Weimer und die Nationalbibliothek: Plötzlich voll digital
Bevor er Kulturstaatsminister wurde, liebte Weimer Print. Das gedruckte Wort sei wie ein Kuss, schrieb er. Das scheint sich radikal geändert zu haben.
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat einen geplanten Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig gestoppt. Der Anbau war für die Aufbewahrung physischer Medienwerke vorgesehen. Weimer begründet seine Entscheidung damit, dass die Sammlung gedruckter Werke angesichts der Digitalisierung der Lebenswelt nicht mehr zeitgemäß sei. Diese Erklärung überrascht. In seiner Zeit als Chefredakteur bei Cicero und danach beim Focus war Weimer deutlich kulturkonservativer aufgetreten.
Weimers ehemalige Haltung zum Wert des Gedruckten stammt aus den späten Nullerjahren, als E-Books und Onlinejournalismus den klassischen Printmedien zunehmend klare Konkurrenz machten. Zur Deutschlandpräsentation von Amazons Kindle im Jahr 2008 erschien unter Weimers Leitung im Cicero etwa ein „Plädoyer fürs Umblättern“, flankiert von einer Reportageserie über die analogen Privatbibliotheken bekannter Persönlichkeiten wie Elke Heidenreich, Rüdiger Safranski oder Juli Zeh.
Seine früheren Ansichten treten besonders in einem Essay hervor, den Weimer 2010 für das Jahrbuch des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) schrieb. Ironischerweise findet man dieses Medium heute nur noch in großen deutschen Bibliotheken, die selbst noch Platz für Printpublikationen haben.
Die damalige Ausgabe des VDZ-Jahrbuchs beschäftigte sich allgemein mit den Herausforderungen und Chancen der Digitalisierung für das Presse- und Verlagswesen. Weimers Text trug den Titel: „Das gedruckte Wort ist wie ein Kuss.“ Er war durchaus programmatisch für den Rest des Artikels zu verstehen. Weimers Argumentation zielte weniger auf Nostalgie ab als auf die Erfahrungsqualitäten gedruckter Medien.
Gedruckte Texte besaßen für Weimer eine fast erotische Haptik. Sein Essay begann mit Fragen wie: „Riechen Sie lieber an einer Blume oder am Bild einer Blume?“ Und: „Lieben Sie lieber, ohne zu küssen?“ Weimers Antwort: „Man kann lieben, ohne zu küssen, aber warum sollte man. Die Blume und der Kuss sind wie das gedruckte Wort.“
Heimstatt der Eigentlichkeit
Mit einem Blick in die Vergangenheit warnte Weimer vor Utopisten, die ein Ende von Printerzeugnissen versprachen. Schon „in den sechziger Jahren“ habe es „Science Fictions“ gegeben, die fälschlicherweise „das Ende des herkömmlichen Essens vorhersagten“.
Auch könnte man Printinhalten eher glauben als digitalen. Weimer zufolge seien Printmedien als eine „Heimstatt der Eigentlichkeit“ zu verstehen, denn Print sei „wirklicher als elektronische Medien“ und „auch dem Print-Inhalt wird die Wirklichkeitsnähe stärker zugesprochen“.
Zum Erscheinungszeitpunkt seines Essays war Weimer gerade zum neuen Focus-Chef ernannt worden. Speziell über den Printjournalismus meinte er in Übernahme eines Zitats von Ernst Jünger, die „Intelligenz ist unsere glitzernde Uniform“. Print stehe nach Weimer für Seriosität und Intellektualität, Digitalität dagegen für Oberflächlichkeit und Flüchtigkeit.
Generell äußerte sich Weimers ehemalige Printliebe in Verweisen auf die Unbeständigkeit elektronischer Medien. Auf Datingwebsites könnte man zwar virtuelle Umarmungen bekommen, das würde menschliche Bedürfnisse nach Dauerhaftigkeit aber nicht befriedigen. Weimer plädierte bei seinen Verlegerkollegen schließlich für „mutige Investitionen“ ins Printsegment.
Offenbar hat Weimers Beziehung zum gedruckten Wort nun trotzdem nicht gehalten. Ob das ein bloßes Ergebnis der aktuellen Haushaltslage ist oder ob dahinter ein neuer Glaube an die Allmacht der Digitalisierung steht, muss vorerst offenbleiben. Zumindest zeigt sich einmal wieder die ideologische Wandelbarkeit eines rechtskonservativen Kulturkritikers.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert