: „Wir brauchen Sicherheit, keine Entschädigung“
Als Staatsanwalt ermittelte Idris Rahmani in Afghanistan gegen die Taliban. Nach ihrer Machtübernahme versprach Deutschland ihm Schutz – und strich dann die Aufnahmezusage. Nun droht ihm die Abschiebung aus Pakistan
Interview Natalie Mayroth, Mumbai
taz: Herr Rahmani, wo befinden Sie sich derzeit?
Idris Rahmani: Wir sind im Norden von Pakistan. Aus Sicherheitsgründen möchte ich meinen genauen Aufenthaltsort nicht nennen.
taz: Können Sie Ihre aktuelle Situation beschreiben?
Rahmani: 2024 bin ich mit meiner Familie, also meiner Frau und unseren drei kleinen Kindern, nach Pakistan gekommen. Seitdem warten wir auf die Erlaubnis, nach Deutschland zu reisen. Wir leben in ständiger Unsicherheit, ohne zu wissen, was die Zukunft bringt. Wir sind von Entscheidungen abhängig, auf die wir keinerlei Einfluss haben.
taz: Welcher Tätigkeit sind Sie in Afghanistan vor der Machtübernahme durch die Taliban nachgegangen?
Rahmani: Ich war als Militärstaatsanwalt in der Abteilung für Strafverfolgung und Justiz des afghanischen Verteidigungsministeriums tätig. In dieser Funktion war ich direkt an Ermittlungen und Strafverfolgungsmaßnahmen gegen die Taliban und andere bewaffnete Gruppen beteiligt – und ich habe bis zum letzten Moment, bis am 15. August 2021 Kabul an die Taliban fiel, meine Tätigkeit fortgesetzt.
taz: Könnten Sie heute in Afghanistan noch sicher leben?
Rahmani: Nein. Von meiner Arbeit kursieren Videos und Bilder in den sozialen Medien. Das bringt mich und meine Familienangehörigen in Lebensgefahr. Mehrere meiner Kollegen wurden bereits getötet. Nach dem Zusammenbruch der afghanischen Regierung ist es für uns unmöglich geworden, in unserer Heimat zu bleiben. Wir mussten uns erst in Afghanistan verstecken. Nun verstecken wir uns, genauso wie viele andere, die gefährdet sind, in Pakistan. Doch die pakistanische Regierung hat die Abschiebungen afghanischer Geflüchteter seit dem Sommer massiv erhöht.
taz: Wie hat sich Ihr Leben während dieser Wartezeit verändert?
Rahmani: Unser Alltag ist von Not und ständiger Angst geprägt. Jeder Tag bedeutet Stress. Jederzeit könnte die pakistanische Polizei kommen und uns verhaften. Die Polizei ist bereits bei uns aufgetaucht, bislang konnten wir rechtzeitig entkommen. Wir leben unter der ständigen Drohung einer Abschiebung. Sollten wir festgenommen werden, ist die Gefahr groß, dass wir nach Afghanistan zurückgebracht werden, wo uns dasselbe Schicksal wie anderen Kollegen droht.
taz: Was macht das mit Ihrer Familie?
Rahmani: Unsere Kinder können nicht zur Schule gehen. Wir haben hier keinen Zugang zu angemessener Bildung, stabilem Wohnraum oder zuverlässiger medizinischer Versorgung – auch nicht für unseren Familienangehörigen, der aufgrund seiner körperlichen Beeinträchtigung dringend Pflege bräuchte. Das alles hat insbesondere bei den Kindern Spuren hinterlassen.
taz: Sie hatten „aus politischen Gründen“ eine Zusage für ein Aufnahmeprogramm aus Deutschland erhalten.
Rahmani: Wir sind nach Pakistan gekommen, um dort mit den deutschen Behörden zu kooperieren. Wir haben alle erforderlichen Unterlagen eingereicht, haben an Sicherheitsgesprächen und Dokumentenprüfungen teilgenommen, mit all den Auflagen des Verfahrens kooperiert. Daher gingen wir davon aus, dass wir Schutz in Deutschland bekommen, wie vor uns andere.
taz: Was ist dann passiert?
Rahmani: Am 12. Dezember erhielten wir erst eine Ablehnung per E-Mail und eine Woche später per Post. Das war ein großer Schock. Nach allem, was wir durchgemacht hatten, fühlte es sich an, als wäre uns der Boden unter den Füßen weggezogen worden. Seitdem haben unsere Ängste zugenommen. Zu einem früheren Zeitpunkt gab es die Möglichkeit, an einem anderen internationalen Programm teilzunehmen. Aber wir haben uns auf Deutschland und die Zusicherungen verlassen. Nun fehlen uns die Optionen.
dessen Name hier aus Sicherheitsgründen geändert ist, ermittelte bis 2021 als Militärstaatsanwalt in Afghanistan gegen die Taliban. Doch nach der erneuten Machtübernahme durch die Islamisten musste er sich verstecken, in Afghanistan ist er nicht mehr sicher. Deutschland erteilte ihm eine Aufnahmezusage
2024 floh Rahmani mit seiner Familie nach Pakistan – auf Anweisung deutscher Behörden, um dort sein Visum zu beantragen. Rahmani vertraute auf die Zusage aus Deutschland, doch am 12. Dezember erhielt er eine Absage. Darin heißt es: „In ihrem Fall hat das Bundesministerium des Innern die Annahmeerklärung am 8. Dezember 2025 für ungültig und erloschen erklärt.“
taz: Ende Dezember landete ein letzter Flug mit 147 Afghan:innen in Deutschland. Können Sie sich erklären, nach welchen Kriterien diese Menschen ausgewählt wurden – und andere nicht?
Rahmani: Für uns ist bis heute nicht nachvollziehbar, warum wir ausgeschlossen wurden. Bei unserem Fall geht es um eine Aufnahmezusage über die „Menschenrechtsliste“ oder das Überbrückungsprogramm, also §22 Satz 2. Andere Personen, deren Fälle unter das formelle Bundesaufnahmeprogramm und somit §23 fallen, wurden weiter nach Deutschland umgesiedelt. Dabei sagen die unterschiedlichen Paragrafen überhaupt nichts über die Dringlichkeit oder den individuellen Härtegrad aus.
taz: Die Bundesregierung hat Afghan:innen, die auf eine Aufnahme verzichten, finanzielle Unterstützung angeboten. Wie haben Sie reagiert?
Rahmani: Wir haben das Angebot zweimal abgelehnt. Geld kann uns nicht schützen. Unser Leben ist in Gefahr. Sind Menschenleben käuflich? Was wir brauchen, ist Sicherheit und keine finanzielle Entschädigung. Deutschland war und ist bis heute das Land, in dem wir hofften unser Leben in Würde und Sicherheit neu aufzubauen.
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