Zustand der Berliner Kleingewässer: Quaken im Wasserfall
Sie sind überall in Berlin – und oft in einem miserablen ökologischen Zustand: die Kleingewässer. Der aktuelle BUND-Report gibt aber auch Hoffnung.
Der Wasserfall im Kreuzberger Viktoriapark begeistert Norbert Prauser. Nicht unbedingt, weil die künstlichen Kaskaden so hübsch aussehen, sondern weil sie – mitten in der hoch verdichteten Großstadt – dem Grasfrosch ein ausgezeichnetes Biotop bieten: „Im Teich unten an der Kreuzbergstraße ziehen die Tiere ihren Nachwuchs auf, und die Kleinen schwärmen dann entlang der ganzen Anlage aus“, berichtet der Mitautor des 5. Berliner Kleingewässerreports, den der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) gerade vorgelegt hat.
Seit 2020 beobachtet der BUND die Berliner Kleingewässer – mehr als 600 Teiche, Pfuhle oder Gräben – und bewertet deren ökologischen Zustand. Grundsätzlich gibt es dabei eine Menge Negatives zu berichten: Viele der „blauen Perlen“, wie die Senatsumweltverwaltung sie gerne nennt, sind ausgetrocknet, verlandet oder komplett mit Röhricht zugewachsen, sodass sie gerade Amphibien wie Fröschen, Kröten oder Molchen keine angemessenen Habitate mehr bieten.
Auch in der Gesamtbewertung des 5. Reports ist von einem „anhaltenden Rückgang geeigneter Lebensräume für Amphibien in der Hauptstadt“ die Rede. Viele Kleingewässer litten „weiterhin unter mangelhafter Pflege, fehlender Finanzierung und hohen verwaltungsrechtlichen Hürden“. Allerdings klang bei Prausers Vorstellung der Ergebnisse am Mittwoch auch überraschend Erfreuliches mit: Dort, wo es verlässliche Zuständigkeiten und gesicherte Mittel für die Unterhaltung gebe, seien „deutlich bessere Zustände erreichbar“.
Das betrifft ganz offensichtlich vor allem jene Kleingewässer, die direkt unter der Obhut der Umweltverwaltung stehen. Im Jahr 2024 hat der BUND sich 84 dieser Biotope angesehen und sie in einem „unerwartet gutem Zustand“ vorgefunden, so Prauser: 80 Prozent von ihnen wiesen mindestens eine eingeschränkte, zum Teil auch hohe Lebensraumeignung für Amphibien auf. Zur Kategorie A, der besten von vier, gehören unter anderem der Kopfweidenpfuhl im Britzer Garten (Neukölln), das Karower Becken in Pankow oder das Septimerbecken in Reinickendorf.
Die Kehrseite der Medaille zeigt sich in einer zweiten Erhebung, die der BUND 2025 an über 50 Kleingewässern durchführte, die von den Straßen- und Grünflächenämtern der Bezirke unterhalten werden und schon bei den vergangenen Reporten durch einen schlechten Pflegezustand aufgefallen waren. Nur in wenigen Fällen habe man hier eine Verbesserung feststellen können, so Prauser. Er sprach von einem „Schock“, dass sich hier nichts zum Guten gewendet habe.
Verlässliche Rahmenbedingungen
Zwar seien die beiden Untersuchungen nicht direkt miteinander vergleichbar, weil unterschiedliche Gewässergruppen betrachtet wurden, räumt der BUND ein. Die Ergebnisse verwiesen jedoch auf ein strukturelles Problem: Auf Landesebene, wo der zuständigen Abteilung in der Senatsverwaltung jährlich rund 3 Millionen Euro für Kleingewässer zur Verfügung stünden, herrschten verlässlichere Rahmenbedingungen als in den Bezirken, die sich um rund zwei Drittel der Kleingewässer kümmern müssen. Vielen bezirklichen Grünflächenämtern fehle es an einer stabilen Basis für eine fachgerechte Gewässerpflege, es gebe zu wenige Fachkräfte, man kämpfe gegen aufwendige Verwaltungsabstimmungen.
Norbert Prauser erhofft sich eine weitere Verbesserung von der Umsetzung der Verwaltungsreform, er hob aber auch die gute Zusammenarbeit mit anderen Akteuren hervor – so den Berliner Wasserbetrieben oder dem Wassernetz Berlin, zu dem sich mehrere Umweltorganisationen zusammengeschlossen haben. Im Wassernetz engagieren sich auch viele interessierte BerlinerInnen bei Renaturierungsmaßnahmen, der Gewässerbeobachtung oder Dialogveranstaltungen.
Ein großes, meist noch ungehobenes Potenzial sieht der BUND in den vielen Regenrückhaltebecken der Stadt – Senken, in denen viel zu oft nur trockener Rasen wachse, die sich aber mit überschaubarem Aufwand in florierende Biotope verwandeln ließen, etwa durch das Anlegen eines kleinen Teiches, in dem das ganze Jahr über etwas Wasser verfügbar bleibe. Eine permanent große Wasserfläche bräuchten viele Amphibien gar nicht, erläuterte BUND-Naturschutzreferent Dirk Schäuble: Der berühmten Kreuzkröte etwa reichten wenige Wochen für ihre frühe Entwicklung im Wasser völlig aus.
Auch für June Tomiak, Sprecherin für Wildtier und Gewässerschutz der Grünenfraktion, ergibt sich aus dem Monitoring des BUND, dass der Senat die Bezirke stärken muss: Diese sollten die Pflege von Kleingewässern als eigenes „Produkt“ abrechnen können, damit notwendige Maßnahmen endlich umgesetzt würden. Schließlich schade der schlechte Zustand oder der komplette Verlust von Kleingewässern nicht nur der Tierwelt, er verschärfe auch die Hitze in der Stadt und lasse wichtige Orte der Erholung verschwinden. „Berlin kann sich diesen Verlust nicht leisten“, findet Tomiak.
Die Grünen hatten im vergangenen Januar einen Antrag im Abgeordnetenhaus zum besseren Schutz der Berliner Kleingewässer gestellt. Damit sollte der Senat unter anderem aufgefordert werden, sein Kleingewässerprogramm finanziell auszubauen, die Bezirke besser auszustatten, bereits verlorene Biotope durch Renaturierung wiederherzustellen oder Ersatzbiotope anzulegen und die Ziele der europäischen Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) auch auf Kleingewässer anzuwenden. Dieser Antrag wurde von der schwarz-roten Parlamentsmehrheit abgelehnt.
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