Wenn die Kultur nicht mehr zählt: Anklage gegen eine Kulturnation

Die Deutschen lieben Künstler:innen, die keine Probleme machen. Die widerborstigen eher nicht, vor allem in Coronazeiten.

Ein leerer Kinosaal

Kinos sind keine Imbissbuden, die man von heute auf morgen schließen kann Foto: Frank Sorge/imago

Deutschland rühmt sich stets, eine Kulturnation zu sein. In diesem Land sind solch großartige Künstler wie Goethe, Lessing, Mendelssohn, Bach und Mozart, gut, er war Österreicher, aber damals gab es Österreich auch noch nicht, dann wäre da auch noch Christoph Waltz, gut, er ist ebenfalls Österreicher, aber es gibt auch noch Wolfgang Petersen – huch, der wollte dann aber lieber in Amerika leben.

Egal, es gibt und gab viele bedeutende Künstler in diesem Land. Komisch nur, dass dieses Land die toten Künstler lieber mag als die lebendigen. Wahrscheinlich, weil sie keinen Schaden mehr anrichten können.

Warum muss erst ein Filmregisseur aus Hollywood kommen, um zu erkennen, dass es hier Talente wie Christoph Waltz gibt? Warum hielt es Klaus Kinski hier nicht aus, nun ja, das kann vielerlei Gründe haben. Aber warum erkennt hier keiner das Talent von Diane Kruger? Warum hielten es Romy Schneider, Marlene Dietrich, Heike Makatsch hier nicht aus? Ganz zu schweigen von all den Verfolgten im „Dritten Reich“. Was ist an diesem Land, das es verhindert, dass Stars entstehen und bleiben wollen?

Vielleicht braucht dieses Land einen Neustart. In Berlin ist alles anders, heißt es. Berlin ist nicht Deutschland, heißt es, doch auch in Berlin ist einiges deutsch. Auch hier wird um drei Uhr nachts, bei keinem Verkehr, an einer roten Ampel gewartet. Auch hier werden Nachbarn angeschwärzt, die den Müll nicht sachgemäß trennen. Auch hier ist es vielerorts schon sehr gemütlich geworden und Kreuzberger Nächte sind mittlerweile eher recht kurz.

Warum weiß dieses Land trotzdem immer alles besser? Woher kommt diese unerklärliche Arroganz? Und warum wollen selbst Deutsche selten deutsche Filme sehen?

Mehr Frage als Anklage

Ich habe keine Antwort darauf, ich weiß nur, dass es so ist. Ich merke auch, dass dieser Text mehr eine große Frage als eine große Anklage wird, aber vielleicht ist da ja ein kluger Leser, der es mir erklären kann.

Kommen wir also schon zum nächsten Punkt.

Die Frage ist doch: Sollte es uns nicht darum gehen, Neues zu erleben? Neues zu wagen?

Warum wünschen sich alle Kunst- und Kulturveranstalter einen neuen Christoph Schlingensief, einen neuen Bertolt Brecht, einen neuen Frank Wedekind, einen neuen Georg Büchner, einen neuen Kurt Weill? Zu ihren Lebzeiten wurden sie nicht gefördert, ihnen wurden alle möglichen Steine in den Weg gelegt, sie waren unbequem, haben das System hinterfragt und an seinen Grundfesten gerüttelt. Aber jetzt, retrospektiv, waren sie so spannend und unangepasst; nur, wer hat sie damals unterstützt? Brecht ist raus aus Deutschland, Schlingensief bekam Krebs, starb früh, und Wedekind kam in den Knast. Kurt Weill floh über Paris nach Amerika, Georg Büchner floh nach Straßburg.

Die gemütlichen Künstler, die, die keine Probleme machen, die haben es leicht, aber die, die die Finger in die Wunde legen, die braucht man nicht, die will man nicht. Die können gern verschwinden. Die Deutschen wollen eine Kultur, bei der man schon vorher weiß, was passieren wird, eine gezähmte Kultur, doch diese Kultur kann uns nur Dinge sagen, die wir vorher schon wussten. Sollte es uns nicht darum gehen, Neues zu erleben? Neues zu wagen? Wenn wir stets nur das Vertraute aufwärmen, wird uns das nicht gelingen.

Gut sind die Deutschen auch darin, sogenannte Kunst über die anderen Nationen zu machen, ihnen ihr „falsches“ Benehmen vor Augen zu führen. Aber bemerkenswerterweise kommen bemerkenswerte Filme über Nazideutschland nicht aus Deutschland. Dieses Kapitel wird allzu gern umschifft und das, obwohl die Deutschen so gut darin sind, Nazis zu verkörpern.

Kinos sind keine Imbissbuden

Wie viele Kinos werden die Pandemie nicht überleben? Wie viele Filmproduktionen werden nicht über die Runden kommen? Wie viele Schauspieler werden ihren Beruf wechseln? Wie viele Maskenbildner werden bald einen anderen Job haben? Wie viele freie Theater werden schließen müssen?

Kinos sind keine Imbissbuden, die man von heute auf morgen schließen kann. Verleiher brauchen Planungssicherheit, um sinnvoll arbeiten zu können. Filme müssen beworben werden und das braucht nun mal Zeit. Wenn wir unsere Kulturstätten nicht schützen, dann werden wir sie verlieren. Die Gefahr droht, dass Menschen vergessen, was für ein einzigartiges Erlebnis es ist, einen Film oder ein Theaterstück gemeinsam mit einem Publikum zu schauen. Jeder Abend ist unterschiedlich, weil das Publikum Teil des Erlebnisses ist; so etwas gibt es alleine vor dem Laptop nicht. Oder entdecken wir bald das digitale Kino? Das digitale Theater? Das zusätzlich neben dem Herkömmlichen existiert.

Doch dafür muss sich etwas bewegen; dafür braucht es Mut und Offenheit. Dafür braucht es neue Wege, Experimente, die scheitern dürfen, vielleicht sogar müssen. Da reicht es nicht, Inhalte wahllos in den digitalen Raum zu werfen. Da braucht es Konzepte und Ideen, die ein Gruppenerlebnis, so wie wir es kennen und schätzen, digital nachbilden.

Wie kann es sein, dass Filmemachen in Deutschland bedeutet, gut darin zu sein, Formulare auszufüllen? Wie kann es sein, dass man schon im Vorfeld wissen muss, was in einem Dokumentarfilm passieren wird? Wie kann es sein, dass in Pandemiezeiten Kulturveranstaltungen mit Freizeitparks gleichgesetzt werden?

Ist Kunst eine Kürveranstaltung, auf die man problemlos verzichten kann? Nur warum finden wir dann Zeichnungen in Höhlen von vor über 10.000 Jahren? Warum spielen wir Theaterstücke der alten Griechen, die 2.500 Jahre alt sind? Warum gibt es Musikinstrumente seit Tausenden von Jahren? Nur zum Spaß? Nur als Kür? Nur aus Langeweile?

Ich sage nein! Die Menschen brauchen die Kultur, so wie sie das tägliche Brot brauchen. Es ist unsere geistige Nahrung.

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Jahrgang 1979, ist Autor und Filme­macher aus Berlin. Er hat an der Athanor Akademie Regie studiert und seitdem zahlreiche Filme und Theaterstücke realisiert.

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