Weihnachten im Gefängnis: Kekse im Knast

Ein Verein organisiert Geschenksendungen ins Gefängnis. Unsere Autorin macht mit, fragt sich aber: Hat der Häftling mein Geschenk wirklich verdient?

Das Brettspiel Solitär aus Holz in der Gesamtansicht

Womöglich ein passendes Geschenk für einen Häftling: Das Spiel „Solitär“ Foto: Team­arbeit/imago

„Ich wurde gefragt, ob ich Raucher bin und was ich mir wünsche. Diese Frage werde ich nicht beantworten, denn ich finde, wenn man schon ein Paket zu Weihnachten bekommt, sollte es auch eine Überraschung sein, was im Paket ist.“

Der Brief kommt aus der JVA Rosdorf. Wenige Tage zuvor hatte ich mich beim Verein Freiabonnements für Gefangene e. V. dafür gemeldet, einem Gefängnisinsassen ein Weihnachtsgeschenk zu schicken. Spontan, zum ersten Mal.

Der Absender mit der jugendlich wirkenden Handschrift voller Kringelchen sitzt nicht einfach im Gefängnis. Er ist ein Sicherungsverwahrter, also jemand, der zum Schutz der Allgemeinheit und seiner Opfer auch nach abgesessener Strafe nicht freigelassen wird.

Sicherungsverwahrung. Wem schenke ich hier eigentlich was? Ich suche im Internet nach seinem Namen. Als ich glaube, den Absender in alten Zeitungsmeldungen identifizieren zu können, gerate ich unter Druck.

Keine Belohnung verdient?

Der Mann hat Gewaltverbrechen begangen, er sitzt zu Recht. Vielleicht bedauert er das zutiefst. Ich sollte seine Opfer unterstützen, nicht ihn. Könnte er glauben, ich verurteile seine Taten nicht, wenn ich ihm etwas zu Weihnachten schicke? Er hätte Therapie gebraucht, früh, einfach zugänglich. Er wünscht sich nur eine Überraschung. Er hat keine Belohnung verdient. Sucht meine eigene unterdrückte Aggression sich hier an einem Ausgestoßenen zu entladen? Will ich nur performen, wie großmütig und aufgeklärt ich bin?

Es scheint, als wollte ich zwar etwas für „die Gefangenen“ tun, aber nicht für diesen. Es wäre einfacher, diese Widersprüche nicht aufzulösen und alles abzubrechen. Wie gehen andere damit um?

Susanne Uhl verschickt schon seit zehn Jahren Geschenke an Gefangene, gemeinsam mit ihrem 15-jährigen Sohn. Dass die Empfänger auch Menschen sein können, die schlimme Dinge getan haben, ist ihr völlig klar; nach ihnen gegoogelt hat sie jedoch nie. „Ich stelle mir nicht Robin Hood hinter Gittern vor.“ Aber: „Ich halte die Briefe in den Händen, sehe die Handschrift und denke – mein Gott, das sind ganz junge Menschen.“

Sie fände es zwar schön, wenn jemand in Haft Schuldeinsicht entwickelt, aber ihr gehe es beim Schenken nicht um Vergebung oder Besserung. Jeder Mensch hat es verdient, einfach mal einen Kaffee zu trinken oder eine Zigarette zu rauchen. Ihr Sohn hat eine Notiz mit seinen Gedanken dazu verfasst: „Wenn Gefangene keine Nähe zu Familien haben, gibt man ihnen mit dem Päckchen ein Stück Normalität zurück.“

Was dem Teenager schon klar ist, muss ich für mich noch klären. Meine inneren Widersprüche existieren, weil ich gleichzeitig solidarisch mit Gefangenen sein will und ihnen während der Extremerfahrung Knast ein bisschen beistehen – gleichermaßen aber auch regressiv auf Bestrafung der Bösen beharre.

Haltbare Lebensmittel

Ich kann die Regression anhalten, indem ich mir sage, dass die Bestrafung bereits geschehen ist: in Form der traurigen Ultima Ratio unserer Gesellschaft, dem fortdauernden Freiheitsentzug.

Als ich ein Kind war, spielten wir manchmal an einem alten Turm, in dem früher mal ein Kerker gewesen sein soll. Wir stellten uns vor, dort jahrelang „bei Wasser und Brot“ angekettet zu sein. Grausam, dass die Menschen das übers Herz brachten, war damals unser Urteil. Warum gönne ich dann heute einem Häftling keine Kekse? Von da an wird es einfacher.

Ich durchsuche den Supermarkt nach haltbaren Lebensmitteln, die etwas weihnachtliche Wärme verbreiten. Brownies, luftgetrocknete Salami, ein etwas kümmerlich aussehender Rührkuchen mit Zuckerguss, der dafür aber bis Ende Januar gut ist. Gebrannte Mandeln, deren hypnotischer Geruch jeden Mensch auf ein Volksfest beamt. Ich erinnere mich, Menschen im Krankenhaus gesehen zu haben, die die lange Zeit mit Rätselheften zum Verrinnen zwingen.

Also los, Rätselheft. Im nächsten Geschäft glaube ich, mit dem Abreißkalender „Unnützes Wissen“ etwas gefunden zu haben, das ihn ein ganzes Jahr unterhalten wird. Ich stelle mir vor, wie er damit einen Mithäftling zum Lachen bringt. Eine Verkäuferin rät mir zu „Solitär“, das er allein spielen kann.

Das kunstvolle Einpacken, eigentlich die halbe Miete beim Schenken, fällt hier flach, der Paketkontrolle wegen. Ich knülle etwas Seidenpapier zusammen und lege es zu den Geschenken in den Karton. Auf die Karte schreibe ich auch, dass ich selbst immer gerne Solitär gespielt habe – weil ich fürchte, dass er enttäuscht sein könnte.

Kein Liebesentzug

Dass er vielleicht doch Raucher ist und sich nur nicht traute, mit konkreten Wünschen fordernd zu erscheinen. Und dann komme ich mit einem Holzspiel um die Ecke. Weihnachten ist ja auch Tag der Abrechnung. So kenne ich das. Die Bescherung ist der Abschluss der jährlichen Moralbuchhaltung. Tolle Geschenke bedeuten, dass man gut war. Ich hoffe, ich liege nicht total daneben mit meiner Auswahl.

Die christliche Straffälligenhilfe Schwarzes Kreuz e. V. organisierte dieses Jahr 1.644 Weihnachtspäckchen für Gefangene. Ich frage Ute Passarge, die dort die Öffentlichkeitsarbeit macht, was sie von meinen anfänglichen Skrupeln hält. „Nicht jemand, der es verdient hat, sondern jemand, der sich besonders freut, wird beschenkt. So kann daraus auch etwas wachsen“, antwortet sie.

Viele Leute verschicken mehrere Pakete. Und die Empfänger antworten: „Es ist das erste Mal seit 16 Jahren, dass ich von außerhalb etwas bekommen habe“, schreibt einer. Ein anderer berichtet, es sei nach der Verteilung der Pakete auffällig viel geteilt worden. Genau wie das Schwarze Kreuz leitet Freiabonnements für Gefangene e. V. diese Botschaften weiter.

Stephan Grosser schickt seit 2004 Geschenke an Gefangene. Es sei nicht ein einziges Mal vorgekommen, dass einer sich nicht bedankt habe, sagt er mir am Telefon. Ich erzähle auch ihm von meinen widersprüchlichen Impulsen – und wie ich mir sagen musste, dass ich hier nicht die strafende oder bewertende Instanz zu sein brauche. Er findet die passenden Schlussworte für diesen Text: „Die Gesellschaft straft durch Freiheitsentzug, nicht durch Liebesentzug.“

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