Zeichnerin über Wechseljahre: „Viele Frauen sehen klarer“
Rinah Lang hat mit „Peri Meno“ eine Graphic Novel über die Wechseljahre veröffentlicht. Für die Illustratorin war das gleich eine doppelte Befreiung.
taz: Rinah Lang, wie funktioniert eine Lesung mit Comic?
Rinah Lang: Mit Beamer. Bild für Bild, während ich lese. Es fühlt sich dann ein bisschen an wie eine Animation. Ich lese aus drei Teilen des Buches, dazwischen ist meistens ein Gespräch.
taz: Wie erleben Sie Ihre Lesereise?
Lang: Ich bin sehr glücklich. Bei den Signierstunden auf der Leipziger Buchmesse kamen unterschiedlichste Frauen – und auch Männer. Manche lesen durch das Buch zum ersten Mal Comic. Andere haben darüber erfahren, dass sie gerade in den Wechseljahren sind – die wussten das vorher gar nicht. Der Comic richtet sich gerade auch an jüngere Frauen, weil es wichtig ist, dass sie mehr darüber wissen, bevor sie in die Hormonumstellung kommen.
taz: Sind Sie selbst die Hauptfigur im Buch?
Lang: Ja, ziemlich eins zu eins. Es ist persönlich geschrieben, und genau das war mein Anliegen: eine persönliche Erzählung und ein Sachthema verbinden. Ich finde, es gibt dabei nichts, für das man sich schämen sollte. Alle Frauen kommen in die Wechseljahre und wir finden viel schneller Antworten, wenn wir uns austauschen. Ungefähr ein Drittel hat kaum oder keine Symptome, aber zwei Drittel haben eben mittlere bis starke Beschwerden.
taz: Was hat Ihnen zum Beispiel geholfen?
Lang: Ich habe irgendwann gemerkt, dass mich kleine Routinen im Alltag plötzlich überfordern, zum Beispiel, wenn ich viel Stress hatte. Stress ist ein Faktor, der es dem Körper schwerer macht, die Hormonschwankungen der Perimenopause auszugleichen. In sehr stressigen Phasen fand ich es etwa plötzlich schwieriger, mir nebenbei zu überlegen, was ich abends kochen soll. Mir war das unangenehm vor meinem Partner. Es trotzdem anzusprechen, obwohl er genauso häufig kocht, hat gleich Druck rausgenommen.
taz: Schlafstörungen, Herzrasen, depressive Stimmung: Sie beschreiben unangenehme Symptome. Gibt es auch etwas Positives in dieser Phase?
Lang: Viele Frauen berichten, dass sie durch die Auseinandersetzung mit sich selbst wieder mehr bei sich ankommen. Sie kriegen vom Körper rückgemeldet, was Sache ist: wo sie sich im Alltag falsch eingerichtet haben oder Kompromisse nicht den eigenen Bedürfnissen entsprechen. Sie sehen klarer, was sie wollen und was ihnen guttut. Es wird weniger wichtig, was andere von uns denken – spätestens ab der Postmenopause. Es ist eine spannende Lebensphase, weil sie die Möglichkeit birgt, neue Interessen zu entwickeln oder alte Leidenschaften wiederentdecken.
Graphic Novel „Peri Meno“, 9. April, 19 Uhr, Kulturzentrum Kukoon, Bremen, Eintritt frei.
taz: Welche Lücke füllen Sie mit dem Comic?
Lang: Das Thema war lange völlig unterrepräsentiert und ist ja noch immer auch unterbeleuchtet in der Medizin. Es bekommt jetzt zwar mehr Aufmerksamkeit, aber in der Versorgung hat sich noch gar nichts verändert: Frauenärzt:innen können für die Beratung pro Patientin nur 16,80 Euro pro Quartal abrechnen. Die Zeit kann ja gar nicht reichen, wenn eine Frau Beschwerden hat. Als mir das erste Mal richtig zugehört wurde, habe ich vor Erleichterung fast geweint. Wenn außerdem Hormonersatztherapie in Erwägung gezogen wird, braucht es Zeit für Aufklärung und Begleitung zu unterschiedlichen Beschwerden, Vorerkrankungen, verschiedenen Präparaten und individueller Dosierung.
taz: Was muss passieren?
Lang: Wir können nicht erwarten, dass sich Ärzt:innen weiterbilden, wenn sie die Beratung aus eigener Tasche zahlen müssen. Alles, was über sieben bis zehn Minuten pro Quartal hinaus geht, können sie nicht abrechnen. Da muss politisch etwas passieren.
taz: Warum haben Sie Ihr eigenes Buch geschrieben?
Lang: Es war mein Weg aus einer doppelten Krise: Beruflich, weil die künstliche Intelligenz meinen Job als Illustratorin größtenteils zerlegt hat. Und aus einer persönlichen Krise, weil ich mit bestimmten Symptomen vor einem Rätsel stand. Kein Einzelfall bin, wie ich jetzt rückgemeldet kriege.
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