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Wieder tödliche Schüsse in MinneapolisEine Stadt unter Schock

Nach dem Tod des 37-Jährigen Alex Pretti lässt ein Richter Beweismittel sichern. Die Eltern fordern Ermittlungen, die Regierung spricht von „Notwehr“.

Landesweites Entsetzen und Trauer über den Tod von Alex Pretti: Mahnwache in Los Angeles Foto: Caroline Brehman / AP / dpa

dpa afp | Nach den tödlichen Polizeischüssen auf den 37-jährigen Krankenpfleger Alex Pretti gab es in Minneapolis neue Proteste. Am Samstagabend versammelten sich trotz bitterer Kälte hunderte Menschen in einem Park der Stadt im Norden der USA. An der Stelle, wo die Schüsse fielen, legten Trauernde Blumen nieder und stellten Kerzen und Fotos auf. Die Polizei ging erneut mit Tränengas gegen Demonstranten vor. Auch in mehreren anderen Städten, von New York bis Los Angeles, fanden Trauerkundgebungen für Pretti und Proteste gegen das ICE-Vorgehen statt.

Erst am Freitag hatten in Minneapolis mehr als 10 000 Menschen auf den eisigen Straßen gegen die Anwesenheit der rund 3000 Bundesbeamten der US-Einwanderungsbehörde protestiert, Restaurants und Geschäfte blieben geschlossen. Die Schüsse auf Pretti waren bereits der zweite tödliche Einsatz dort innerhalb von nicht einmal drei Wochen. Am 7. Januar hatte ein Polizist der US-Einwanderungspolizei (ICE) die unbewaffnete Autofahrerin Renee Good erschossen. Zuletzt sorgte dann die Festnahme eines fünfjährigen Jungen durch ICE-Beamte für Empörung. Die Trump-Regierung hat tausende Bundespolizisten nach Minneapolis geschickt, um Ausländer ohne gültige Papiere festzunehmen und abzuschieben. Minneapolis zählt zu den sogenannten „Sanctuary Cities“, die Migranten ohne Aufenthaltsgenehmigung Schutz gewähren und nur begrenzt mit den Einwanderungsbehörden der Bundesregierung zusammenarbeiten.

Die Eltern des auf der Straße erschossenen 37-jährigen warfen den Einsatzkräften vor, ihren Sohn ohne legitimen Grund getötet zu haben. „Die abscheulichen Lügen, die die Regierung über unseren Sohn verbreitet, sind verwerflich und widerwärtig“, heißt es in einer Stellungnahme der Familie, die von mehreren US-Medien verbreitet wurde. „Alex hält eindeutig keine Waffe in der Hand, als er von Trumps mordenden und feigen ICE-Gangstern angegriffen wird.“ Er habe lediglich versucht, eine von einem Beamten zu Boden gebrachte Frau zu schützen, dabei ein Handy in der Hand gehalten und sei mit Pfefferspray besprüht worden, bevor die Schüsse fielen. Die Wahrheit müsse ans Licht gebracht werden.

Miller bezeichnet das Opfer als „Attentäter“

Das Heimatschutzministerium stellt den Fall als „Notwehr“ des Beamten dar: Er habe das Feuer eröffnet, weil er „um sein Leben und das Leben und die Sicherheit anderer Polizisten“ gefürchtet habe. Das Ministerium veröffentlichte zudem ein Foto, das die halbautomatische 9-Millimeter-Pistole des Mannes zeigen soll. „Er war dort, um Gewalt zu verbreiten“, erklärte Heimatschutzministerin Kristi Noem vor Journalisten mit Blick auf den Getöteten. Der stellvertretende Stabschef des Weißen Hauses, Stephen Miller, bezeichnete Pretti im Onlinedienst X als „Attentäter“. Vizepräsident JD Vance teilte den Beitrag.

Ein nicht verifiziertes Video scheint hingegen zu zeigen, wie Pretti eine Frau vor einem Tränengaseinsatz der Polizei zu schützen versucht – und dann von einem Polizisten weggezerrt wird. Der Beamte zieht Pretti zu Boden und mehrere Polizisten halten ihn dort fest. Laut dem Recherchekollektiv Bellingcat ist bereits kurz vor dem ersten Schuss zu sehen, wie einer der Beamten mit einer Pistole davonläuft, die der vom Heimatschutzministerium veröffentlichten Waffe ähnelt. Dann schießen zwei Beamte offensichtlich mit ihren Waffen, insgesamt werden „mindestens zehn Schüsse abgegeben“, erklärte Bellingcat. Die meisten Schüsse fielen demnach, „als der Mann bereits regungslos am Boden lag“.

Ein Richter in Minnesota hat nun eine einstweilige Verfügung zum Schutz der Beweismittel erlassen. Den Bundesbehörden ist es dem Gerichtsdokument zufolge untersagt, Beweismittel in Zusammenhang mit der Schussabgabe unter Beteiligung von Bundesbeamten zu „zerstören oder zu verändern“. Ausdrücklich gehe es auch um Beweismittel, die bereits vom Tatort entfernt worden waren. Geklagt hatten die Behörden von Minnesota gegen die Regierung von US-Präsident Donald Trump und deren untergeordnete Behörden wie das Heimatschutzministerium. Die Behörden des Bundesstaates werfen den Bundesbehörden vor, Beweismittel zurückzuhalten. Für diesen Montag, um 14.00 Uhr Ortszeit, ist eine Anhörung angesetzt.

Trump attackiert Demokraten im Netz

Schon als die 37-jährige US-Bürgerin Renee Good Anfang Januar bei einem ICE-Einsatz in Minneapolis in ihrem Auto erschossen worden war, bezeichnete die Regierung das Vorgehen als „Notwehr“ eines Beamten in akuter Lebensgefahr. Doch auch damals zeichneten Videos ein anderes Bild. Landesweit machte sich Empörung breit, Demonstranten und die oppositionellen Demokraten sprachen – wie auch jetzt wieder – von völlig überzogener Gewalt und mangelnder Transparenz bei der Aufarbeitung.

Gouverneur Walz forderte Trump nach dem Tod von Pretti erneut auf, den Einsatz von US-Bundespolizisten zur Abschiebung von Migranten in Minneapolis zu beenden. „Ziehen Sie die tausenden gewalttätigen, nicht ausgebildeten Polizisten aus Minnesota ab. Jetzt“, schrieb Walz auf X. Er forderte zudem, dass die tödlichen Schüsse von Ermittlern seines Bundesstaates untersucht werden müssten. Auch der Bürgermeister von Minneapolis, Jacob Frey, rief Trump auf, den Abschiebe-Einsatz zu beenden. Es müsse „Frieden“ geschaffen werden. Die demokratische Abgeordnete Ilhan Omar bezeichnete die tödlichen Polizeischüsse als „Hinrichtung“. Sie warf Trump vor, Minneapolis in ein „Kriegsgebiet“ zu verwandeln.

Trump reagierte allerdings mit scharfen Attacken. Frey und Walz würden „mit ihrer großspurigen, gefährlichen und arroganten Rhetorik zu einem Aufstand“ anstacheln, schrieb der Präsident auf seiner Onlineplattform Truth Social. Allerdings kamen aus seiner Partei auch vereinzelt andere Töne: Der republikanische Senator von Louisiana, Bill Cassidy, forderte eine gemeinsame Untersuchung des „unglaublich beunruhigenden“ Vorfalls durch lokale und Bundesbehörden. Er argumentierte damit, dass „die Glaubwürdigkeit von ICE und DHS auf dem Spiel steht“.

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