Zum Tod von Cheikh Hamidou Kane: Afrikas koloniales Trauma
Mit 98 Jahren ist der Schriftsteller Cheikh Hamidou Kane in Senegal gestorben. Ein einziges Buch, „L’Aventure ambiguë“, genügte für seinen Weltruhm.
Foto: panapress
W ie bewahrt man das Eigene in der Welt der anderen? Diese Frage stellte sich überall in Afrika, als die europäischen Kolonialmächte den Kontinent überfielen. Für die Weißen waren die Schwarzen Menschen ohne Geschichte und ohne Kultur. Alles, was sie jemals geschaffen und erlebt und gedacht hatten, war einfach nicht von Belang.
Der Schriftsteller Cheikh Hamidou Kane, der am 3. Oktober in Senegal im Alter von 98 Jahren starb, war einer der letzten Zeugen einer Zeit, in der das alte Afrika starb. „L’Aventure ambiguë“ (Das zwiespältige Abenteuer), sein Schlüsselroman aus dem Jahr 1962, machte ihn weltweit berühmt. Soll man sein Kind auf die Schule der Weißen schicken, wo sie etwas Neues lernen, aber eben das Alte nicht mehr? „Ist das, was man lernt, so viel wert wie das, was man vergisst?“ lässt er einen Protagonisten fragen.
Die Antwort ist klar: Man muss. Sonst wird die nächste Generation keine Zukunft haben. So wie der Bauer seine geliebten Felder abbrennt, damit sie fruchtbar bleiben, so muss man seine Kinder hergeben, damit sie weiterleben. „Wenn sie von der Schule kommen, werden sie uns nicht mehr erkennen“ – aber: „Wir müssen hinnehmen, dass wir in unseren Kindern sterben und die Fremden, die uns geschlagen haben, unseren Platz in ihnen einnehmen.“
Der Bildungsroman, eine halb autobiografische Erzählung, verfolgt das Leben von Samba Diallo, der sich als kleiner Koranschüler trotz seiner noblen Herkunft als Bettelmönch beweisen muss, dann zur Schule der Weißen geschickt wird und schließlich als Philosophiestudent Paris erreicht. Doch er findet sich weder in der Fremde zurecht noch später zurück in der Heimat – denn die beiden Welten, die in seinem Kopf eine einzige bilden, finden in der Wirklichkeit nicht zusammen. „L’Aventure ambiguë“ wurde schlagartig berühmt, es war ein Gründungsakt der modernen afrikanischen Literatur. „Samba Diallo ist von uns gegangen“, titelte eine senegalesische Zeitung nach dem Tod des Schriftstellers.
Wie die Alten das Ende all ihrer Gewissheiten durch die Opfergabe ihrer Kinder an die Weißen abzumildern versuchen, steht für das Dilemma eines ganzen Kontinents. Die französische Eroberung Westafrikas war besonders traumatisch. Bestehende Staaten wurden gewaltsam zerschlagen, an ihre Stelle trat eine Militärverwaltung als Terrorregime mit Zwangsarbeit und Steuerpflicht und Beschulung als Gehirnwäsche, wo kleine Afrikaner sinnfreie Sätze wie „Unsere Vorfahren, die Gallier“ nachsprechen mussten. Das war die Welt, in der Cheikh Hamidou Kane aufwuchs und der er mit „L’Aventure ambiguë“ ein düsteres Denkmal setzte.
„Weiß und frenetisch“ nennt Kane die europäischen Eroberer, „so was hatten wir noch nie erlebt“. In wenigen Seiten fasst er das koloniale Trauma wortgewaltig zusammen. Erst kamen die Kanonen, dann kamen die Schulen. Erst wurden die Menschen von außen besiegt, dann von innen. Erst gab es Zerstörung, dann eine neue Ordnung, in der nur noch Nützlichkeit zählte, nicht mehr der Mensch an sich. „Der zivilisierte Mensch ist der verfügbare Mensch“, schreibt Cheikh Hamidou Kane. Die neue Ordnung entstand „wie das Innenleben eines magnetischen Feldes: man sieht, wie die eroberten Menschen sich entlang unsichtbarer und zwingender Linien neu sortieren“.
Und im Land der Weißen, wie ist es da? „Die haben keine Körper mehr“, wundert sich ein Protagonist. „Sie sind von Gegenständen gefressen worden.“ Um sich zu bewegen, steigen sie in Gegenstände, die sich an ihrer Stelle bewegen. Um sich zu ernähren, stecken sie sich Gegenstände aus Metall in den Mund. „Wirklich!“
Warum diese Weißen überhaupt nach Afrika gekommen sind, bleibt eines der großen Rätsel der Weltgeschichte. Keinen Kontinent wollten Europas Großmächte so total beherrschen, zugleich war und ist ihnen kein Kontinent so unwichtig. Aber da sie nun einmal da sind, muss man von ihnen „lernen, zu siegen, ohne recht zu haben“, wie Cheikh Hamidou Kane es ausdrückt. Sonst geht man unter. Und so entsteht ein neues Afrika, in dem nicht mehr Recht und Wahrheit zählen, sondern allein die Macht.
„L’Aventure ambiguë“ erschien zu früh, um die nachkolonialen Enttäuschungen in Afrika nachzuzeichnen, aber das Buch macht deutlich, wie es zwangsläufig zu diesen Enttäuschungen kommen musste. Cheikh Hamidou Kane selbst trat nach seinem Studium in Paris in den Dienst der Kolonialverwaltung und prägte Senegals Unabhängigkeit 1960 mit. Wie alle anderen hatte er Träume, die an der Wirklichkeit zerschellten.
„Ich las ‚L’Aventure ambiguë‘ in der Oberschule, in einem Alter, als wir noch dachten, es gäbe auf komplizierte Fragen einfache Antworten“, erinnert sich der Schriftsteller Fousseni Togola aus Mali in einer der unzähligen Würdigungen Kanes. Das Buch reiße einen aus dieser Illusion heraus: Es bietet keine Antworten. Wohl aber eine Grundhaltung. Die Welt des alten Afrika und die neue weiße Welt sind nicht vereinbar, man kann aber auch nicht nur eine einzige davon wählen. Man trage zwangsläufig beide in sich, aber das müsse man tun, „ohne sie zu verwechseln oder zu verraten“.
Seit ein paar Jahren regieren in Senegal und anderen Ländern Westafrikas Regierungen, die sich „souveränistisch“ nennen und die Abkehr von weißen Vorbildern zelebrieren. Aber sie finden keinen anderen Halt. Lauter Ideologien sind im Laufe der Jahrzehnte über Afrika hinweggezogen: Kolonialismus, Neokolonialismus, Panafrikanismus, Sozialismus, Neoliberalismus, Nationalismus – sie alle glaubten, sie könnten „siegen, ohne recht zu haben“. Immer wieder steigt eine neue glorreiche Morgenröte auf, die sich im Laufe der Zeit blutrot färbt und von der am Ende nur Schatten bleiben.
Warum, klagt Samba Diallos Vater still, verstehen die Menschen nicht, dass die Sonne, der sie nachlaufen, sie blind macht? Die Zivilisation mag am Zenit stehen, aber dort braucht es keine Beschleunigung. Die Seele muss zur Ruhe kommen. Aber Ruhe gibt es nicht mehr.
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