„Wilder Wald“ in Hamburg: Frostiges Warten auf die Sägen
Aktivist*innen befürchten, dass der „Wilde Wald“ in Wilhelmsburg gerodet wird. Bis zum Ende der Baumfällsaison halten sie täglich eine Mahnwache ab.
E s ist kalt an diesem Freitagmorgen, minus 5 Grad zeigt das Thermometer. Aber die frostigen Temperaturen halten die sieben Aktivist*innen vom Bündnis „WiWa bleibt!“ und der Bürger*inneninitiative „Waldretter*innen“ nicht davon ab, für den Erhalt des „Wilden Waldes“ im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg einzustehen. Das kleine Waldstück ist gefährdet, weil dort das Wohnquartier Spreehafenviertel mit rund 1.100 Wohnungen entstehen soll.
Am frühen Morgen haben sie sich zu einer Mahnwache versammelt. Denn ab dem 1. März gilt nach dem Bundesnaturschutzgesetz ein Baumfällverbot, bis dahin wollen die Aktivist*innen täglich dort sein. Falls Rodungsmaschinen anrollen, wollen sie bereit sein, sich ihnen in den Weg zu stellen. Immer wieder kommen Menschen dazu, andere müssen weiter zur Arbeit. Am Freitag der Vorwoche seien rund 20 Personen da gewesen, erzählt der Aktivist Tak, der auch heute wieder dabei ist.
„Wilder Wald“, so nennen die Aktivist*innen ein etwa 8 bis 10 Hektar großes Waldstück zwischen einem Industriegebiet, einem Deich und einem Wohnquartier. Während der Sturmflut 1962 hatten dort Bewohner*innen einer Kleingartenanlage ihr Leben verloren. Nach der Katastrophe wurde das Gebiet sich selbst überlassen – so entstand ein sogenannter Pionierwald.
Dieser Wald ist tatsächlich etwas wilder als gewöhnlich. Anders als bei klassischen Naherholungswäldern oder einem Wirtschaftswald gibt es nur einen einzigen von der Stadt unterhaltenen Weg. Der Rest besteht aus Trampelpfaden, einer Lichtung und einem Baumhaus, das Aktivist*innen errichtet haben.
Wald soll Wohnungen weichen
An diesem Tag sind im Schnee viele Fußspuren zu sehen, immer wieder ist das Klopfen eines Spechts zu hören. Offenbar wird der Wald genutzt, von Mensch und Tier.
Im Flächennutzungsplan von 1968 ist das Areal noch als Industriegebiet ausgewiesen – ein Grund, warum das dort entstandene Grün nie als offizieller Park oder Schutzfläche gesichert wurde.
Mit dem Konzept „Stromaufwärts an Elbe und Bille“ wurde das Gebiet 2014 für das Spreehafenviertel umgewidmet, das offiziell als eines der Schlüsselprojekte des „Sprungs über die Elbe“ identifiziert wurde. Dieser soll die Lücke zwischen dem Hafenrand und dem Wohngebiet Wilhelmsburg schließen. 1.100 Wohnungen sollen im Spreehafenviertel entstehen. Dafür muss ein Großteil der Bäume weg.
Das wollen die Aktivist*innen nicht hinnehmen. „Es heißt immer, Hamburg sei relativ grün. Nur Wälder in der Stadt, die gibt es kaum“, sagt Luca. Chris springt ihr bei und verweist auf die „Zeiten der Klimakrise und des Artensterbens“, in denen „der Wald erhalten bleiben muss“. Die Bewohner*innen des dicht besiedelten Wilhelmsburg könnten doch nicht „ewig weit mit dem Auto oder Nahverkehr zum nächsten Wald fahren“, findet Tak.
Genehmigung für Teilrodung erteilt
Der Konflikt spitzt sich nun zu: Das Spreehafenviertel befindet sich zwar noch in der Planung, doch am 12. Februar hat das Bezirksamt Hamburg-Mitte die Genehmigung für eine erste Teilrodung erteilt.
Dabei geht es um eine Fläche von 790 Quadratmetern, die die Stadt einem angrenzenden Bauunternehmen im Tausch gegen ein kleineres Stück ihres Firmengeländes angeboten hat – das entspricht einem Zehntel eines Fußballfeldes und rund 1 Prozent des Wilden Waldes. Doch den Aktivist*innen geht es ums Prinzip. Sie wollen die „Salamitaktik“ der Behörden und Teilrodungen mit „fadenscheinigen Begründungen“ nicht dulden. „Der Wilde Wald bleibt ganz!“, steht auf einem ihrer Transparente.
Unterstützung erhalten sie vom Naturschutzbund Hamburg (Nabu). Der Umweltverband hat gegen die erteilte Genehmigung Widerspruch eingelegt. Aber: „Die dürfen so lange mit dem Abholzen beginnen, bis wir mit einer einstweiligen Verfügung kommen“, sagt Tak.
Der Nabu bestätigt, dass sein Widerspruch keine aufschiebende Wirkung hat. Deshalb stehen der Umweltverband und die Aktivist*innen in direktem Kontakt, um schnellstmöglich einen Stopp der Rodung erzwingen zu können.
Bitter stößt den Aktivist*innen die Rolle der Politik auf. Denn im vergangenen Jahr sah alles nach einem kleinen Erfolg für die Unterstützer*innen des Wilden Waldes aus. Im Bürgerschaftswahlkampf hieß es im Programm der Hamburger Grünen noch: „Wir unterstützen die Forderung nach einem vollständigen Erhalt des Pionierwaldes.“
Die Hälfte der Bäume soll stehen bleiben
Doch im Koalitionsvertrag mit der SPD, der ein halbes Jahr später beschlossen wurde, ist dieses Bekenntnis verschwunden. Stattdessen wird das Spreehafenviertel dort als eines der Wohnungsbauprojekte aufgeführt, für die Bebauungspläne „zügig vorangetrieben“ werden sollen.
Leon Alam, Co-Landesvorsitzender der Grünen in Hamburg, begründet diesen Widerspruch gegenüber der taz mit der „Kompromissfindung“, die bei den Koalitionsverhandlungen nötig gewesen sei. „Wir hätten den Wilden Wald gern vollständig gerettet“, sagt er. Es sei aber ein vertretbarer Kompromiss gefunden worden. Bezahlbares Wohnen sei schließlich „die große soziale Frage unserer Stadt“.
Der Kompromiss besteht darin, dass als Ausgleich an anderer Stelle – „direkt in Wilhelmsburg“ – aufgeforstet werden soll. Außerdem soll „fast die Hälfte – 45 Prozent – des Baumbestandes des Wilden Waldes erhalten“ bleiben, die „besonders erhaltenswerten Bäume“ seien dabei bereits identifiziert worden.
Aktivist*innen kritisieren „Demokratietheater“
Für Luca ist das eine „spannende Bewertung von Natur“. So ein Wald sei doch „viel komplexer“. Einzelne Bäume zu betrachten ergebe keinen Sinn, „aber das kommt bei denen gar nicht an“. Auch Tak ist unzufrieden: „Was soll ich denn machen, wenn ich in 40 Jahren hier noch einen Wald haben möchte? Da gibt es keinen Kompromiss.“
Die Beteiligungsverfahren, die zu großen Teilen von der städtischen Stadtentwicklungsgesellschaft IBA Hamburg organisiert werden, empfinden die Aktivist*innen als „Demokratietheater“ und „Akzeptanzmanagement“. Es werde zwar „immer wohlwollender“ kommuniziert. Es gehe aber nicht mehr darum, ob das Spreehafenviertel komme, sondern nur noch darum, „wie und wann“ es komme.
Das soll auch beim Neujahrsempfang der SPD deutlich geworden sein, erzählen die Aktivist*innen. Als sie dort von Aktivist*innen konfrontiert worden sei, habe Stadtentwicklungssenatorin Karen Pein (SPD) eine Evokation ins Spiel gebracht.
Bauvorhaben fallen in Hamburg grundsätzlich in die Zuständigkeit der Bezirke; dort entscheidet die Bezirksversammlung über die Planung und das Bezirksamt über die Genehmigung. Mittels einer Evokation könnte der Hamburger Senat die Entscheidungsgewalt an sich ziehen und den Bezirk faktisch entmachten, wenn ein Bauprojekt von „gesamtstädtischer Bedeutung“ ist.
Für Aktivist Tak ist das reines „Politiktheater“. Seit 2017 leiste man Widerstand, doch die Drohung mit der Evokation zeige, dass der Bürgerwille im Zweifel übergangen werde. „Bei mir sorgt das für Politikverdrossenheit“, sagt er.
Kaum Widerstand im Bezirk
Ob der Senat das Projekt tatsächlich an sich ziehen muss, ist jedoch fraglich. Denn Widerstand gibt es im Bezirk kaum. Theresa Rothberg von der Grünen-Bezirksfraktion Mitte stellt auf taz-Nachfrage klar: Man orientiere sich an der Koalitionsvereinbarung auf Landesebene.
Zwar gebe es im Bezirk und insbesondere in Wilhelmsburg eine „starke Sensibilität“ für den Wert der Fläche. Doch Rothberg verweist auf das „Spannungsfeld zwischen ökologischer Verantwortung und sozialer Verantwortung für bezahlbaren Wohnraum. Genau diesen Zielkonflikt versuchen wir transparent, verantwortungsvoll und unter Einbeziehung der Öffentlichkeit zu bearbeiten.“
Für Chris wirkt das, als fielen die Grünen „dem Naturschutz immer wieder in den Rücken“. Sigrun Clausen von den Waldretter*innen betont dennoch die Gesprächsbereitschaft der Aktivist*innen. Sie rede gern weiter mit den Entscheider*innen, das nächste Mal „aber bitte im Wald“.
Bis dahin harrt die kleine Gruppe weiter in der Kälte aus. Ob die Rodungsarbeiten tatsächlich noch im Februar beginnen, wird sich in den nächsten Tagen zeigen.
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