World Humanoid Robot Games : Goldmedaille für die elektrische Hebebühne
Bei einer Robotermeisterschaft in China hat ein Humanoid den menschlichen Geschwindigkeitsrekord gebrochen. Was soll das für ein Fortschritt sein?
W enn gedopte Sportler*innen schon eigene Meisterschaften haben, um zu sehen, was man so aus Körpern herausholen kann, wenn man ihnen Drogen gibt, ist der nächste Schritt eigentlich gar nicht mehr weit: die menschliche Komponente mal ganz aus dem Wettkampf herauszunehmen. So kommt es, dass am Wochenende bei den zweiten Weltmeisterschaften humanoider Roboter in China ein ebensolcher Usain Bolts Rekord im 100-Meter-Sprint gebrochen hat.
9,39 Sekunden brauchte das Ding für die Strecke. Dem entgegen stehen Bolts 9,58. Und dafür gibt’s medialen Applaus. Warum eigentlich? Die elektrische Hebebühne, die schwerere Autos in die Luft hievt als Pipi Langstrumpf oder professionelle Gewichtheber*innen es je könnten, wird ja auch nicht bejubelt. Sie ähnelt uns einfach nicht genug.
Der lustige rote Roboter aber hat Beine und Arme, Oberkörper und einen angedeuteten Kopf. Außerdem schafft er es ebenso wenig wie wir – bei unserem Bestreben nach immer besseren, krasseren technologischen Entwicklungen –, anzuhalten. Stattdessen ballert er nach der Ziellinie voll in eine Mattenwand, bevor er dann von Menschen sorgfältig auf eine Trage bugsiert und abtransportiert wird. Ganz so, als wäre er eine Profifußballerin, die das Finalspiel aus eigener Motivation, mit eigenen Gefühlen, Gedanken, Erfahrungen und Muskeln bestreitet und sich dann das Kreuzband reißt.
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Maschinen wie ein lebendiges Wesen zu bauen, kann smart sein. Etwa bei süßen, kleinen Robo-Robben, die Bewohner*innen in Altenheimen auf den Schoß gelegt werden, damit sie mit ihnen interagieren und sich so wohler fühlen. Oder bei den Roboterwölfen, die in Japan seit einigen Jahren immer häufiger genutzt werden, um Bären von Wanderwegen und hungrige Wildschweine von Äckern zu vertreiben.
Eigentlich sind zwei Beine ineffizient
Einen humanoiden Roboter zu bauen, erschließt sich allerdings nicht wirklich. Außer man will einfach ein Ebenbild seiner Selbst erschaffen, weil man so in die eigene Form verliebt ist. Oder man will, dass Personen den Maschinen Vertrauen oder Zuneigung entgegenbringen, die sie einer Hebebühne gegenüber nicht unbedingt hegen.
Eine Maschine auf zwei Beinen aber ausgerechnet laufen zu lassen, das trotzt eigentlich den Erkenntnissen aus der Biologie. Zwei Beine sind nämlich denkbar ungünstig, um sich schnell bewegen zu können. Gepard, Gnu oder Feldhase haben vier. Und auch sechs- oder achtbeinige Wesen sind, setzt man das Ganze mit ihren Maßen in Relation, ziemlich flink. Milben der Art Paratarsotomus macropalpis können in einer Sekunde eine Strecke zurücklegen, die dem 322-fachen ihrer Körpergröße entspricht. Der Mensch rennt oft genug zum Bus und verpasst ihn doch. Auch der ist nämlich bei Bedarf schneller als Usain Bolt.
Das ineffiziente Rennen ist eine menschliche Eigenschaft, gegen die sich Spitzensportler*innen und Kinder beim Fangenspiel vehement wehren. Deren Erfolge sollten wir feiern. Stattdessen bejubeln wir die gemachte Evolution der Maschinen, die jetzt dazu geführt hat, dass die Dinger nicht nur aufrecht gehen, sondern sogar sprinten. Wir fiebern mit. Fühlen wir uns an unseren eigenen Werdegang erinnert? Eines der ältesten Zeugnisse unseres aufrechten Gangs sind 3,6 Millionen Jahre alte Fußspuren des Vormenschen Australopithecus afarensis. Seitdem hat sich unser Schädel verformt, auch unsere Wirbelsäule, die Kniestellung, das Fußgewölbe und die Darmbeinschaufel, die innere Organe stützt.
Wir können schlechter klettern, haben dafür aber Überblick über weite Graslandschaften und die Hände frei, um Werkzeuge zu benutzen. Mit denen bauen wir jetzt Roboter und ahmen unnötig unseren Wandel nach. So ist der Mensch: nicht nur langsam, sondern auch verspielt.
Für den Moment ist der Roboterrekord also lustig. Aber wenn wir Science-Fiction-Erzählungen wie „Chappie“, „Robocop“ und „Terminator“ bedenken und davon ausgehen müssen, dass manche Machthaber*innen ganz gerne gehende Maschinen mit KIs kombinieren würden, wie sie zuletzt immer häufiger bei Videoüberwachung eingesetzt werden, müssen wir auf unseren nächsten Evolutionssprung hoffen. Denn ohne den können wir nicht mehr davonlaufen.
Korrektur: In einer früheren Version dieses Textes wurde ein falscher Hersteller des Roboters genannt. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.
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