: Wilder Kirchenkampf um wilde Ehe
■ In Hamburg und Schleswig-Holstein können sich jetzt protestantische Schwule, Lesben und unverheiratete Paare kirchlichen Segen holen. Beschluß der nordelbischen evangelisch-lutherischen Kirche sorgt für heftigen Streit
Rendsburg/Berlin (epd/dpa/taz) – Beim Versuch, die Kirche für Minderheiten zu öffnen, hat sich am Wochenende die Synode der nordelbischen Landeskirche heftig zerstritten. „Die Brücke ist zerschlagen worden“, meinte gar der konservative Lübecker Bischof Karl Ludwig Kohlwage. Künftig können sich in Hamburg und Schleswig-Holstein Protestanten, die in eheähnlichen Partnerschaften leben, den kirchlichen Segen erteilen lassen, beschloß die Synode in Rendsburg nach dreitägigen Auseinandersetzungen.
Zuvor hatte das Kirchenparlament mit 60 gegen 46 Stimmen seinen Beschluß vom Frühjahr vergangenen Jahres bekräftigt, auch eheähnliche Lebensgemeinschaften anzuerkennen, sofern sie „auf Dauer“ angelegt sind. Die beiden konservativen Bischöfe Kohlwage und Hans Christian Knuth aus Schleswig wollen nun in den nächsten vier Wochen entscheiden, ob sie gegen diesen Beschluß wie schon 1996 ihr Veto einlegen. Sollten sie die progressive Hamburger Bischöfin Maria Jepsen in dem dreiköpfigen Bischofskollegium erneut überstimmen, müßte sich die Synode noch mal mit dem Thema beschäftigen.
Nur mit großer Mühe hatte sich die 15köpfige Kirchenleitung auf einen Kompromißvorschlag zur Segnung von eheähnlichen und gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften geeinigt, der durch seine Kompromißformeln die konservative Minderheit besänftigen soll. Danach sollen künftig nicht „Lebensgemeinschaften als bestimmte Formen des Zusammenlebens“ gesegnet werden, wohl aber „Menschen“, die in diesen Formen „ethisch verantwortlich leben“. Zugleich darf diese kirchliche Handlung im Gottesdienst nicht mit einer Ehetrauung „verwechselt“ werden. In der Regel sollten diese Segnungen im „geschützten Raum, der mit Seelsorge verbunden ist“, vollzogen werden. Im Kern, so die Präsidentin der Synode, Elisabeth Lingner, gegenüber der taz, wird damit die Kirche aufgefordert, die Segnungen für Homosexuelle und eheähnliche Lebensgemeinschaften möglichst geräuschlos zu vollziehen und vor allem auf spektakuläre Aktionen zu verzichten: „Salopp gesagt: In der Sakristei ja, in der Kirche in der Regel nicht.“
Auf der turbulenten Synodensitzung hatten Kohlwage und Knuth einen eigenen Vorschlag eingebracht, in dem die Ehe als „alleiniges Leitbild christlicher Orientierung für das Zusammenleben der Geschlechter“ definiert wurde. Die Konservativen, die eine Minderheit in der nordelbischen evangelisch-lutherischen Kirche mit ihren rund 2,5 Millionen Mitgliedern sind, halten an der dogmatischen Auslegung der Bibel fest. Dagegen will der liberale Flügel die christliche Botschaft an neuen gesellschaftlichen Formen weiterentwickeln. Für die Mehrheit erklärte die Synodalpräsidentin Lingner, das Kirchenparlament habe klargestellt, daß die Ehe Vorrang vor anderen Lebensformen habe. Trotzdem müsse die Kirche sich mit diesen auseinandersetzen. sev
Interview Seite 4, Kommentar Seite 10
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen