Weihnachten in Berlin: Entzauberung erst nächstes Jahr

Freunde wurden ausgeladen, die Eltern schicken über Whatsapp eine Weihnachtspredigt aus dem Rheinland. Und Gedichte gab es auch.

Leuchtender Weihnachtsbaum in einer Wohnung in Berlin

Freunde und Eltern ausgeladen: Weihnachten in Berlin Foto: Jochen Eckel/imago

Es war schon sehr ruhig. Die Nachbarn im nicht trittschallisolierten Dachgeschoss über uns: offenbar waghalsig bei Oma und Opa. Die Nachbarn unter uns: mit vollgepacktem Auto samt Hund und Pferdeanhänger zur Mutti aufs Land, gleich für mehrere Wochen, die freiwillige Quarantäne im Vorfeld soll sich lohnen. Der Seitenflügel vom Nachbarhaus: malermäßig aufgehübscht, aber fast komplett entmietet.

Die Neubau-Eigentumswohnungen, die der Projektentwickler Frankenstein Consult in die Bombenlücke hinterm Haus gequetscht hat: noch nicht bezogen. Im Görlitzer Park vorne raus: fast gepflegte Ruhe, locker gestreute, bourgeois anmutende Spaziergehende, Dealer und Friends spielen, wohl um sich warmzuhalten, leise Frisbee im Schneeregen.

Die Freunde, die zum Essen kommen sollten, wurden wieder ausgeladen, eine Übernachtungsverabredung der Kinder gecancelt.

Von den Eltern im Rheinland kommt per Whatsapp ein Foto: Der örtliche Karnevalswagenbauer, derzeit arbeitslos, hat ein Gefährt gebastelt, mit dem der Pfarrer jetzt an Heiligabend durchs Städtchen rollt, um Open-Air-Metten zu halten. Darauf fliegt ein mit Spikes gespicktes Pappmaschee-Virus wie eine fiese Kanonenkugel auf den Stern von Bethlehem zu.

„Dieser Stern verglüht“

Es soll zuversichtlich stimmen, dass im Schweif des Virus „Dieser Stern verglüht“ steht, im Schweif des bedrohten Klassikers aber „Sein Licht leuchtet ewig“. Der Pfarrer hat vor diesem Aufputz eine Predigt in Form einer Büttenrede gehalten über das Beherbergungsverbot vor 2.000 Jahren und so. Was haben wir gelacht.

So lustig hat’s die schwäbische Pfarrerin der feministischen Gemeinde in der Glogauer Straße nicht. Vor knapp 30 Versprengten (Voranmeldung, schlechtes Wetter, mutierte Varianten) beschwört sie die Erde als bedrohte Herberge und fordert Abkehr von Massentierhaltung, Fleischkonsum und fossiler Energie. Im Kirchgarten werden zwei mit zerschlissenen Palitüchern behängte Laubsägeschafe durchs Rund getragen, der Engel jongliert mit Feuerkeulen. Liebes Kreuzberg.

Zu Hause auf dem Bildschirm dann erst mal Oliver Polak und Erobique, die pünktlich zum Fest gemeinsam und doch getrennt ein süßes Monitorkamera-Video zu ihrem Song „Corona Forever“ in der „Sad Piano Version“ veröffentlicht haben. Wie niedlich sie sich zuwinken am Ende.

Große Augen, das ganze Programm

Ich habe Tränen in den Augen und muss sofort Weihnachtslieder auf meinem alten Klavier spielen, das die Eltern im ersten Shutdown via Spedition nach Berlin geschickt haben. Jetzt steht es neben dem Esstisch und trägt die ganze Ambivalenz von bürgerlicher Konvention und der Möglichkeit freien Selbstausdrucks in sich. Es ist ein Ros entsprungen. Aber nicht lange, die Kinder wollen Bescherung.

Heimlich aktivieren wir die Klingelglöckchen-App, legen das Handy vor die Kinderzimmertür und essen im Zimmer Stollen. Fünf Minuten später bimmelt es wie von Zauberhand. Große Augen, das ganze Programm. Natürlich glauben die Kinder jetzt wieder volles Rohr ans Christkind, wie dumm von uns, wir könnten nach all den Jahren ganz gut mal Dankbarkeit gebrauchen. Aber: Entzauberung der Welt auf nächstes Jahr verschoben.

Einen Tag später: Die Kerzen am Bäumchen brennen noch mal, der Mann liest was vor, alle sind besinnlich drauf. Plötzlich will ich auch etwas beitragen. Aus dem Band mit den expressionistischen Gedichten lese ich stumpf das erste: Jakob van Hoddis, „Weltende“, 1911. „Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,/ In allen Lüften hallt es wie Geschrei./ Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei,/ Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut. Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen/ An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken./ Die meisten Menschen haben einen Schnupfen./ Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.“

Die Kinder gucken irritiert, wie gut, dass wir nicht mit dem Zug zu Oma und Opa. Ich sage nur: Hey, cool, 109 Jahre, so schnell scheint’s mit dem Ende der Welt doch nicht zu gehen.

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