Gründerin über 25 Jahre Hinz&Kunzt

„Am Anfang waren wir supernaiv“

Das Straßenmagazin Hinz&Kunzt bringt Obdachlose auf Augenhöhe mit den Hamburger*innen. Chefredakteurin Birgit Müller über Grenzen und Großzügigkeit.

Hinz und Kunzt-Chefredakteurin Birgit Müller

Hat in der Sozialbehörde nicht nur Freunde: Hinz&Kunzt-Chefredakteurin Birgit Müller Foto: Miguel Ferraz

taz: Ihr Grundsatz ist: „Je weiter wir das Maul aufreißen, desto fundierter müssen wir sein.“ Wie weit reißt das Hamburger Straßenmagazin Hinz&Kunzt sein Maul auf, Frau Müller?

Birgit Müller: Wir reißen das Maul immer dann auf, wenn wir das Gefühl haben, hier ist ein Missstand, den es zu beheben gilt im Sinne der obdachlosen Menschen. Und wenn es gut läuft, haben wir eine realistische Idee, wie man es besser machen könnte.

Sie haben einmal gesagt, dass Hamburg das Problem der Obdachlosigkeit gar nicht lösen will. Ist dann nicht der Handlungsspielraum ziemlich klein?

Ich finde, nicht Hamburg insgesamt, sondern die Hamburger Politik scheut sich, das Problem grundlegend anzugehen. Und zwar aus Angst davor, dass das eine Sogwirkung auslösen könnte. Nach dem Motto: Wenn wir 2.000 Obdachlose unterbringen, kommen 2.000 neue. Aber wenn man das Problem nicht löst, verfestigt und verschlimmert sich die Situation.

Es ist vermutlich auch eine Frage des Selbstverständnisses – ob man sagt: Das gibt es nun einmal. Oder: Das muss es nicht geben.

Ich weiß ja auch nicht, inwieweit diese Sogwirkung eintreten würde oder nicht. Ich weiß nur, was passiert, wenn man nichts tut: Die Menschen werden immer kränker und verelenden. Wir hatten in Hamburg binnen eines Monats vier Tote auf der Straße. Als wir angefangen haben, 1993, war es auch eine sehr harte Zeit. Es waren ganz ähnliche Themen wie heute und schon damals hat man Zeit verloren: Damals wurde rationalisiert, gleichzeitig gab es Opfer der Wiedervereinigung. Es waren alles deutsche Obdachlose, aber eben keine Hamburger, und man hat damals vergeblich versucht, die Leute nach Dresden oder Köln zurückzuschicken. Auch damals hatte man Angst vor einer Sogwirkung.

In Hamburg haben bereits Menschen mit Arbeit Probleme, eine Wohnung zu finden. Ist es da nicht sehr optimistisch, dass das darüber hinaus bei allen gelingt, die obdachlos und ohne Arbeit sind?

Die Hamburger haben recht, wenn sie sagen: „Hey, ich will auch eine Wohnung.“ Und das bedeutet, dass die Stadt ein Konzept finden muss, das insgesamt funktioniert, auch für die alleinerziehende Mutter, für die Frau an der Kasse, auch für den Lkw-Fahrer, den Pfleger. Ein gutes Vorbild ist da Wien: Bei jedem Bauprojekt müssen zwei Drittel Sozialwohnungen entstehen, hier in Hamburg nur ein Drittel.

Hinz&Kunzt ist ein Hamburger Straßenmagazin, das von Journalisten gemacht und von Obdach- und Wohnungslosen verkauft wird, die 1,10 Euro des Verkaufspreises von 2,20 Euro erhalten.

Im November feierte es 25-jähriges Bestehen. Mit einer verkauften Auflage von rund 67.000 ist es das auflagenstärkste Straßenmagazin Deutschlands.

Gesellschafter sind das Diakonische Werk Hamburg und die Patriotische Gesellschaft von 1765. Zu dem Projekt gehören neben Redaktion und Vertrieb auch SozialarbeiterInnen, Fundraising, Öffentlichkeitsarbeit und mehrere Projektewie Spende Dein Pfand und die Die BrotRetter.

Das Projekt hat 36 Festangestellte, davon 19 ehemalige Obdach- oder Wohnungslose.

Sehr schlicht gefragt: Was ist die Wurzel des Problems: keine Wohnung oder keine Arbeit zu haben?

Ich glaube, es ist viel komplexer. Es gibt gesellschaftliche Bedingungen wie Rationalisierung oder Globalisierung, durch die jemand obdachlos werden kann. Die andere Frage ist: Wie kommt ein Mensch zur Welt? Die meisten Obdachlosen, die ich kenne, hatten eine schreckliche oder gar keine Kindheit. Dass viele alkohol- oder drogenkrank sind, ist oft so etwas wie eine Selbstmedikation, weil die Leute vorher schon so viel erlebt haben, mit dem sie nicht fertig geworden sind.

Wie oft stoßen Sie an die Grenzen der eigenen Mittelschichts-Sozialisation, der Vorstellung, man bräuchte doch nur etwas Selbstdisziplin und guten Willen?

Wir waren supernaiv, als wir angefangen haben und es war auf eine Weise auch gut so. Wir hatten keinen Sozialarbeiter, es waren nur wir Journalisten und die Obdachlosen. Wir dachten: Jetzt verkaufen die Obdachlosen Hinz&Kunzt, später bekommen sie einen Job und eine Wohnung – und alles ist paletti … Gleich im ersten Jahr war hier ein Obdachloser, der ganz viel mitgearbeitet hat und Alkoholiker war. Zu dem habe ich gesagt: „So jemand wie du muss doch nicht trinken.“ Dann wollte er mir einen Gefallen tun oder sich selber und hat es tatsächlich von heute auf morgen geschafft, mit dem Trinken aufzuhören. Nach vier Wochen ist er abgestürzt. Das war ihm so megapeinlich, dass er abgetaucht ist. Das Ganze war ein No-Go; die Menschen sind für sich verantwortlich und ich habe da gar nichts reinzureden. Hinz&Kunzt kann eine Hilfe sein, aber die Treppe gehen muss ja leider jeder selbst.

Kämpft Hinz&Kunzt mit dem gleichen Auflagenrückgang wie andere Printmedien?

Ja, die Auflage sinkt seit 2016. Für uns ist das auch insofern schlimm, als das wir merken: Junge Leute interessieren sich sehr wohl für uns, aber eher über unsere Social-Media-Kanäle und die Stadtrundgänge. Wir brauchen ein Produkt, das den Verkäufer in Kontakt bringt mit den Hamburgern und zugleich seinen Stand in der Gesellschaft hebt. Dafür ist ein Magazin ideal, aber die Frage ist, wie wir es aufstellen müssen und ob wir irgendwann noch etwas anderes anbieten.

Können Sie beschreiben, wie dieses Auf-Augenhöhe-Bringen eigentlich funktioniert?

Hinz&Kunzt zu verkaufen ist ganz schön heftig: Bei Wind und Wetter dort zu stehen. Und wer dort steht, der muss sich zeigen. Dieser Mensch hat ein hartes Leben hinter sich und der Käufer des Magazins fragt ihn womöglich danach. Manche blühen richtig auf, weil sie sich gesehen fühlen. Viele reduzieren ihren Alkoholkonsum, um mit der Kundschaft kommunizieren zu können. Der Kontakt ist für viele Hinz&Künztler richtig heilsam.

Sie bekommen kein Geld von der Stadt. Wo finden Sie die Unterstützer für Hinz&Kunzt?

Wir sagen immer: Wir gehören den Hamburgern, weil unsere Spender allen Schichten angehören. Das kann sehr überraschend laufen. Wir hatten eine Phase, in der wir rumänische Verkäufer aufgenommen haben. Dann haben wir festgestellt: Das sind Leute mit ganz anderen Problemen – und wir waren völlig überfordert. Keine Drogen- und Alkoholabhängigkeit, aber ganze Familien, die auf der Straße waren, teilweise Analphabeten, die in Schrottimmobilien wohnten, ohne Krankenversicherung. Da hat uns ein Rotary Club Geld gespendet – speziell für eine rumänische Sozialarbeiterin.

Hinz&Kunzt will kein Jammerblatt sein – wie gelingt das?

Es ist nicht einfach. Die letzten Jahre waren sehr hart, wir sind am Rande unserer Kapazitäten, und unser Verhältnis zur Sozialbehörde ist schwierig. Immer wieder dieselben Sachen zu kritisieren, das macht keinen Spaß. Wir müssen uns immer wieder am eigenen Schopf aus diesem Tief herausholen. Eigentlich wollen wir im Magazin immer auch zeigen, was gut läuft. Aber es ist schwer, wenn da eine Wunde offen ist und sich nichts verändert.

62, ist Gründungsmitglied und Chefredakteurin von Hinz&Kunzt, einem Hamburger Straßenmagazin. Sie hat Hispanistik und Germanistik studiert, von 1989 bis 1993 war sie Lokalredakteurin beim Hamburger Abendblatt.

Was ist der Konflikt mit der Sozialbehörde?

Dass es nicht genügend ganzjährige Unterkünfte gibt. Dass viele Obdachlose aus Osteuropa nicht ins Winternotprogramm aufgenommen werden oder eben nur in eine Wärmstube, in der die Leute im Sitzen schlafen müssen. Und dass das Winternotprogramm tagsüber geschlossen ist.

2016 haben Sie erstmals kommerzielle Konkurrenz bekommen durch ein weiteres Straßenmagazin.

Das neue Magazin hat uns regelrecht untergraben. Es ist aufgesprungen auf die Geschichte, dass hier so viele osteuropäische Obdachlose sind, die nicht versorgt werden – und auch nicht alle bei uns mitarbeiten können. Die Artikel waren zusammenkopiert, und die Verkäufer waren sehr aufdringlich. Es gab und gibt einen regelrechten Konkurrenzkampf zwischen Hinz&Künztlern und den anderen Verkäufern.

Wie schwierig ist es für Sie zu sagen: Das Boot ist voll. Jenen Satz, den man selber nicht hören kann?

Da haben wir schwer drüber diskutiert, weil wir das nie wollten. Dann hat ein Kollege gesagt: Nicht unser Boot, sondern unser Rettungsboot ist voll. Wir müssen uns neue Boote überlegen. Darüber denken wir massiv nach. Man könnte so viel machen: Das Pfandsammeln, so wie mit unseren Leergut-Beauftragten am Hamburger Flughafen, könnte man vielleicht auch woanders organisieren, so etwas wie unsere Brotretter könnte man vielleicht in anderen Stadtteilen machen. Man könnte Hostels für osteuropäische Wanderarbeiter einrichten …

Es scheint nicht an Ideen zu mangeln.

Ein Grundproblem ist, dass man für alle Ideen Geld und vor allem Immobilien braucht. Wir leben da von Wundergeschichten. Eines Tages rief eine Leserin an, sie würde gern ihr Elternhaus Obdachlosen zur Verfügung stellen, wenn sie die persönlich kennenlernte. Inzwischen wohnen „die Kennedys“ in diesem kleinen Siedlungshaus, eine Gruppe von Obdachlosen, die jahrelang unter der Kennedybrücke Platte gemacht hat. Sie verstehen sich gut mit den Nachbarn, pflegen den Garten, in dem man regelrecht vom Rasen essen kann. Der Hammer ist, dass sie aufgehört haben, zu trinken. Das war keine Vorgabe von uns, sie haben es von sich aus gemacht.

Wie viele Geschichten mit gutem Ende brauchen Sie, um mit dem, was nicht gelingt, klarzukommen?

Ganz viele. Eine meiner liebsten ist die von jemandem, den ich gleich am ersten Tag kennengelernt habe, der sehr viel getrunken hat, zwei Flaschen Wodka zum Frühstück. Dieser Mann hat geheiratet, einen Sohn bekommen. Er hat seine Alkoholsucht überwunden, hatte manchmal Rückfälle, aber stand auch dazu, und seine Frau stand zu ihm. Der Sohn hat Abitur gemacht – und dann ein Praktikum bei uns, weil er sehen wollte, in welcher Welt sein Vater zu Hause war.

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