Niedersachsens erste Schutzpolizistinnen: „Es gab nicht genügend Männer, die Polizist werden wollten“
Wer darf die Staatsgewalt vertreten? Historikerin Florentine Pramann über die ersten Polizistinnen in Niedersachsen – und wieso der Rock ein Thema war.
taz: Frau Pramann, es ist interessant, dass im Titel Ihres Vortrags über die ersten Schutzpolizistinnen Niedersachsens der „Rock“ auftaucht. Ist das nicht ein Beleg für das alte Problem, dass Frauen zuallererst nach ihrem Aussehen beurteilt werden?
Florentine Pramann: Tatsächlich war das häufig der Fall. Ich habe mir etwa 30 Zeitungsartikel zu dem Thema angesehen, und da fällt auf, dass die Frauen auf den Fotos jung sind und dem damaligen Schönheitsideal entsprachen. Da wurde das Bild von der kompetenten, freundlichen Polizistin gezeichnet. Spannend ist auch, dass die Frauen möglichst nicht nur jung und hübsch sein sollten, sondern der Fokus auch auf der blonden Haarfarbe lag.
taz: Wirken die Artikel aus heutiger Sicht nicht auch ziemlich merkwürdig?
Pramann: Definitiv. Heutzutage sind Polizistinnen ja völlig normal. Aber schaut man sich die Zeitungsartikel von damals an, merkt man, dass es ein langer Weg bis zum Status quo war.
taz: Wie sind Sie überhaupt auf dieses Thema gekommen?
Pramann: Ich habe meine Bachelorarbeit über Frauen in der Bundeswehr geschrieben, weil ich es immer schon spannend fand, mir einen gesellschaftlichen Bereich anzuschauen, der sehr stark durch Männlichkeit geprägt ist – und zu schauen, was passiert, wenn es dort auf einmal eine große Veränderung gibt. Ich habe es als Forschungsvorhaben angenommen und dann hauptsächlich mit einem Quellenkonvolut zu dem Thema gearbeitet, das von der damaligen Landespolizeischule Niedersachsen stammte.
taz: Ende 1980 kündigte der niedersächsische Innenminister Egbert Möcklinghoff an, ab 1981 im Rahmen eines Modellversuchs auch Frauen in die niedersächsische Schutzpolizei einstellen zu wollen. Wie kam es dazu?
Florentine Pramann: Das hatte hauptsächlich drei Gründe. Am wichtigsten war der Gleichberechtigungsgedanke. Dann existierte innerhalb von Politik und Polizeiführung die Vorstellung, dass Frauen schutzpolizeiliche Aufgaben besser bewältigen könnten, weil die Männer zum Teil ein wenig ruppig daherkamen. Bei den Frauen hatte man die Idee, dass diese kommunikativer und empathischer arbeiten würden. Aber der dritte Punkt, der nicht unterschätzt werden sollte, waren die Personalprobleme. Es gab damals nicht genügend Männer, die Polizist werden wollten – zu groß war die Konkurrenz mit anderen Arbeitgebern.
taz: Mit welcher Grundthese haben Sie dann zu forschen begonnen?
Pramann: Ich ging davon aus, dass die Schutzpolizei damals großen Wandlungsprozessen unterworfen war. In den 50er und 60er Jahren war sie noch sehr militärisch geprägt – sowohl in der Ausbildung wie auch im polizeilichen Alltag. Doch langsam setzte sich die Vorstellung durch, dass die Polizei ziviler werden sollte. So sollte zum Beispiel der Bürger eine größere Rolle spielen als der Straftäter. Man wollte bürgernah, friedlicher und demokratischer wirken. Und auch das hat den Weg zur Öffnung der Polizei für Frauen bereitet.
„Mit Rock und Pistole? Die Frauen der niedersächsischen Schutzpolizei“, 17.2., 18 Uhr, im „Hannover Kiosk“ des historischen Museums Hannover
taz: Irgendwie kommen auch wir hier nicht um den Rock herum. Die Gestaltung der Uniformen der Polizistinnen war ein wichtiges und viel diskutiertes Thema.
Pramann: Tatsächlich spielte es damals eine große Rolle. Ein Rock und hohe Schuhe waren zum Beispiel beim Einsatz auf der Straße nicht sehr praktisch. Außerdem wurde die Kopfbedeckung zu einem Problem. Zuerst haben die Frauen Schiffchen und Barett getragen, aber die sind beim Laufen vom Kopf gefallen und haben sich bei Regen mit Wasser vollgesogen.
taz: Und Frauen mit Waffen in der Hand war damals auch nicht jedermanns Sache.
Pramann: Genau. Die Frage war: Wer darf die Staatsgewalt vertreten? Wer darf Uniform und eine Waffe tragen? Einige Männer erinnerten Frauen mit Waffe an weibliche Terroristinnen dieser Zeit. Aber das Unbehagen gab es auch auf der anderen Seite. Die Hannoversche Allgemeine zitierte eine der Polizistinnen in einem Interview beispielsweise mit den Worten: „Beim Abdrücken mache ich immer die Augen zu.“
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert