr Spielraum für ihr Handeln finden, weniger Syrer werden zurückkehren, und diejenigen, die es dennoch versuchen, könnten gezwungen sein, erneut zu fliehen.
Auch wenn die Finanzierung vieler Hilfsorganisationen für dieses Jahr ungewiss ist, arbeiten wir weiter für Flüchtlinge und Binnenvertriebene. UNHCR unterstützt bei Rückkehr in die Heimat, berät und informiert, hilft bei der Wiedereingliederung und gibt humanitäre Hilfe wie Decken, Winterkleidung und Reparaturen beschädigter Häuser.
Ohne ausreichende und zuverlässige Finanzierung werden UNHCR und andere Hilfsorganisationen jedoch nicht in der Lage sein, diese dringend notwendigen Maßnahmen umzusetzen. Besonders unsere Unterstützung vieler lokaler Organisationen, die unschätzbare Hilfe leisten, würde leiden. Und es geht ja nicht nur um Syrien selbst, es geht um die Region: 5,5 Millionen syrische Flüchtlinge leben immer noch in der Türkei, im Libanon, in Jordanien, im Irak und in Ägypten.
Dazu kommen etwa 1,4 Millionen weitere Flüchtlinge in anderen Ländern, hauptsächlich in Europa. Die Länder schützen diese Menschen seit 14 Jahren. Diese Flüchtlinge und die Verantwortung für ihre Versorgung dürfen nicht einfach von der Tagesordnung gestrichen werden. Sie sollten auch nicht gegen ihren Willen zur Rückkehr gezwungen werden. Die Entscheidung, ob sie zurückkehren wollen, muss allein bei ihnen liegen, wenn diese Rückkehr von Dauer sein soll.
Wenn nicht alles getan wird, um den Wiederaufbau Syriens jetzt zu unterstützen, erstickt und verblasst die aufkeimende Hoffnung von Millionen von Menschen. Die Folgen dieses Scheiterns wären weit über Syrien und den Nahen Osten hinaus zu spüren.
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