Zukunft der Berliner Zentralbibliothek: Der Traum von einem Palast für Bücher ist aus
Mehr als zwei Jahre hofften viele Berliner*innen auf eine große Bibliothek im Luxuskaufhaus Lafayette. Nun zieht die Bertelsmann Music Group ein.
Es war eine der tollsten Ideen, die Berlins damaliger Kultursenator Joe Chialo (CDU) im Sommer 2023 aufgreifen und ventilieren durfte. Die Zentral- und Landesbibliothek (ZLB), so sein aufsehenerregender Paukenschlag, könnte doch in die Galeries Lafayette umziehen. Die Debatte um einen neuen Ort für die Bibliothek bekam auf einmal wieder Flügel.
Alle Vorschläge aus der Vergangenheit, wie der ZLB mit ihren drei maroden Standorten in der Amerika-Gedenkbibliothek (AGB), der Breiten Straße und dem Außenmagazin am Westhafen geholfen könnten, waren vergessen. Das Stadtschloss, ICC oder das Tempelhofer Ex-Flughafengebäude beleben? Einen Neubau am Roten Rathaus oder am Blücherplatz neben der AGB? Alles auf einen Schlag vergessen. Ja, es würde teuer werden, hieß es. Um die 600 Millionen Euro vielleicht.
Aber was sind 600 Millionen Euro für einen Ort für drei Millionen Besucher jährlich, jung, arm, reich, alt, deutsch, nichtdeutsch, weiblich, männlich, divers und lesehungrig?
Was sind 600 Millionen für einen dritten Ort für die Stadtgesellschaft jenseits von Konsumterror und Hustle Culture, noch dazu in einem jener Stadtzentren, die durch Shopping schon lang nicht mehr zu retten sind?
Andere Bibliotheken sind auch teuer
Der Bau des nächsten Streckenabschnitts der A 100 wäre jedenfalls teurer, argumentierten viele. Und Vorzeigebibliotheken wie die Bibliothek Deichman in Oslo oder die Bibliothek Oodi in Helsinki haben auch nicht gerade einen Pappenstiel gekostet. Nur werden dort eben andere Prioritäten gesetzt als in unserer kleinen preußischen Provinz.
Die Lafayette-Idee verzauberte nicht nur sofort die Bibliotheks- und Kulturszene, sondern auch weite Teile der Politik und Stadtgesellschaft. Bei einer geduldeten Besetzung Ende 2024 waren schließlich sogar Autoren dieser Zeitung Feuer und Flamme, die bis dahin eher nicht als Promoter eines besseren Bibliothekswesens in dieser Stadt bekannt gewesen waren.
All das ist nun passé. Nicht eine schöne, große Bibliothek, sondern das Musikunternehmen Bertelsmann Music Group (BMG) wird Anfang 2027 Hauptmieter im Büro- und Geschäftshaus „Lumina“ an der Berliner Friedrichstraße, im ehemaligen Lafayette. Das teilte das Unternehmen in einer Pressemitteilung am Dienstag mit.
Berlin muss jetzt sparen
Damit ist die Lafayette-Idee auch symbolisch auf dem Boden der Tatsachen angekommen, auf dem es sich faktisch schon länger trollt. Denn Berlin muss bekanntlich sparen. In einer Zeit, wo Jugendtreffs und Senioreneinrichtungen in den Bezirken ebenso ums Überleben kämpfen wie ein Großteil der Kulturschaffenden, sind 600 Millionen für einen Bibliotheksbau einfach nur noch sehr schwer vertretbar. Da hilft auch der Vorschlag wenig, die ZLB in der Galeria Kaufhof am Alexanderplatz einziehen zu lassen.
Trotzdem ist es traurig. Denn wer die BMG noch mit einem Plattenlabel assoziiert, das nicht nur vom Kreativstandort profitiert, sondern interessante Acts auch vor der eigenen Haustür entdeckt und entwickelt, ist nicht mehr ganz auf dem Stand dessen, wie Musikindustrie heute funktioniert. BMG ist nunmehr ein Rechte- und Publishing-Konzern.
Viele Berliner Musiker*innen werden nicht einmal wissen, dass das Unternehmen seinen Sitz in Berlin hat. Es wird nichts am meditativen Flair der Friedrichstraße ändern, wenn dort künftig ein paar Musikverwalter*innen mittags essen gehen werden.
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