Wirtschaftssanktionen gegen Russland: Kartoffeln statt Autoteile

Die EU hat das sechste Sanktionspaket gegen Russland auf den Weg gebracht. Die Wirtschaftsstrafen zeigen erste Folgen.

Autofabrik, fertig gebaute Wagen in einer Reihe

Awtotor-Werk in Kaliningrad in Vorkriegszeiten Foto: Andrey Rudakov/Bloomberg/getty

MOSKAU taz | Bei Awtotor in Kaliningrad setzten die Ar­bei­te­r*in­nen noch bis in den März hinein BMWs zusammen, Kias, Hyundais. Bis zu 250.000 Fahrzeuge seien jährlich vom Band gerollt, berichtet die Homepage des Unternehmens in der Stadt, die die Jugend dort nur noch Kö nennt. Als Anlehnung ans einstige Königsberg.

30.000 Menschen arbeiten bei Awtotor. Nun sind alle 30.000 zu Hause. Betriebsferien. Zunächst bis Ende Mai, heißt es offiziell. Viele in der Stadt sind nervös, weil aus den Ferien oder der möglichen Kurzarbeit danach schnell Arbeitslosigkeit werden könnte. Wie auch in Kaluga, 160 Kilometer von Moskau entfernt, wo VW seine Autos für den russischen Markt produzierte und es nicht mehr tut, oder in Toljatti an der Wolga, aus dem sich Renault zurückgezogen und die Zusammenarbeit mit Lada beendet hat.

Mit dem russischen Überfall auf die Ukraine, den der Kreml offiziell „militärische Spezialoperation“ nennt, stellten viele ausländische Firmen ihre Tätigkeit in Russland ein, fast 1.000 internationale Unternehmen haben sich vom russischen Markt abgewendet, manche „vorübergehend“, andere „für immer“. Die Lieferketten stimmen nicht mehr, die Logistik stockt, Ersatzteile fehlen.

So auch bei Awtotor in Kaliningrad. „Eine schwierige wirtschaftliche Lage“, nennt das die Unternehmensführung und bietet sogleich eine Lösung dagegen an: Awtotor stellt seinen Mit­ar­bei­te­r*in­nen Parzellen für Gemüsegärten zur Verfügung. Jeder, der wolle, könne 1.000 Quadratmeter Fläche in zwei Dörfern, etwa 20 Kilometer von Kaliningrad entfernt, beantragen. „Hochwertige Saatkartoffeln aus vaterländischer Produktion miteinbegriffen“, heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens. Kartoffeln statt Autoteile.

Leugnen klappt schlecht

Es ist eine russische Antwort auf die massiven Wirtschaftsstrafen, die dem Angriff Moskaus auf die Ukraine folgten. Viele im Land tun bis heute so, als beträfen sie sie nicht. Das Leugnen klappt nicht schlecht. Der Rubel hat sich stabilisiert, die Ladenregale wirken voll, die Restaurants scheinen gut besucht, die Apotheken haben ihre Auslagen wieder so gefüllt, dass Leerstellen kaum auffallen. Baumärkte von OBI haben wieder geöffnet; mag die Kette nun unter einem russischen Betreiber laufen. Und selbst den endgültigen Abschied von McDonald’s vom russischen Markt verkauft die Moskauer Stadtregierung als „Rückkehr unter einer neuen Marke schon im Juni“. Auch den Weggang von Renault sieht sie als etwas gut zu Verschmerzendes an. Kommt eben der Moskwitsch zurück, der sowjetische Volksbeglückungswagen.

Viele in Russland tun bis heute so, als beträfen die massiven Sanktionen sie nicht

2006 ging der russische Automobilhersteller aus Moskau zwar pleite, nun aber soll die Automarke in den Renault-Werken bei Moskau wiederbelebt werden. Die Stadtverwaltung besitzt alle russischen Renault-Aktien, die Anteile, die das Unternehmen an Awtowaz hielt, gehen derweil ans Staatliche Institut zur Entwicklung von Automobilen, Traktoren und Motoren (Nami). Der technologische Partner des Moskwitsch soll der Lkw-Hersteller Kamaz sein, dem durch die Sanktionen Bauteile für Getriebe und Einspritzpumpen wie auch verschiedene Chips für die Produktion fehlen. Auch Elektro-Moskwitschs sollen in Zukunft möglich sein, sagte der Moskauer Bürgermeister Sergei Sobjanin vollmundig. Wie die Partnerschaft funktio­nieren soll und auf welcher Grundlage die Moskwitschs vom Band laufen sollen, sagte Sobjanin nicht.

Papier für Kassenbons fehlt

Rückschritte als Fortschritte zu verkaufen – darin läuft die russische Regierung derzeit in Hochform auf. Ladas sollen mit alter Technik weiterproduziert werden, ohne das Antiblockiersystem ABS und Servolenkung. Die Hälfte der russischen Flugzeugtechnik soll als Ersatzteillager dienen. Alte Züge werden schon jetzt auf Strecken eingesetzt, bei denen die Regierung noch vor Kurzem für mehr Hochgeschwindigkeitszüge geworben hatte. „Wir können alles selbst“, sagen russische Be­am­t*in­nen und pochen auf den sogenannten „Importosameschtschenije“, die Importsubstitution, die ausländische Importe durch heimische Produktion ersetzen soll.

Nur: Plötzlich stellt die heimische Wirtschaft fest, dass ihr Papier für Kassenbons fehlt. Seitdem sind die Kassenzettel kaum mehr lesbar, so klein ist die Schrift, manche Verkäuferinnen schreiben die Bons mittlerweile mit der Hand. Die Tetrapack-Beschichtung wird in Russland gar nicht hergestellt, nun rätseln die Russ*innen, ob sie ihre Milch demnächst wieder in Emaille-Milchkannen holen müssen, wie sie es zu Sowjet­zeiten taten. Wursthüllen fehlen genauso wie Saatgut.

„Russland ist ein Teil der Weltwirtschaft. Wir sind einfach nicht in der Lage, jeglichen Import schnell zu ersetzen“, sagt der Cafébetreiber Alexei Poljakow. „Ich muss Schokolade einkaufen, andere müssen anderes einkaufen, um gute Geschäfte machen zu können. Jeder, der sagt, wir könnten alles selbst, ist ein Trottel.“ Der 32-Jährige betreibt ein Café in Kemerowo, in Russlands Steinkohlerevier knapp vier Flugstunden von Moskau weg, und kauft seine „Rohstoffe“ – wie Mandelmehl und Schokolade – im Ausland. Jetzt stockt das Geschäft. Wie bei vielen anderen im Land. Unternehmen, die in den vergangenen Jahrzehnten auf Innovation und Effizienz setzten, finden sich auf der Verliererseite, weil sie im Eiltempo aus den internationalen Wertschöpfungsketten geworfen werden.

Erheblicher Wirtschaftseinbruch

Der russische Staat setzt derweil auf Durchhalteparolen und Milliarden, der russische Haushalt ist gut gefüllt. Der Internationale Währungsfonds rechnet jedoch mit einem Wirtschaftseinbruch von 8,5 Prozent in diesem Jahr, die Weltbank mit 11,2 Prozent. Der Prozess ist schleichend, weil auch nicht klar ist, wie schnell Russland westliches Know-how aus anderen Ländern wird ersetzen können. China und Indien, auf die der Kreml so sehr setzt, sind vorsichtig, weil sie nicht in den Sog westlicher Sanktionen geraten wollen.

„Die Geschwindigkeit der Lawine, die auf Russland zurollt, wächst mit jedem Monat. Es findet gerade ein gewaltiger Umbau von allem statt, Ausgang offen“, sagt die Wirtschaftsgeografin Natalja Subarewitsch, die als Professorin an der Moskauer Staatsuniversität lehrt. Die Unberechenbarkeit sei äußerst hoch. Die Zentralbank habe zwar als Feuerwehr gut funktio­niert und den Kollaps des russischen Finanzsystems und der Währung verhindert. Aber sie könne nicht ewig die Feuer löschen.

Genaue Daten fehlen

Noch verpflichtet der Staat russische Firmen, 80 Prozent ihrer ausländischen Devisen­erlöse sofort in Rubel zu wechseln, der Zwangsumtausch stützt den Kurs massiv. Die Preise aber sind dadurch künstlich, im Rubelkurs spiegeln sich Angebot und Nachfrage nur noch eingeschränkt wider. Der reale Kurs ist unbekannt. Diese Maßnahmen müssten nach und nach zurückgefahren werden, das Land könne nicht ewig von den Reserven leben, sagt die Zentralbankchefin Elwira Nabiullina, die diese Regeln eingeführt hat. Das Land müsse nach neuen Geschäftsmodellen suchen.

Derweil geht die Erdölförderung zurück. Im März sei sie um 9 Prozent gefallen, die Erdölverarbeitung um 7 Prozent, schreibt die russische Wirtschaftszeitung Kommersant. Auch der Export falle, heißt es in dem Bericht. Genaue Daten aber fehlen, weil Russland seit März keine Statistiken diesbezüglich mehr veröffentlicht. „Die Inflation, jetzt schon bei 18 Prozent, wird steigen, die Jugendarbeitslosigkeit ebenfalls. In den Bereichen Metallurgie, Holz, Auto sehen wir schon jetzt eine Minusdynamik“, sagt Wirtschaftsgeografin Subarewitsch. Ihre Prognose: „Es wird schlimmer. Im Herbst lässt sich besser sehen, wie die Sanktionen wirken und was sie bewirken.“

In den Awtotor-Gemüsegärten bei Kaliningrad dürfte im Herbst die erste Kartoffelernte heranreifen.

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