Wissenschaftlerinnen über Mutterschaft: Unsichtbare Mütter

Sarah Czerney und Lena Eckert haben ein Netzwerk für Mütter in der Wissenschaft gegründet. Noch immer gibt es für Frauen mit Kindern große Hürden.

Ein Baby auf dem Schoss einer im Dunkelen verborgenen Person

Oft wird Frauen signalisiert, die Vereinbarkeit von Mutterschaft und Wissenschaft sei Privatsache Foto: Laurent Askienazy/plainpicture

taz: Frau Czerney, Frau Eckert, Sie geben nun schon Ihr zweites Buch zum Thema Mutterschaft in der Wissenschaft heraus. Sind Mutterschaft und Wissenschaft überhaupt miteinander vereinbar?

Beide: Nein.

(38) ist Referentin für Karriereentwicklung und Chancengleichheit des Leibniz-Instituts für Neurobiologie in Magdeburg.

Sarah Czerney: Für einige ist es vielleicht individuell vereinbar. Wir würden aber sagen, strukturell ist eher eine Unvereinbarkeit festzustellen, und zwar nicht der Tätigkeiten: Man kann sehr wohl Mutter sein und Wissenschaftlerin. Aber die gesellschaftlichen Positionierungen „Wissenschaftler“ und „Mutter“ mitsamt ihren Idealisierungen und Ideologisierungen sind unvereinbar.

Lena Eckert: Diese beiden Positionierungen befinden sich in zwei sich diametral gegenüberstehenden symbolischen Kontexten. In der westlichen Philosophie ist das mit der Körper-Geist-Trennung zu erklären, dass eben der Wissenschaftler den Geist und das Geniesein, darstellt. Und die Mutter genau das Gegenteil – mit ihrer Körperlichkeit, ihrer ständigen Verfügbarkeit und der Sorgearbeit in der Familie, die sie zu 100 Prozent unentgeltlich erfüllen muss.

(44) ist akademische Mitarbeiterin am Zentrum für Lehre und Lernen an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).

Haben Sie ein Beispiel dafür?

SC: Das kann in Bewerbungsgesprächen die unzulässige Frage nach Kinderwunsch, nach Familienplanung sein, die meistens nur Frauen gestellt wird. Oder eine Tagung, bei der eine Mutter gefragt wird: Wo sind denn Ihre Kinder gerade? Das bedeutet: In erster Linie bist du zuständig für die Kinder.

Warum ist das Thema Mutterschaft und Wissenschaft wichtig?

LE: Weil es bisher tabuisiert wurde. Einerseits auf der fachlichen Ebene, weil es sehr wenig Forschung zu Mutterschaft gibt. Andererseits aber auch auf der personellen Ebene – unter den ohnehin schon wenigen Frauen in wissenschaftlichen Führungspositionen sind sehr wenige Mütter. Mütter werden strukturell aus dem Wissenschafts­betrieb herausgedrängt. Das verstärkt sich noch mal mehr infolge der Pandemie.

Sie beide sind an ostdeutschen Wissenschaftseinrichtungen angestellt. Macht das einen Unterschied in der Mutterschaft?

LE: Ich habe eine westdeutsche Sozialisation. Meine Vermutung ist, dass wir im Osten immer noch die bessere Kinderbetreuung haben, zumindest hatten wir sie vor der Pandemie. Wir sprechen auch viel darüber.

SC: Ich bin 1984 in Magdeburg geboren und würde sagen, dass ich ostsozialisiert bin. Ich stelle schon einen Unterschied fest. Neben dem, was Lena sagt, gibt es eine Normalisierung von Erschöpfung. Weil das nämlich zu gehen hat, dass man diese Doppelt- und Dreifachbelastung aushält, weil das die erwerbstätigen Ostmütter immer schon gemacht haben. Und wenn nun deren Töchter in unserer Generation als Mütter plötzlich aufbegehren gegen diese Erschöpfung, dann reißt das noch mal andere Gräben auf.

Gibt es denn einen Unterschied in verschiedenen Fachrichtungen?

Mehr zum Netzwerk „Mutterschaft und Wissenschaft“:mutterschaft-wissenschaft.de

LE: Wir beide kommen aus den Geisteswissenschaften, aber in den MINT-Fächern sehen wir noch mal härtere Parameter. Es ist ein noch stärker männlich dominiertes Feld. Dazu kommt zum Beispiel die Laborarbeit, die Schwangere oft nicht durchführen können.

Warum ist das ein Problem?

LE: Wir hatten bei einer Lesung mal eine Teilnehmerin, die erzählte, dass sie in einem Forschungsprojekt arbeitete, das mit radioaktiver Strahlung operierte, als sie schwanger war – sie durfte und wollte also nicht mehr dort arbeiten. Das wurde individuell gelöst. Ihre Kolleginnen sind für sie eingesprungen, Praktikantinnen haben die Forschung durchgeführt und die Messdaten an sie nach Hause gemeldet. Das war nur möglich aufgrund des sehr zuvorkommenden und kollegialen ­Umfelds.

Was wäre eine bessere Lösung?

Czerney, Sarah/Eckert, Lena/Martin, Silke (Hg.): Mutterschaft und Wissenschaft. Die (Un-)Vereinbarkeit von Mutterbild und wissenschaftlicher Tätigkeit, 2020, Berlin: Springer.

Am 11. Juli erschien das Buch „Mutterschaft und Wissenschaft in der Pandemie: (Un-)Vereinbarkeit zwischen Kindern, Care und Krise“, ebenfalls herausgegeben von Czerney, Eckert und Martin. Opladen: Budrich.

LE: Dass Mütter eben nicht die ganze Zeit individuelle Lösungen finden müssen, sondern supported werden oder einfach selbstverständlich da sind. Was eben heißen würde, dass sehr viele Regeln umgeschrieben werden müssten, die sonst nur den unabhängigen Wissenschaftler im Blick haben, der keiner anderen Tätigkeit als nur der Wissenschaft verpflichtet ist.

Wie sieht das konkret aus?

SC: Wir wünschen uns eine erhöhte Sichtbarkeit des Themas Mutterschaft, und zwar einerseits auf einer theoretischen Ebene, also dass Mutterschaft diskutiert wird – vor allem in Fächern, die sich gesellschaftskritisch nennen. Und andererseits arbeiten wir dafür, dass tatsächliche Mütter in der Wissenschaft sichtbarer sind, auch als Vorbilder. Auch Gremien sind zu homogen. Die müssen diverser werden.

LE: Dann gibt es viele strukturelle Sachen, wie zum Beispiel Stipendienausschreibungen oder bei Förderprogrammen, wo oft das biologische Alter und nicht das akademische Alter mit Herausrechnung der Elternzeiten und der daraufhin ja weiter bestehenden Familienarbeit gesehen wird.

SC: Auch müssten sich sämtliche Wissenschaftseinrichtungen überlegen, wie sie mit dem Corona-Gender-Gap umgehen wollen. Mit dem Fakt, dass infolge der Pandemie weibliche Personen mit Care-Aufgaben noch häufiger aus der Wissenschaft rausfallen. Das wird dramatisch sein in den nächsten Generationen.

Wie kommt Ihr Thema im Wissenschaftsbereich an?

LE: Wir bekommen sehr viele Anfragen aus den unterschiedlichsten Universitäten und Hochschulen für Lesungen, Workshops und Podiumsdiskussionen.

SC: Es gibt einen großen Bedarf, sich auszutauschen und zu vernetzen. In fast jeder Lesung sind Tränen geflossen bei Beteiligten, die erleichtert waren festzustellen, dass sie nicht alleine sind. Die Strukturen, in denen wir sind, vereinzeln uns. Das Thema Mutterschaft ist unsichtbar, jede struggelt so vor sich hin und der Gedanke liegt nahe: Es liegt an mir, dass ich es nicht schaffe.

LE: Es gibt ein Tabu, das dem aufliegt: Wir kennen Geschichten von Wissenschaftlerinnen, die ihr Kind verschweigen, bis zu dem Punkt, an dem sie dann auf der Professur sitzen. Und dann fangen sie an zu erzählen: „Ich habe übrigens eine achtjährige Tochter.“

Können Sie das nachvollziehen?

SC: Klar, weil es das System, wie es gerade ist, weniger stört. Und wenn man da Erfolg haben möchte, verstehe ich das.

Sie haben gerade von der Unterstützung gesprochen – erfahren Sie auch negative Reaktionen?

LE: Wir merken, dass es Widerstände gibt und Irritation und stellen Berührungsängste mit dem Thema Mutterschaft fest, gerade in feministischen Kreisen. Mir wurde sogar schon gesagt: „Ja, aber das ist doch was Privates.“ Von einer ausgesprochenen, selbst bezeichneten Feministin, wo mir die Kinnlade auf den Tisch gefallen ist und ich mir gedacht habe: Hallo, das Private ist doch politisch! Mutter und Mutterschaft sind irgendwie bieder, klebrig – man traut sich nicht so richtig ran. Wir wünschen uns, dass Mütter wieder Teil der feministischen Bewegung und auch des akademischen Feminismus werden – Mutterschaft als politische Kategorie.

Sie haben nicht nur zwei Bücher herausgegeben, sondern auch das Netzwerk Mutterschaft und Wissenschaft gegründet. Was wollen Sie mit dem Netzwerk erreichen?

SC: Vor allem Sichtbarkeit für das Thema schaffen, Austausch ermöglichen zwischen Müttern in der Wissenschaft. Das geschieht in lokalen Gruppen und bei Onlinetreffen.

LE: Wir haben bereits mehr als 350 Mitglieder und wollen eine politische Schlagkraft entfalten. Wir wünschen uns für das Netzwerk, dass die Ressourcen gebündelt werden können, um es auszubauen. Dass wir vielleicht in ein, zwei Jahren auch eine große Tagung organisieren oder gemeinsam Förderanträge stellen können.

SC: Was noch wichtig ist: Es ist ein Netzwerk für Mütter und ihre Alliierten. Diese Probleme, die an dem Thema Mutterschaft und Wissenschaft hängen, die betreffen eigentlich alle.

Sind denn auch Kinderlose dabei?

SC: Vereinzelt bisher. Aber wir be­obachten zunehmend, dass wir außerhalb von Mütterkreisen wahrgenommen werden. Zum Beispiel sind wir auf der Jahrestagung der GEW, der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, eingeladen, einen Input zu liefern zu Mutterschaft und Wissenschaft. Weil diese Themen eben sichtbarer werden außerhalb der Kreise der „Betroffenen“.

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