Zwei Jahre Cannabisgesetz: Blühende Fantasie
Unionsminister:innen schimpfen über zwei Jahre Gras-Teillegalisierung. Aus wissenschaftlicher Perspektive fällt die Schlussfolgerung positiver aus.
Kiffer:innen konzentrieren sich mehr aufs Heimgärtnern und Deutschland wird zum größten Markt für medizinisches Cannabis in Europa. Außerdem werden Präventions- und Suchthilfeangebote von jungen Erwachsenen weniger angenommen. Das zeigt eine am Mittwoch veröffentlichte wissenschaftliche Evaluierung, die zwei Jahre nach Inkrafttreten des Konsumcannabisgesetzes (KCanG) Zischenbilanz zieht. So sieht es das Gesetz selbst vor.
Erste Reaktion auf den Bericht gab es von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CDU), der das Cannabisgesetz einen „vollkommenen Rohrkrepierer“ nennt. Die Forschungsgruppe „Evaluation des Konsumcannabisgesetzes“ (EKOCAN) aus Wissenschaftler*innen der Universitäten in Hamburg, Düsseldorf und Tübingen blickte differenzierter drauf. So habe die Teillegalisierung den Konsum von Cannabis zumindest nicht verstärkt, heißt es im Bericht. Außerdem bewerten die Forscher:innen positiv: Immer mehr Konsument:innen decken ihren Bedarf aus legalen Quellen.
Ein grüner Daumen wird dabei immer gefragter: 20 Prozent ziehen ihre Pflänzchen mittlerweile selbst zu Hause auf, vor zwei Jahren waren es nur 5,4 Prozent. Trotzdem, der größte Anteil, nämlich ein Drittel, bekommt sein Gras über soziale Kontakte – Freund:innen oder eben doch herkömmliche Dealer:innen. Der Schwarzmarkt könne zwar langsam zurückgedrängt werden, geschafft sei es aber noch nicht, folgert der Bericht.
Die Forscher:innen führen das auch auf die schwächelnden „Cannabis Social Clubs“ zurück. Eigentlich eine der zentralen Ideen, um den Schwarzmarkt zu verdrängen. Daraus geworden ist bisher nichts, es gibt einfach nicht genug von ihnen – laut Bundesarbeitsgemeinschaft Cannabis-Anbauvereinigungen aktuell lediglich 401 Genehmigungen.
200 Tonnen medizinisches Cannabis
Statt aus den Clubs, wie von der damaligen Bundesregierung erdacht, bekommen viele ihren Nachschub aus der Apotheke. Laut Forschungsbericht ist Deutschland mittlerweile zum größten medizinischen Cannabismarkt in Europa aufgestiegen: 200 Tonnen Medizinalcannabis seien 2025 zur Verfügung gestanden, lediglich 2,6 Tonnen stammten aus inländischer Produktion.
Es reicht meist ein Videocall mit einer Ärzt:in, um medizinisches Cannabis verschrieben zu bekommen. Die Sorte „White Wedding Cake“ kann man mit wenigen Klicks bestellen. Sie gibt es mit einem THC-Gehalt ab 25 Prozent. Auch „Maui Waui“ liegt bei über 20 Prozent THC. Aus wissenschaftlicher Sicht gebe es einen medizinischen Nutzen aber nur bei bis zu 10 Prozent THC, heißt es im Bericht. Eine Gefahr, wie Jakob Manthey, Koordinator der Forschungsgruppe, findet: Der legale kommerzielle Markt für medizinisches Cannabis berge „eine zunehmende Gefährdung für den Gesundheitsschutz“, vor allem durch die hochpotenten Blüten.
Die Onlineapotheken, bei denen es diese Cannabisversionen gibt, seien besonders bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen beliebt, heißt es im Bericht weiter. Deswegen plädiert die Forschungsgruppe für eine Reform des medizinischen Cannabisgesetzes mit THC-Grenze. Das war zeitgleich mit dem Konsumcannabisgesetz vor zwei Jahren gestartet. Wer sein Rezept zum Freizeitkonsum nutzt, ist allerdings schwer festzustellen.
Das kritisierte Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) scharf: Die Teillegalisierung sei ein Fehler gewesen, auch weil der Missbrauch von medizinischem Cannabis zu Genusszwecken zu einfach sei, hieß in einer Mitteilung. Schon im Sommer vergangenen Jahres kündigte Warken an, die Regelungen verschärfen zu wollen und beispielsweise den Onlineversand von Cannabis zu verbieten. Der Schutz von Kindern und Jugendlichen sei gefährdet, sagte die Gesundheitsministerin.
Laut Bericht kiffen Jugendliche aber seit der Teillegalisierung gar nicht mehr als zuvor. Stattdessen sei sogar ein leichter Rückgang zu beobachten. Zumal es in dieser Gruppe ein ausgeprägtes Risikobewusstsein für die Gesundheitsgefahren von Cannabis gebe, erklärte Daniel Kotz, EKOCAN-Leiter für Suchtforschung. Auch ein sprunghafter Anstieg cannabisbezogener Konsum-Probleme gebe es in dieser Gruppe bisher nicht.
Anders bei jungen Erwachsenen: Der Konsum nimmt hier seit Jahren zu und so auch damit zusammenhängende gesundheitliche Probleme. Die Zwischenbilanz stellt hier keine Veränderung durch das Konsumcannabisgesetz fest. Problematisch sei außerdem, dass weniger junge Menschen ambulante Suchthilfeangebote annehmen. Insbesondere hierzu äußerten sich weitere Wissenschaftler:innen mit Sorge, etwa Ursula Havemann-Reinecke, Suchtmedizinerin der Universität Göttingen: Mangelnde Frühintervention könne den langfristigen chronischen Konsum von besonders hochprozentigem Cannabis begünstigen und dadurch zu Sucht- und Psychosestörungen führen, sagte sie.
Grundsätzlich sei der Bericht lediglich ein Zwischenstand, betonte die Forschungsgruppe. Gerade die Frage des Schwarzmarktes sei schwer zu beurteilen, da Ermittlungsverfahren lange dauerten und verfügbare Daten veraltet seien. Das Forschungsvorhaben läuft bis zum 30. April 2028.
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