XXII. Winterspiele in Sotschi

Steinzeit in Achschtyr

„Grüne Spiele“ sollen im russischen Sotschi stattfinden. Aber es werden Flüsse und Wälder zerstört. Und das Dorf Achschtyr ist von der Zivilsation abgeschnitten.

Früher gab es eine Brücke über das Tal, die der neuen Straße weichen musste. Bild: reuters

SOTSCHI taz | Rumms. „Als wir erfuhren …“ Rumms. „… die Olympischen Spiele hier stattfinden …“ Rumms. „… gejubelt. Wir dachten, jetzt …“ Rumms. „… endlich die Zivilisation hierher …“ Rumms. „… Kanalisationen, Straßen …“ Rumms. „Es kam nichts.“

Außer Lkws. Alle paar Sekunden brettert einer an Alexander Karokow vorbei den Berg hinauf. Alle paar Sekunden brettert einer den Berg hinunter. Auf der Höhe, auf der Karokow gerade steht, sind die schweren Straßenplatten auseinander gedriftet. Hier ein Kontinent namens Straße, dort ein Kontinent namens Straße. Dazwischen der Ozean „Schlagloch“. Den muss jeder Laster queren. Rumms.

Bei jedem Knall denkt man, dass bei den alten, mit Steinen beladenen Wagen gleich die Achse bricht, ein Reifen sich löst und allein Richtung Tal abhaut. Karokow achtet beim Reden gar nicht darauf. Der Mensch scheint sich an alles zu gewöhnen.

Die XXII. Winterspiele finden vom 7. bis zum 23. Februar im russischen Sotschi statt. Seit 1994 wechseln sich Sommer- und Winterspiele im Zweijahresrhythmus ab. Die ersten Winterspiele gab es 1924 im französischen Chamonix.

Der Austragungsort liegt an der sogenannten Russischen Riviera am Schwarzen Meer. Damit findet Winterolympia erstmals in den nördlichen Subtropen statt - Sotschi liegt auf dem gleichen Breitengrad wie Nizza.

Wettbewerbe wie Bobfahren, Rodeln oder Skispringen finden deshalb etwa 70 Kilometer östlich von Sotschi in 6.000 Meter Höhe im Gebirgsdorf Krasnaja Poljana (Rote oder Schöne Lichtung) statt. Wettkämpfe drinnen wie zum Beispiel Eiskunstlaufen werden im Olympiapark in Sotschi ausgetragen.

Dabei will Karokow sich gar nicht an all den Lärm, Dreck, die Erschütterungen, den Staub gewöhnen. Er hat die Ärmel seines gelben Rollkragenpullovers hochgekrempelt. Er wollte, dass es besser wird hier in Achschtyr. Er wollte die Spiele. Er wollte eine Wasserleitung.

Der Brunnen ist ausgetrocknet

Stattdessen kommt einmal pro Woche ein Tanklaster und bringt den 200 Einwohnern des kleinen Dörfchens nahe Sotschi Wasser. Vor ein paar Wochen war er ausgefallen, 14 lange Tage mussten sie auf Nachschub warten. Früher gab es einen Brunnen, erzählt Karokow, doch die Steinbrüche haben den Grundwasserpegel gesenkt. Der Brunnen ist trocken.

Früher gab es auch eine Brücke über das Tal zur alten Schnellstraße Richtung Sotschi. Doch die Brücke musste der neuen Bundesstraße weichen. Die Kinder müssen nun drei Kilometer zur Haltestelle des Schulbusses laufen. Ein gewöhnlicher Linienbus fährt dort aber nicht. Die Erwachsenen müssen sieben Kilometer zur nächsten Haltestelle wandern, um in die Stadt zu fahren. Zum Arzt oder zum Einkaufen.

Das einzige, was Achschtyr durch die Spiele bekam, sind zwei riesige Steinbrüche – deswegen die vielen Lkws – und eine Bundesstraße, die den Ort von der Außenwelt abschneidet.

Die Lkws stehen Schlange

17 Bewohner haben sich mittlerweile am Straßenrand versammelt. Viele haben früher an den Hängen Obst und Gemüse angebaut und damit ein bisschen etwas verdient. Doch heute liegt auf den Blättern und Früchten so viel Staub, dass ihn niemand mehr abwischen kann – und sie keiner mehr kaufen will. „Wir wissen, dass wir im 21. Jahrhundert leben“, sagt Tatjana Wilikaja, „aber hier ist es wie in der Steinzeit.“

Die 61-Jährige nimmt uns mit und zeigt uns die Steinzeit von Achschtyr. Wir müssen über Stacheldraht steigen, um den Krater zu erblicken, der in den Berg gehauen wurde. Er ist geschätzt 15 Meter tief und bestimmt so groß wie ein Fußballfeld. Und das ist nur der stillgelegte Teil. Drüben, in der Kurve, liegt der zweite Steinbruch, doppelt so groß und viel tiefer. Dort wird noch gehämmert. Hier also ist der Quell all des Staubs, des Lärms, der Erschütterungen, der Lkws. Die stehen Schlange und warten auf die nächste Ladung Steine, mit der sie dann durch Tatjana Wilikajas und Alexander Karokows Dorf brettern können.

„Eine Katastrophe“, nennt der Umweltschützer Wladimir Kimajew die Ausbeutung des Bergs. Im stillgelegten Steinbruch werde weiterhin Bauschutt abgeladen. Er hat Angst, dass Gifte in den Boden sickern. „Das hier ist ein Nationalpark.“

Das hier war ein Nationalpark. Der schützenswerte Status wurde dem Gebiet handstreichartig entzogen. Seit vier Jahren wird Stein um Stein abgetragen. Tag und Nacht. Jetzt sieht es hier so aus, als seien zwei Meteoriten in Achschtyr eingeschlagen.

Die Intelligenzja guckt weg

Kimajew ist in der Nichtregierungsorganisation „Zum Schutz des kaukasischen Gebirges“ engagiert. Besser gesagt: Er ist die Nichtregierungsorganisation.

Eine deutsche Website, die für Urlaub in Sotschi wirbt, bezeichnet Achschtyr noch immer als „Naturdenkmal“. „Die meisten wissen einfach nicht, was hier passiert“, sagt der drahtige Mann mit der Glatze. Viele in Sotschi seien Rentner, Internet kennen sie nicht, oppositionelle Meinungen auch nicht. Und die „Intelligenzja“, wie Kimajew die nennt, die es besser wissen müssten – die Lehrer, die Ärzte, die Professoren – „die sind vom Staat abhängig, die sagen alle, dass die Olympischen Spiele super sind.“

Und die Vertreter der Stadt leugnen das Problem einfach.

Im Rathaus von Sotschi steht Zhanna Gregoriewa vor einem gemalten Panorama des Kaukasus. Oben Schnee, unten Segelboote im Schwarzen Meer. An die Küste schmiegt sich der mehr als 140 Kilometer lange Ort Sotschi mit seinen Olympiastadtteilen Adler (am Meer) und Krasnaja Poljana (in den Bergen). Dazwischen liegt Achschtyr.

Bäume im Sumpf

Gregoriewa ist die Olympiabeauftragte der Stadt. Die kleine Frau mit den roten Haaren, großen Augen und stechendem Blick hat sich Zettel mit Antworten ausgedruckt. Sie wird nicht einmal darauf gucken. Sie nennt Sotschi 2014 die „grünen Spiele“.

Die Kompensationsmaßnahmen überträfen die Nachteile für die Umwelt deutlich, sagt Gregoriewa, das habe das Internationale Olympische Komitee gerade erst festgestellt. „Für alle Bäume, die gefällt werden, sind woanders Bäume gepflanzt worden.“

Grüne Spiele? Umweltaktivist Kimajew würde wohl laut und höhnisch lachen, wenn er der Typ wäre, der lachen würde. „Ich weiß nicht, was die damit sagen wollen“, erzählt er am Rande des Steinbruchs. Früher habe es innerhalb der Stadtgrenzen des Kernortes Sotschi 30 Quadratmeter Grünfläche pro Einwohner gegeben, heute seien es noch drei. In den Flüssen wurden die Orte zerstört, wo die Lachse laichen.

Es habe auch mal einen natürlich gebildeten Strand aus Felsen und Sand gegeben, doch der sei den Umbaumaßnahmen zum Opfer gefallen. Und der kolchidische Wald ist auch zerstört worden. „Dafür wurden irgendwo im Sumpf Palmen aus Italien gepflanzt. Das ist doch keine Kompensation“, sagt Kimajew. Er hat sich vor ein paar Monaten das Gelände mit den neu gepflanzten Bäumen angeschaut. Nur vereinzelte Setzlinge hätten überlebt, sagt er, „die meisten sind verkümmert“.

Statt „Sotschi 2014“ prangt hier „Gazprom 2014“

Oberhalb von Achschtyr gibt es einen Lift, der zur ersten Bergstation führt, von dort aus geht es mit dem Bus weiter zum Langlauf- und Biathlonstadion „Laura“. 7.500 Zuschauer sollen hier bei den Spielen Platz finden. Zum ersten Mal in der olympischen Geschichte werden die Biathlonwettbewerbe abends unter Flutlicht starten. Andrej Markow ist mächtig stolz auf diese, seine Anlage. Er ist der Sprecher von „Laura“. Jede Halle, jedes Stadion hat einen eigenen Sprecher. Wie viel hat das alles gekostet? „Das ist keine Frage an mich, das ist eine Frage an Gazprom“, sagt Markow. Der russische Energieriese hat all das gebaut, inklusive der großen Liftstationen. Hier hängt kein einziges „Sotschi 2014“-Banner, hier prangt überall nur „Gazprom 2014“. Warum baut der Konzern sowas? „Gazprom liebt Biathlon“, sagt Markow.

Vor vier Jahren stand hier nichts außer Bäumen, berichtet Markow. Auch das sei schließlich Teil eines Nationalparks. Jetzt erstreckt sich hinter ihm eine 120 Meter lange Freifläche, auf der bald ein paar Biathleten rumballern werden und die aussieht wie ein Parkplatz mit angeschlossener Tribüne. „Wenn du was baust, musst du immer ein paar Bäume abholzen. Aber nur so entsteht etwas Neues“, sagt Markow. „Natürlich entschuldigen wir uns dafür.“ Er lächelt verschmitzt.

„Ich sehe keine negative Seite“, sagt Zhanna Gregoriewa unten im Tal, im Konferenzraum des Rathauses. Die überwältigende Mehrheit der Menschen in Sotschi freue sich auf die Spiele.

Auch Umweltaktivist Kimajew freut sich. Denn bald ist wenigstens der ständige Baulärm vorbei. Der Steinbruch in Achschtyr soll dann ruhen, und angeblich soll das auch anschließend so bleiben, doch den Versprechungen glauben Alexander Karokow und Tatjana Wilikaja nicht. Sie haben momentan eh andere Sorgen, sie müssen sich Gedanken machen, wie sie über den Winter kommen. Für die Zeit der Olympischen Spiele wurde ihnen nämlich das Heizen mit Brennholz untersagt. „Doch eine Heizung haben wir nicht“, sagt Wilikaja.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben