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Werbeverbot für Cannabis-AnbauvereineKein Gras drüber wachsen lassen

Berlins Cannabis-Anbauvereine klagen über das gesetzliche Werbeverbot. Doch aus postprohibitionistischer Not wird Erfindungsreichtum geboren.

Es duftet ähnlich wie die süßlich-schweren Dunstschleier, die verlässlich über etliche Berliner Parks hängen. Hier, in einer 700 Quadratmeter großen, aufwendig umgebauten Etage des Umspannwerks in Reinickendorf, riecht es aber auch angenehm frisch. Und nach einer cleveren Strategie.

Seit der Teil-Legalisierung im April 2024 ist die Cannabislandschaft im Wandel. Wer legal im größeren Stil anbauen möchte, muss eine Anbauvereinigung gründen, einen sogenannten Cannabis Social Club (CSC). Das „Gesetz zum Umgang mit Konsumcannabis“ zwingt diese Clubs jedoch in ein enges Korsett: Sie müssen als unkommerzielle Vereine agieren, dürfen keine Gewinne erzielen und im öffentlichen Raum keine Werbung für sich machen. Diese Regelungen könnten scheinbar idealistische Projekte ersticken.

Eines davon ist der Verein „Gourmet Greens Royal“ (GGR) von Alexander Schust. Als „Cannabis Social Club“ bezeichnet er sich jedoch ungern, das klinge nach verrauchtem Freizeittreff und Kiffer-Klischee. Stattdessen spricht er konsequent von einem Anbauverein und seiner „Manufaktur“. Bereits im Juli 2024 wurde der Verein eingetragen, nach der Lizenzierung im Frühjahr 2025 folgten im vergangenen Oktober die ersten Ernteerträge für die Vereinsmitglieder. Schust war einer der ersten in Berlin mit der Lizenz zum Betrieb eines CSCs. Er hat einen ausführlichen LinkedIn-Auftritt, wirkt wie ein Betriebswirtschaftler, gerade nicht wie ein Kiffer.

Cannabisbeete statt Sterne-Restaurants

Verwundern sollte seine Professionalität nicht. Schust ist seit 2021 mit „Gourmet Greens“ selbständig, einem Lebensmittelunternehmen für Microgreens, beliefert Hotels und Sternerestaurants mit Kresse, feinem Basilikum und essbaren Blüten. Sein mittlerweile ebenfalls legales Grünzeug tritt als Verein unter dem Zusatz „Royal“ auf. Mit dieser Cannabis-Manufaktur spiegelt er sein Geschäftsmodell, nur ohne davon profitieren zu dürfen.

Optisch hat Schust eher ein Agrar-Start-up als einen Hobbyclub hochgezogen. Schritte hallen von den hohen Decken, genauso wie ein dumpfes Summen von Maschinerie, das aus den Anbauzelten flüstert. Neben Schust und dem Growmaster Felix Jürgens ist auch das Vereinsmitglied Tim Hintelmann vor Ort. „In meiner ersten eigenen Bude, damals mit meiner Bong auf dem Sofa, hätte ich im Leben nicht gedacht, dass ich irgendwann mal völlig legal in so einer High-Tech-Hütte an den Pflanzen stehen kann“, murmelt der Baumpfleger während des Rundgangs. „Das ist echt ein Traum.“

An der Wand der ehemaligen Fabrikräume hängen Infoplakate, KI-generiert, die in galaktischem Design zeigen, was in den Zelten heranreifen soll. Kleine grüne Planeten in Marihuana-Optik schweben auf dem lilafarbenen Hintergrund und weisen auf kommende Online-Workshops hin. An jedem ersten Donnerstag im Monat wollen Schust und seine Vereinskollegen über Cannabis aufklären, den Unterschied zwischen medizinischem Gras und dem vom Schwarzmarkt zum eigenen Cannabis erklären.

Growmaster Jürgens, hauptberuflich Trainer und Masseur, schwärmt von den Setzlingen, zieht den Reißverschluss eines Zelteingangs herunter und zeigt die unterschiedlichen Wachstumsstufen der aktuellen Sorten. „Alles, was man hier sieht, kommt aus unseren Gießkannen. Das macht mich schon stolz.“ Durch die zeitliche Überlappung mit dem vorherigen Produktionszyklus können sie den Mitgliedern bald sechs bis sieben Sorten parallel anbieten. „Die Stecklinge und Klone kommen direkt aus High-Tech-Laboren in Österreich und Spanien“, erklärt Jürgens stolz. „Was wir hier an Reinheit und Aroma herausholen, schlägt alles, was man bisher aus Amsterdam kannte.“

„Erntefrisches Handwerk“

In den Niederlanden werden die auch zuhauf von ausländischen Touristen frequentierten Coffee-Shops wegen Anbauverboten über lange Zeit fast ausschließlich illegal beliefert. „Auf dem Schwarzmarkt weißt du nie, welches gestreckte Gift du bekommst“, gibt Schust zu bedenken, „und die Apothekenware, die jetzt den Markt überschwemmt, ist häufig völlig seelenlose Massenware, die monatelang in irgendwelchen Übersee-Containern lag.“ Sein Verein biete das genaue Gegenteil: „erntefrisches Handwerk“.

Weil man für das Ergebnis dieses Handwerks aber eine gewisse Menge an Abnehmern braucht, möchte die Manufaktur von Schust eine breite Masse von Menschen ansprechen. Ihnen gehe es gerade nicht darum, die klassischen Kiffer-Klischees zu bedienen. „Der Altersdurchschnitt unserer Mitglieder liegt bei 42 Jahren. Da sind Ärzte dabei, Handwerker, Beamte, Akademiker. Cannabis ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Genau diese Leute wollen einen sauberen, transparenten Ort.“

Selbst in der Powe-Point-Präsentation des monatlichen Workshops wird „eines unserer ältesten Mitglieder, Gisela S., beim Beschneiden einer Cannabispflanze“ gezeigt. Mit konzentriertem Blick und schwarzen Schutzhandschuhen. Nicht auf der Folie erwähnt: Gisela S. ist Schusts Mutter.

Das Werbeverbot macht es Clubs extrem schwer, überhaupt Fuß zu fassen und Mitglieder zu finden

Alexander Schust, Gourmet Greens Royal

Er selbst macht kein Geheimnis daraus, wie sehr die aktuellen deutschen Regeln seinen Verein bremsen. „Das Werbeverbot macht es Clubs extrem schwer, überhaupt Fuß zu fassen und Mitglieder zu finden“, klagt er. Das versteht er aber als Herausforderung. Seine Antwort auf die gesetzliche Werberestriktion ist kreativ.

Vor der Tür zum Anbauraum steht eine Garderobenstange. An ihr hängen neben unauffälligen Alltagsjacken auch dunkle Pullover. Schust zieht einen von ihnen hervor und zeigt die „Workwear“ seines Vereins. GGR-Merchandising dürften sie rechtlich nicht verkaufen, „Arbeitskleidung für Vereinsmitglieder im Gegenzug für eine Spende“ allerdings schon herausgeben. So präsentiert der Verein seine schwarzen Pullover (und T-Shirts) auch auf Instagram. So kann der Vereinsname ganz legal auf Textil durch die Straßen wandern.

Wie viele Mitglieder der Verein konkret hat, lässt sich bei Schust nicht in Erfahrung bringen. Zu wenige seien es, gibt er zu und lacht. Doch die Zahlen seien kontinuierlich gestiegen, es gebe Überlegungen, die Kapazitäten weiter auszubauen. Aktuell freue man sich über Neuzugänge. Um diese für sich zu gewinnen, könnten die monatlich stattfindenden Workshops als Magnet dienen. Doch bei der Veranstaltung, zu der sich die taz angemeldet hat, kommen keine Neuen. Vielleicht ja nächstes Mal.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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12 Kommentare

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  • Horst Sörens

    Sollen sie einfach einen zweiten Verein gründen und Im gleichen Gewächshaus Tomaten züchten. Die haben etwa gleiche Ansprüche. Tomatenvereine wird man ja wohl noch bewerben dürfen

    • Ingo Bernable

      @Horst Sörens:

      Das wäre illegal, denn dann hätten ja die Mitglieder der Tomatenanbauvereinigung Zugriff auf die Cannabispflanzen die im selben Gewächshaus wachsen. Es ist strikte räumliche Trennung einzuhalten und mit höchsten Standards Einbruchsicherheit und Zutrittskokntrolle zu gewährleisten. Wahrscheinlcih wäre es sogar schon problematisch wenn die Tomatenzüchter für den Zugang zu ihren Pflanzen das befriedete Besitztum der Cannabisanbauvereinigung durchqueren müssten, so dass man erst einmal einen separaten Eingang zu deren abgetrennter Gewächshaushälfte einbauen müsste.

  • Il_Leopardo

    Ein paar hundert Meter von mir entfernt, gibt es so eine Szene-Kneipe. Im Sommer gibt es auch einige Tische draußen. Immer wenn ich da vorbeigehe, weht da so ein Duft herüber - Sie wissen schon!



    Also, ich halte gar nichts davon. Bin mein Leben lang ohne Drogen ausgekommen (nur L-Tyroxin muss ich seit 30 Jahren nehmen) und verstehe nicht, warum man sich - möglicherweise sogar täglich - betäuben muss. Wenn das Leben so scheiße ist, dann muss man halt daran etwas ändern.

    • Ingo Bernable

      @Il_Leopardo:

      Wenn man ganz offensichtlich weder von der Materie noch der Motivation der Leute nicht einmal den Hauch einer Ahnung hat könnte man sich ja auch einfach mal damit zurückhalten ein Urteil über sie zu fällen.

      Der Anteil der Cannabiskonsumierenden die problematische Konsummuster pflegen ist ziemlich genauso groß wie er es bei Alkoholkonsumierenden ist und den Szene-Bar-Besuchern die sich statt an einer Tüte an einem Cocktail oder dem vielleicht auch schon fünften Bier erfreuen unterstellen sie ja auch nicht pauschal täglich konsumierende Alkoholiker auf Realitätsflucht zu sein.

      • Il_Leopardo

        @Ingo Bernable:

        Ich trinke im Jahr, ich wiederhole pro Jahr, zwei Gläser - ein Glas Wein bei der Weihnachtsfeier und ein Glas Sekt zur Begrüßung des Neuen Jahres. Das war e schon. Die Ärzte wollen mir das nie glauben - aber es ist die Wahrheit.



        Alkohol ist "vergiftete Muttermilch"!

        • Ingo Bernable

          @Il_Leopardo:

          Ihre Abstinenz sei ihnen gern zugestanden, eine Entschuldigung oder Rechtfertigung dafür Vorurteile zu pflegen und zu verbreiten ist das aber auch nicht.

          Sie schreiben sie verstehen nicht warum Menschen psychoaktive Substanzen konsumieren. Wenn sie es verstehen wollten, gäbe es dafür eine simple Lösung: einfach mal nachfragen. Oder eben, wenn die Hürde die Leute die da in ihrer Szene-Kneipe Alk/Gras/... konsumieren anzusprechen zu hoch ist, eben mal Statistiken lesen. Aber das tun sie nicht, weil sie sich ja von vornherein vollkommen sicher sind, dass wer irgendwas konsumiert eh ein kaputter Junkie ist der weder auf die Realität noch auf sein Leben klar kommt und ganz dringend mal was an sich und seinem Konsum ändern sollte. Und damit ist der Stab dann eben über rund 94% der erwachsenen Bevölkerung die nicht total-abstinent leben möchten auch schon gebrochen.

          • Il_Leopardo

            @Ingo Bernable:

            Selbstverständlich verstehe ich, warum Menschen zur Flasche oder anderen "Betäubungsmitteln" greifen. Auch in meinem langen Leben gab es genügend schwere Momente oder auch Krisen oder ich fand das Leben mitunter öde und langweilig. Aber statt zur Flasche oder anderen "Betäubungsmitteln" zu greifen, fand ich andere Lösungen - Lösungen, die nachhaltig waren.

            • Ingo Bernable

              @Il_Leopardo:

              Nein, sie verstehen es ganz offensichtlich nicht oder zumindest sehr gründlich falsch. Das sind einfach nur pauschale Vorurteile. Wenn da Leute in der Kneipe gegenüber bei einem Glas Bier oder Wein zusammen sitzen ist das wohl kaum Ausdruck von Krise und Realitätsflucht. Und wenn ein paar Freunde sich bei einem Open-Air eine Tüte teilen ist es das genauso wenig. Rund 90% der Alkohol- wie Cannabiskonsumierenden entwickeln niemals problematische Konsummuster. Und auch die Motive gleichen sich insofern als, dass Spaß, Genuss, Gemeinschaft, Entspannung sehr viel verbreiteter sind als sog. Bewältigungsmotive. Die Annahme, dass jeglicher Konsum immer gleich Betäubung immer gleich Sucht sei ist völliger Quatsch. Das Thema Substanzkonsum mit ideologischer Verblendung, moralischer Überhöhung von Abstinenz und auf Basis falscher Annahmen zu diskutieren hilft niemanden, am allerwenigsten jenen die tatsächlich einen problematischen Konsum pflegen.

              • Il_Leopardo

                @Ingo Bernable:

                5 Gläser Bier zum Entspannen?



                Es gibt ca. 10 % Alkoholabhängige, hinzu kommen Abhängigkeiten von Drogen. Und die Zahl nimmt stetig zu. Allein der Kokain-Konsum nimmt ständig zu.



                Wenn ich also von 20% Abhängigen ausgehe, ist das kein geringfügiges Problem mehr. Sie verniedlichen hier etwas.

                • Ingo Bernable

                  @Il_Leopardo:

                  Inwiefern ist denn der Hinweis darauf, dass wenn ewa 10% einen problematischen Konsum praktizieren, was anders als von ihnen suggeriert deutlich weiter gefasst ist als eine manifeste Abhängigkeitserkrankung, die übrigen 90% eben nicht problematisch konsumieren "verniedlichend"?



                  Und was spricht dafür sich immer noch an die Idee zu klammern, dass irgendwas dadurch besser würde so zu tun als ob jeder Konsum, immer und zu 100% problematisch wäre und unterbunden werden müsse? Im Zuge der Cannabisentkriminalisierung zeigte sich, dass der Konsum sich überhaupt gar nicht geändert hat, das Verbot also offenbar komplett(!) wirkungslos war, aber dazu führte, dass die Mafia verdiente und die Menschen zwar nicht weniger aber dafür gefährlich gestrecktes Zeug rauchten während die Angst vor Strafe vor Allem davor abschreckte sich bei Bedarf Hilfe zu suchen.



                  Wenn sie wirklich etwas an den problematischen Aspekten von Substanzkonsum verbessern wollen, wird das weder mit Verboten, noch mit der Predigt von Moral und Abstinenz gelingen, sondern nur indem man die gesellchaftlichen Bedingungen dafür schafft vorurteilsfrei über Konsum sprechen und damit auch reflektieren zu können.

                  • Il_Leopardo

                    @Ingo Bernable:

                    Sie dürfen sich gerne weiterhin eine Tüte drehen oder hin und wieder zu tief ins Glas schauen. Ich amüsiere mich auch sehr gut ohne Alkohol oder Drogen.

  • Ingo Bernable

    Ich denke man muss solche Entwicklungen mit sehr gemischten Gefühlen betrachten. Einerseits ist klar, dass es auch eine legale und professionell betriebene Produktion braucht. Andererseits sollte man sich schon fragen ob die absehbare Entwicklung die an all den Startups, Entrepreneuren und Glücksrittern die sich da aktuell mit der Hoffnung auf einen irgendwann auch kommerziellen Markt in Stellung bringen und dazu eben auch das Vehikel Anbauvereinigung nutzen um sich schon mal zu positionieren wirklich eine gute ist. Wenn da ständig betont wird maximale Distanz von Kiffern, also doch eigentlich genau die Leute um die es zuvorderst gehen sollte, zu haben, hat das eben nicht nur Imagepflege zum Ziel, sondern auch die Erschließung neuer Zielgruppen. So nötig eine echte und vollständige Legalisierung auch ist, sollte man dabei schon berücksichtigen, dass eine Hyperkommerzialisierung wie in den USA oder Kanada auch nicht das Ziel sein sollte, denn das was da zwischen BWL und aggressivem Marketing unter die Räder kommt ist eine Cannabiskultur, die eben nicht nur Folklore und Kifferklischee ist, sondern eben auch soziale Einbettung des Konsums einer Droge und damit Risikoreduktion.