piwik no script img

WeinverkostungSilvaner Superstar

Riesling, Bacchus, Müller-Thurgau – alles köstliche Weine. Aber seitdem unser Kolumnist umgeben von Silvaner-Reben ist, hat er einen neuen Favoriten.

V or einigen Jahren bin ich einmal einem Sommelier mit einem großen Tattoo auf dem Unterarm begegnet, „riesling rules“ stand da. Das fühlte sich für mich schon damals nicht richtig an. Heute bin ich sicher, dass die tollste Rebsorte der Welt eine andere ist: Silvaner!

Es ist der Wein, der in den Weinbergen rund um unseren Gasthof wächst. So bekomme ich automatisch viel von ihm mit. Und was ich da trinke, das ist so unterschiedlich und vielfältig, dass mir nie langweilig wird. Von Scheurebe, Bacchus oder Müller-Thurgau kann ich das nicht behaupten. Es gibt Silvaner zitrisch-frisch, mineralisch-reduktiv, kernig oder schmelzig, exotisch-fruchtig, perlig-blubbernd oder als Spätlese mit angenehmen Trockenobstnuancen.

Und ich rede dabei nur von Reben, die in einem Radius von 15 Kilometer stehen. Altern kann er auch noch. Neulich habe ich ein Glas von einem 2013er-Jahrgang bekommen. So frisch! Kein Oldie, ein Youngtimer.

Wenn Silvaner eins nicht ist, dann so sauer wie Riesling.

Auch als Speisebegleiter ist der Silvaner ein Allrounder. Hier in Unterfranken wird für den Wein mit dem Slogan „Spargel liebt Silvaner“ geworben, aber er geht genau so zu Geflügel und Fisch, selbst wenn die Forelle oder die Tauben mild geräuchert sind. Ich empfehle Silvaner zu einem Blumenkohlschnitzel wie zu Rehragout. Es kommt nur darauf an, was für einen. Wir haben inzwischen fast zwei Dutzend auf der Karte, mehr als alle Rebsorten zusammen. Jung und alt, im Holz oder in Granit gereift, als Orange- und als Naturwein.

Fruchtig oder mineralisch

Was Silvaner dafür so geeignet macht: Wie wenige andere Weine hat er die Fähigkeit, das Terroir – also den Boden, in dem er wächst – perfekt aufzunehmen. Da die Eigenaromatik sehr zurückhaltend ist, setzen sich die Wachstumsbedingungen im Geschmack um. Steht er auf Muschelkalk, wird er fruchtiger, auf Gipskeuper mineralischer. Auffällig viele Gäste haben Bedenken und fragen nach Riesling, weil Silvaner zu sauer sei. Aber wenn Silvaner eins nicht ist, dann so sauer wie Riesling.

wochentaz

Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!

In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

Bei uns in Castell ist Silvaner zuerst eingepflanzt worden. 1659 war das. Damals hieß der Wein noch Österreicher und kam auch dorther. Heute heißt es in Franken „Silvaner rules“. Von keiner anderen Rebsorte wird mehr angebaut. Und der Silvaner profitiert sogar vom Klimawandel. Die ansteigenden Temperaturen helfen den Winzern, sein ganzes Potenzial zu entfalten. In diversen Weinführern bekommt er Spitzenbewertungen wie sonst nur Riesling.

Auch im Ausland hat sich das rumgesprochen. Ich kenne hier junge Winzer, die ausschließlich die Spitzengastronomie in Dänemark oder den USA beliefern. Okay, fast ausschließlich. Ein paar Flaschen von ihnen habe ich auch im Keller.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Jörn Kabisch

Jörn Kabisch Autor

Wirt & Autor für taz und FuturZwei
Mehr zum Thema

0 Kommentare