:
Die Arztmobile versorgen Menschen, die keinen Zugang zur Gesundheitsversorgung haben. Aufgrund der Kürzungen ist das Projekt auf Spenden angewiesen
Foto: Sozialarbeiter Olaf Schüßler im Arztmobil der CaritasFoto: Jonas Wahmkow
Von Jonas Wahmkow
Olaf Schüßler sitzt auf der Ladefläche eines weißen Transporters. Im Innenraum sind ein Behandlungsstuhl und mit Medikamenten und Verbandszeug vollgepackte Schränke. Normalerweise fährt der Rettungssanitäter und Sozialarbeiter mit dem Arztmobil der Caritas durch die Stadt, um obdachlose Menschen medizinisch zu versorgen. „Zu uns können die Menschen in jedem Zustand kommen, egal ob sie alkoholisiert oder entzügig sind“, sagt Schüßler.
Doch am Dienstagvormittag im Berliner Ortsteil Moabit sind es vor allem Journalist:innen, die zu Schüßler kommen. Anlass ist eine Spendenübergabe des Pharmaunternehmens Bayer. 21.000 Euro für die Caritas und die Stadtmission, die ein weiteres Arztmobil betreibt. Geld, das dringend benötigt wird: „Die Schere zwischen dem, was wir brauchen und dem, was wir bekommen, wird jedes Jahr größer“, sagt Schüßler.
Dabei gibt es mehr als genug zu tun. Wie viele Menschen in Berlin auf der Straße leben, ist nicht erfasst. Im Februar 2024 waren es laut der Senatsverwaltung rund 6.000. Doch Expert:innen schätzen die Dunkelziffer viel höher und sind sich sicher, dass sie zunimmt. Allein die Zahl der in Wohnheimen, Trägerwohnungen und Notunterkünften Untergebrachten stieg in den letzten beiden Jahren um über 10.000 auf 57.575 Menschen.
Dagegen wirken die rund 900 Menschen, die das Arztmobil pro Jahr behandelt, wenig. „Wir sind nur zwei mobile Fahrzeuge in Berlin und kämpfen jedes Jahr um die Gelder“, so Schüßler. Die Kürzungspolitik des Senats mache sich auch in seiner Arbeit bemerkbar.
Viele Menschen auf der Straße hätten aus unterschiedlichsten Gründen Schwierigkeiten, Arztpraxen oder Notaufnahmen aufzusuchen. Einige seien Mobilitätseingeschränkt und säßen im Rollstuhl, andere hätten schlechte Erfahrungen mit Behörden gemacht. Viele hätten keine Krankenversicherung und würden vor Ort abgewiesen.
„Gesundheit ist ein Menschenrecht“, sagt Schüßler, sich selbst und seine Kolleg:innen bezeichnet er als „Überzeugungstäter:innen“. Das Arztmobil fährt mit einem Team aus Mediziner:innen, Sozialarbeiter:innen und Ehrenamtlichen von Montag bis Donnerstag bekannte Orte ab, an denen Obdachlose sich aufhalten.
„Wir machen vor allem hausärztliche und pflegerische Versorgung“, sagt Schüßler. Im Grunde hätten die Patienten die gleichen medizinischen Probleme, die Menschen mit Wohnung auch haben – etwa Atemwegserkrankungen und Infekte, sagt Schüßler. Aber es gebe auch Krankheitsbilder, die vor allem Menschen beträfen, die auf der Straße leben. „Das sind vor allem infektiöse Hauterkrankungen wie Schleppe“, erklärt der Rettungssanitäter. Auch die durch Milben verursachte Krätze sei weitverbreitet.
Aufgrund von Drogen oder Alkoholkonsum seien die Gefäße von vielen Patient:innen angegriffen, erklärt Schüßler. Daher seien vor allem die unteren Extremitäten im schlechten Zustand. „Die Beine sind sehr geschwollen und gespannt, Wunden heilen nur langsam.“
Im Sommer kämen dann noch Fliegenlarven hinzu, die Eier in die Wunden legten. Die Maden seien eigentlich „gar nicht so schlecht“, da sie nur totes Gewebe fressen, müssten aber dennoch entfernt werden. Ein Großteil der Arbeit bestehe daher daraus, Wunden zu versorgen und Verbände zu wechseln.
Die meisten medizinischen Probleme seiner Patient:innen seien gut behandelbar, sagt Schüßler. Die weitaus größere Herausforderung sei, die Menschen zu erreichen und vertrauen aufzubauen. Es sei keine leichte Aufgabe, Patient:innen zu überzeugen, ihre Ansprüche auf Krankenkassenleistungen wahrzunehmen, damit sie einen Facharzt aufsuchen können.
Neben dem Bus bietet die Caritas auch eine Beratungsstelle an, die Menschen ohne Papiere oder Krankenversicherung hilft, Gesundheitsleistungen in Anspruch zu nehmen, in etwa durch einen Notfallfonds. Doch das Angebot ist ungleich hochschwelliger als das Arztmobil, besonders für Suchtkranke oder Menschen mit psychischen Problemen.
Soziale Arbeit und medizinische Versorgung sind im Angebot des Arztmobils deshalb eng miteinander verflochten: Ein Verbandswechsel kann Vertrauen aufbauen, um auch Hilfe für die Wohnungssuche in Anspruch zu nehmen. „Die beste Art mit Menschen umzugehen, ist, sie ernst zu nehmen. Das machen wir, egal was sie uns erzählen“, sagt Schüßler. So habe das Team einen Umgang mit den in den letzten Jahren stark zugenommenen psychischen Problemen der Patient:innen gefunden.
Doch das funktioniere nicht immer. „Man muss die Prozesse oft wieder neu beginnen, weil die Menschen wegbrechen und sich nicht mehr um sich kümmern“, sagt Schüßler. Auch der politische Umgang mit obdachlosen Menschen, der zunehmend auf Verdrängung setzt, mache seine Arbeit nicht einfacher.
Zuletzt sorgte die Ankündigung der Deutschen Bahn, ein generelles Alkoholverbot an den Bahnhöfen durchzusetzen, für Kritik in der Obdachlosenhilfe. Die Maßnahme ziele vor allem darauf ab, wohnungslose und suchtkranke Menschen zu verdrängen, sagt Schüßler. Auch der Zaunbau um den Görlitzerpark wurde vor allem als Versuch gesehen, den Ort für die dort ansässige Drogenszene unattraktiv zu machen. „Wenn unsere Patient:innen von den klassischen Orten verdrängt werden, müssen wir sie suchen.“
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen