Wohnraum für Obdachlose: Hartes Pflaster, weiches Bett

Das Hamburger Straßenmagazin „Hinz & Kunzt“ hat eine neue Zentrale. Neben Arbeitsräumen wurden auch Wohnungen für ehemalige Obdachlose geschaffen.

Blick auf ein rotes Backsteinhaus

Die neue „Hinz & Kunzt“-Zentrale in Hamburg-St. Georg Foto: Miguel Ferraz

HAMBURG taz | Marco Steinfeldt sitzt aufrecht im Glanz der Herbstsonne und raucht eine Filterzigarette. Er trägt einen schwarzen, leicht ausgebleichten Hut mit St.-Pauli-Emblem. Der 45-Jährige spiegelt sich im geschwungenen Fenster der neuen Hinz-&-Kunzt-Zentrale. Früher war Marco obdachlos, doch jetzt wird er den Neubau sein Zuhause nennen.

Das backsteinrote Gebäude liegt in St. Georg, genauer: im Stiftsviertel. Letzte Baumaßnahmen gerade noch vorgenommen, aber seit Ende September läuft schon der Geschäftsbetrieb. Manche plaudern und trinken Kaffee aus weißen Bechern, andere schleppen Möbel durch die offene Glastür.

Geschichten von der Straße werden hier fortan nicht nur publiziert, sie ziehen gleich mit ein: Dieser tage werden 24 ehemalige wohnungs- und obdachlose Menschen in den oberen drei Stockwerken ihre Betten machen. Insgesamt fünf Wohngemeinschaften und eine Familienwohnung bieten allen Be­woh­ne­r:in­nen eigene Zimmer, das Bad teilen sie sich maximal zu zweit.

Das Projekt, das sich seit über neun Jahren in Planung befand, konnte durch die Beziehung zur Patriotischen Gesellschaft realisiert werden. Sie hält ein Drittel von Hinz & Kunzt und fördert allerhand gemeinnützige Zwecke.

Schwierige Suche nach einem Grundstück

Weil das Eigenkapital fehlte, willigte Holger Cassens, Sozialinvestor und Mitglied im Beirat der Patriotischen Gesellschaft, ein, einen Neubau zu bezahlen.

Die Grundstückssuche gestaltete sich jedoch als schwierig. Innenstadtnah musste es sein, nach zwei fehlgeschlagenen Bewerbungsverfahren meldete sich Johannes Jörn, Vorstandsmitglied der Patriotischen Gesellschaft und der Amalie-Sieveking-Stiftung. Diese stellt sozialen, barrierefreien Wohnraum für Menschen über 60 bereit und hatte nach einem Abriss einen Bauplatz zur Hand. Die Stiftung übergab das Grundstück in Erbpacht an die Mara-und-Holger-Cassens-Stiftung, die das Gebäude wiederum Hinz & Kunzt überlässt: für mindestens 30 Jahre und zu einem niedrigen Mietpreis.

„Die Wohnungen haben einen Hauch von Luxus“, sagt der Leiter des Wohnprojektes, Stephan Karrenbauer, der seit über 25 Jahren Sozialarbeiter bei Hinz & Kunzt ist. Das habe auch etwas mit Würde zu tun: „Alle Menschen haben das Bedürfnis nach Ruhe, das Bedürfnis, sich an einem Ort wohlzufühlen.“ Viele glaubten an das Klischee, wohnungs- und obdachlose Menschen wollen gar kein Dach über dem Kopf. „Das ist Quatsch“, sagt Karrenbauer. Die Be­woh­ne­r:in­nen hätten hier unbefristete Mietverträge, die Miete orientiere sich an den Vorgaben des sozialen Wohnungsbaus – 6,60 Euro pro Quadratmeter.

Neben Marco Steinfeldt sitzt der Sozialarbeiter Jonas Gengnagel. Er war zusammen mit den anderen So­zi­al­ar­bei­te­r:in­nen bei Hinz & Kunzt für die Auswahl der neuen Bewoh­ner:in­nen zuständig: „Wir haben keine festen Kriterien gestellt. Wir haben mit allen interessierten Personen Gespräche geführt.“ Dabei sei herausgekommen, dass das Wohnen in einer WG nicht für alle Personen infrage käme. Wichtig sei deswegen, dass die Menschen auf das Leben in einer Gemeinschaft Lust hätten.

Ein Nischenmodell

Dies widerspreche nicht der öffentlichen Forderung von Hinz & Kunzt nach Housing First, also der bedarfsgerechten Unterbringung obdachloser Menschen ohne Qualifikationsansprüche, sagt Gengnagel. „Unser Projekt ist ein Nischenmodell.“ Man benötige eine Palette an Wohnungsangeboten in Hamburg, um allen Menschen einen passenden Wohnraum bieten zu können. „Wir dürfen uns nicht an das Elend der Menschen gewöhnen, es nicht normalisieren, dass Menschen auf der Straße leben.“

Steinfeldts Wohnung liegt im dritten Stock. Die Tür steht offen. In der Raummitte, auf dem melierten Holzlaminat, stehen zwei hölzerne Sofas. Die Polster sind mit rotem Stoff bezogen. Schüchtern drängt sich tatsächlich ein Hauch von Luxus auf. Steinfeldt, seit einem Jahr Verkäufer des Straßenmagazins, betritt sein Zimmer und drückt auf seiner Matratze herum. „Es fühlt sich geil an, hier zu sein.“ Er wolle aber erst probeliegen, wenn er einziehe.

Verdrängte Probleme

Sein Weg ist mit Schicksalsschlägen gepflastert. Schlafen mit Genuss gleichzusetzen, war nicht immer normal für ihn. Mit dem Tod seines Sohnes, der kurz nach der Geburt verstarb, änderte sich sein Leben: „Ich wurde depressiv, erkrankte an einer posttraumatischen Belastungsstörung.“ Zunächst habe er sich in die Arbeit gestürzt, zwölfstündige Schichten bei einer Zeitarbeitsfirma geschoben. Er sei mehrmals mit seiner damaligen Frau umgezogen. Seine Probleme habe er verdrängt.

Mit der hohen Arbeitsbelastung seien Alkohol und Amphetamine in sein Leben getreten. Irgendwann habe er sich aufgegeben. „2018 habe ich für ein Jahr auf der Straße gelebt, am Mümmelmannsberg.“ In dieser Zeit stand er auf einer Brücke, springen wollte ich nicht. Ein Hilferuf, wie er beteuert. Über einen anderen Verkäufer sei er auf Hinz & Kunzt aufmerksam geworden. „Die haben mein Leben gerettet.“

Mit Alkohol und Drogen habe er aus eigener Kraft aufgehört. Auch habe er gelernt, Hilfe anzunehmen. Inzwischen könne er sogar über den Tod seines Kindes sprechen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de